Film „Klara und die Sonne“: Das Abgründige spürbar machen

Was unterscheidet Menschen und Maschinen? Taika Waititis Verfilmung von Kazuo Ishiguros Roman „Klara und die Sonne“ erzählt in satten Farben vom Leben mit KI.
Foto: Sony Pictures
Die besten Maschinen waren doch immer schon Menschen. Sie halten sich für einzigartige Wesen und mögen sich am liebsten, wenn sie nicht über sich selbst nachdenken. Dabei bestehen sie aus Stimmen, Vorbildern, Nachahmungen und Widersprüchen, die sie für ihre eigenen halten. Sie erfinden immer bessere Maschinen, nennen die neuesten künstliche Intelligenz und wundern sich, dass sie ihnen ähnlicher sind, als ihnen lieb ist.
Taika Waititis Verfilmung des gleichnamigen Romans des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro denkt diesen Widerspruch weiter. Die Menschen in dieser nahen Zukunft sind ziemlich abgefuckt. Sie optimieren ihre Kinder, sortieren Freundschaften nach Leistung und wollen den Tod durch künstliche Nachbildungen überwinden.
Die solarbetriebenen Roboter sehen Menschen zum Verwechseln ähnlich. Klara (Jenna Ortega), eine künstliche Freundin des Typs B1, soll Nähe herstellen und „menschlich“ interagieren. Eines Tages entdeckt die Teenagerin Josie (Mia Tharia) sie im Schaufenster und überredet ihre Mutter Chrissie (Amy Adams), sie zu kaufen. Klara zieht in das abgelegene Haus der Familie, fernab der futuristischen Stadt. Sie beobachtet Josie und ihre Familie, hört ihnen zu und versucht, ihr Verhalten zu verstehen.
Der Film
„Klara und die Sonne“. Regie: Taika Waititi. Mit Jenna Ortega, Amy Adams u.a. USA/Vereinigtes Königreich/Neuseeland 2026, 116 Min.
Doch hinter Klaras neuer Rolle steckt ein größeres Vorhaben. Josie ist schwer krank. Chrissie wendet sich an Dr. Capaldi, genial gespielt von einem diabolisch grinsenden Steve Buscemi. Er will eine künstliche Nachbildung Josies schaffen. Dafür soll Klaras Bewusstsein in einen Körper übertragen werden, der Josie gleicht. Capaldi glaubt, dass sich Persönlichkeit auf nachahmbare Eigenschaften reduzieren lässt. So wird das Unersetzliche zum technischen Problem.
Genetisch optimiert
Diese Logik zeigt sich auch in Josies Alltag. Ihre Mutter hat sie genetisch optimieren lassen. Als „Gehobene“ spricht Josie etliche Sprachen, schreibt Drehbücher und zeichnet auf Weltklasseniveau. Bei einem Treffen mit anderen „Gehobenen“ begegnet ihr eine groteske Gruppe selbstgefälliger Jugendlicher mit absurden Outfits und exzentrischen Frisuren. Sie machen sich über Rick, Josies einzigen menschlichen Freund, lustig. Er baut Robotervögel, nur um mit ihnen zu spielen. Klara hingegen findet Gefallen daran.
Ist es doch nicht das Zwecklose, das Menschen von Maschinen unterscheidet? In einer Zeit, in der die Möglichkeit eines KI-Bewusstseins diskutiert wird, kehrt der Film die Perspektive um: Das Unheimliche an Klara ist nicht, wie gut sie Menschen imitiert, sondern wie aufmerksam sie ihnen begegnet. Im Vergleich zu Klara wirken die „gehobenen“ Menschen so berechenbar wie Automaten.
Waititi verhandelt solche philosophischen Fragen lässig, ohne sie auf Thesen zu reduzieren. Die Farben sind derart gesättigt, dass die Landschaft künstlich wirkt. Der Weizen leuchtet golden, der Himmel ist so blau wie in einem Magritte-Gemälde. Dazu kommt der Soundtrack von Michael Giacchino, dessen Melodien fröhlich herumhüpfen wie in einem Kinderfilm – als verhöhnten sie die tragischen Elemente der Geschichte. Das Märchenhafte macht das Abgründige spürbarer.
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Schicksal einer Familie
Im zweiten Drittel verengt sich der Blick auf das Schicksal der Familie. Es geht nur noch darum, einen geliebten Menschen irgendwie bewahren zu können. Dass diese emotionale Ebene dennoch trägt, liegt auch an dem genialen Spiel von Jenna Ortega: Sie verkörpert Klaras Künstlichkeit so subtil, dass sie eher wie ein Mensch mit Makeln wirkt als wie eine Maschine, die versucht, einen Menschen zu imitieren.
Liegt hier eine Pointe? Was die oft platte Botschaft fordernde Kritik – wie schon an der Romanvorlage – als Kitsch bemängelt, ließe sich auch anders lesen. Die Gefahren von KI müssen nicht in einer düsteren Dystopie erzählt werden. Sie zeigen sich in einer Welt, in der der Mensch erst eine Maschine erfinden muss, um sich daran zu erinnern, wie man sich fühlt.
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