Schmelze in den Alpen – So zeigt sich der Gletscherschwund auf der Karte

Es sind Tausende von Luftbildern, die momentan beim Bundesamt für Landestopografie Swisstopo in Wabern bei Bern eintreffen. Die Aufnahmen hat der Flugdienst von Swisstopo gemacht. Im Fokus dieses Jahr: die Walliser und die Waadtländer Alpen. Jedes Jahr überfliegt der Bund einen Drittel der Schweiz und dokumentiert damit die Veränderungen der Landschaft.
«Ich bin ein Kind aus den Bergen», sagt Tobias Providoli. Doch er wage fast nicht, sich die neuesten Bilder anzusehen: «Ich muss schauen, dass ich nicht einen Vergleich mit den alten Bildern mache, weil sich ein so starker Rückgang abzeichnet. Ich blende diese Bilder erst gar nicht ein.»
Das Bundesamt für Landestopografie macht seit 1926 Luftbilder der Schweiz. Seither hat Swisstopo auch einen eigenen Flugdienst. Derzeit stehen zwei eigene Flugzeuge im Einsatz, die jedes Jahr rund einen Drittel der Schweiz neu fotografieren. Somit wird die Schweiz im Rhythmus von drei Jahren jeweils komplett neu erfasst.
Mit einer hochauflösenden Digitalkamera werden gleichzeitig mehrere Aufnahmen gemacht: normale Farbfotos und Infrarotaufnahmen.
Die Überflüge finden vor allem im Sommerhalbjahr statt. Im Frühling wird typischerweise das Mittelland beflogen, wenn die Vegetation noch spärlich und die Landschaft deshalb gut sichtbar ist. Die Alpen werden hingegen im August und September überflogen, wenn die Gebiete weitgehend schneefrei sind.
Voraussetzung für alle Luftbilder sind gutes Wetter und eine klare Sicht.
Seit 1838 dokumentiert und kartiert die heutige Swisstopo die Schweiz, wobei der Rückzug der Eisgiganten besonders augenfällig ist. «Es ist nicht nur der Gletscher selbst, der seine Ausmasse verändert, sondern das ganze Gletschervorfeld – die Felsen, das Lockergestein, die Moränengebiete – verändert sich. Das ist ein dynamisches Gebiet.»
Die Luftbilder dienen jeweils auch als Grundlage für die digitale Landeskarte oder für analoge Wanderkarten auf Papier. Allerdings sind Karten nur zweidimensional und zeigen oft nicht das wahre Ausmass des Gletscherschwunds, erklärt Tobias Providoli: Wenn man aktuelle und frühere Bilder betrachte, sehe man meistens nur, wie weit sich zum Beispiel die Gletscherzunge zurückgezogen hat. «Wir sehen auf unseren Bildern [im Computer, Anm. d. Red.] zusätzlich auch den Volumenrückgang des Gletschers.» Diesbezüglich hat der Hitzesommer 2026 deutliche Spuren hinterlassen.
Der langsame Tod der Gletscher
Gemäss dem Schweizerischen Gletschermessnetz Glamos hat die mittlere Eisdicke der Gletscher um 2.5 bis 4 Meter abgenommen. Doch irgendwann wird kaum noch Eis vorhanden sein, es entsteht Toteis. Auch diese Entwicklung beobachtet Tobias Providoli. «Toteis sind Flächen, die sich vom ursprünglichen Gletscher getrennt haben. Sie schauen langsam ihrem Tod entgegen – deswegen auch der Name Toteis.»
Wenn bei den neuesten Luftbildern kein Eis mehr sichtbar ist, gilt der Gletscher als tot und sein Name wird gelöscht. Gemäss Glamos dürften diesen Sommer mindestens zwei Gletscher endgültig verschwunden sein: der Bella-Tola-Gletscher (VS) und der Griessfiren (GL).
Bis sich die Veränderungen in der Natur auf den Karten niederschlagen, dauert es mehrere Monate. Zwar helfe die Software bei der Aktualisierung der Daten. Doch bei den Gletschern brauche es immer noch das menschliche Auge, so Tobias Providoli. «Die Gletscherzunge zu erfassen, ist relativ einfach. Entlang des seitlichen Gletscherrands ist es hingegen schwieriger, zu erkennen, wo Geröll, Fels oder Eis ist.» Deshalb müssen die Luftbilder weiterhin von Fachpersonen interpretiert und die Veränderungen von Hand im Computer nachgeführt werden.
Doch die Arbeit hört dort nicht auf. Selbst im Hochgebirge, bei den schneebedeckten Gipfeln, hinterlässt der Gletscherrückzug Spuren: «Wenn ich einen schneebedeckten Berg habe und der Gletscher wegschmilzt, verliert er an Höhe. Diese Höhe würde dann auch angepasst.»
Welche Gipfel aufgrund der diesjährigen Gletscherschmelze wie viel an Höhe verloren haben, werden Tobias Providoli und sein Team in den kommenden Monaten herausfinden und erfassen. Was schon heute klar ist: Die schneebedeckten Gipfel sind geschrumpft.
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