Hohe Mieten vertreiben tausende Einheimische in Nachbarkantone

Die grosse Abwanderungsübersicht
Hohe Mieten vertreiben tausende Einheimische in Nachbarkantone
Immer mehr Menschen kehren ihrer Heimat den Rücken. Die Kantone Zürich, Basel und Genf verlieren scharenweise Bewohner an die Nachbarkantone – während Ausländer die Lücken füllen.
Publiziert: vor 30 Minuten
- Zürich verliert jährlich unter Strich rund 3500 Personen an andere Kantone
- Auch die Kantone Genf und Basel verlieren Tausende Einheimische
- Zuzüger aus dem Ausland halten die Nachfrage nach Wohnraum in Zentren allerdings hoch
Dorothea VollenweiderRedaktorin Wirtschaft
Wer nicht bereit ist, ein kleines Vermögen für seine vier Wände hinzublättern, zieht die Konsequenzen. Immer mehr Menschen packen ihre Kisten und verlassen Grossstadtkantone wie Zürich, Genf und Basel. Aus diesen Zentren flüchten inzwischen jedes Jahr Tausende Einheimische. Die Binnenwanderung hat sich gedreht, bestätigt eine aktuelle Analyse des Immobilienberaters Wüest Partner.
Besonders drastisch ist die Trendwende im Kanton Zürich. Galt er jahrelang als Magnet für Menschen aus der ganzen Schweiz, schlägt das Pendel nun um. Zwischen 2015 und 2019 gewann Zürich jedes Jahr noch rund 1850 Personen aus anderen Kantonen hinzu. Inzwischen verliert das Wirtschaftszentrum Jahr für Jahr netto rund 3500 Einwohner an den Rest des Landes. «Homeoffice hat diese Entwicklung angestossen», sagt Robert Weinert (47). «Die Wohnungsknappheit hat diese noch verstärkt», so der Immobilienexperte von Wüest Partner weiter.
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Flucht in den Aargau
Der grosse Nutzniesser dieser Fluchtbewegung heisst Aargau. Satte 2750 Personen zügelten zwischen 2023 und 2025 im Jahresschnitt netto von Zürich in den Nachbarkanton. Soll heissen: 7341 Zürcher zogen in den Aargau und 4586 Aargauer gingen nach Zürich. Damit nahm der Nettoabfluss von Zürich in den Aargau gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019 um 85 Prozent zu!
Der Nettoabfluss in den Thurgau hat sich in dieser Zeit fast verdreifacht. Und jener nach Schaffhausen stieg von netto 80 auf 500 Personen pro Jahr. In der Romandie zeigt sich dasselbe Bild: Aus dem Kanton Waadt zieht es die Leute nach Freiburg und ins Wallis, während viele Genfer in die Waadt ausweichen.
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Mieten zu hoch für Einheimische
Der Grund für den Exodus liegt auf der Hand: Wer den Kanton wechselt, dem bleibt Ende Monat mehr Geld übrig. Eine durchschnittliche Mietwohnung mit 100 Quadratmetern kostet im Aargau monatlich 800 Franken weniger als im Kanton Zürich. Das sind jedes Jahr 9600 Franken, die Wegzüger auf die hohe Kante legen können. Wer in den Thurgau oder nach Schaffhausen zieht, spart sogar 980 Franken Mietkosten pro Monat oder 11'760 Franken pro Jahr.
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Gleichzeitig ist der Weg zurück an den Arbeitsplatz kurzweilig: Von Aarau aus dauert die Zugfahrt an den Zürcher Hauptbahnhof rund 25 Minuten, von Baden AG sind es bloss 15 Minuten. Wer heute zwei oder drei Tage pro Woche im Homeoffice sitzt, nimmt diesen Arbeitsweg locker in Kauf.
Für die Kantone Aargau, Thurgau und Schaffhausen ist der Trend eine erfreuliche Nachricht. «Sie gehören zu den Kantonen mit einer sehr hohen Bautätigkeit, und sie gewinnen Einwohner und Steuerzahler», sagt Weinert. Die Kehrseite der Medaille: «Die Zuzüger aus Zürich importieren die Knappheit gleich mit, wodurch die Mieten und die Wohneigentumspreise steigen.»
Ausländer verdrängen Schweizer
Auch auf dem Zürcher Wohnungsmarkt sorgen die Tausenden von Wegzügen nicht für Entspannung. Denn während Zürich jährlich 3500 Bewohner an andere Kantone verliert, strömen im gleichen Zeitraum netto knapp 19'000 Zuzüger aus dem Ausland in den Kanton. Die Nachfrage nach Wohnraum bricht also keineswegs ein, sie wird von Expats weiter befeuert.
Dasselbe gilt für Genf, wo jährlich 1400 Einheimische den Kanton verlassen, während 10'300 aus dem Ausland dazukommen.
Im Kanton Zug sieht die Bilanz ähnlich aus: Im Schnitt der letzten drei Jahre verlor Zug netto 40 Einheimische an andere Kantone. Dafür kamen im Schnitt 1041 Personen aus dem Ausland dazu. Zug ist bei den Mietwohnungen rund 630 Franken pro Monat teurer als Zürich. Vor allem Rentner werden vertrieben, wie Blick vor kurzem berichtete. Aber auch Junge fehlen.
Genauso wie in Zürich. Früher lockten Ausbildung und der erste Job Tausende Junge nach Zürich. Heute zieht der Kanton nur noch halb so viele 15- bis 34-Jährige aus dem Inland an wie vor der Pandemie. «Nirgends ist der Anteil junger Alleinlebender so stark gesunken wie in Zürich, Schwyz und Zug», sagt Weinert. Das könnte für die betroffenen Kantone aus wirtschaftlicher, sozialer und finanzieller Sicht zum Problem werden.
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