Nach Flucht in die USA – Flávio Bolsonaro erklärt sich zum «Anführer Brasiliens»

Das behauptet der unterlegene Präsidentschaftskandidat: Flávio Bolsonaro hat sich selbst zunächst zum «wahren gewählten Präsidenten» Brasiliens erklärt. Kurz darauf strich er die Formulierung aus seiner Erklärung und bezeichnete sich als «Anführer Brasiliens». Sein Wahlsieg sei ihm durch einen «Wahl-Staatsstreich» des Präsidenten Lula da Silva und des Obersten Gerichtshofs verwehrt worden. Beweise für den angeblichen Wahlbetrug legte Bolsonaro nicht vor. Zudem dankte er Trump und dem argentinischen Staatschef Milei für ihre Hilfe bei der Ausreise aus seinem Heimatland und für seine Aufnahme.
So verlief die Ausreise: Bolsonaro verliess Brasilien zwei Tage nach der Stichwahl. Zunächst reiste er auf dem Landweg über einen Grenzübergang in der Nähe der Iguazú-Wasserfälle nach Argentinien ein, wie die dortigen Behörden mitteilten. Begleitet wurde er von seiner Ehefrau und seinen Töchtern. Auf der argentinischen Seite habe er dann einen Privatjet in Richtung Ecuador bestiegen, hiess es weiter. Sein endgültiges Ziel war zunächst unbekannt. Daten des Flugtrackers Flight Aware zeigten aber, dass die Maschine von der ecuadorianischen Hafenstadt Guayaquil nach Miami unterwegs war. Laut US-Medien landete das Flugzeug dort am Mittwochmorgen (Ortszeit).
Die brasilianische Justiz hat Ermittlungen wegen einer möglichen finanziellen Unterstützung aus dem Ausland im Präsidentschaftswahlkampf von Flávio Bolsonaro angeordnet. Unter die Lupe genommen werden soll das Rockbridge Network und dessen Kontakte zu brasilianischen Unternehmern, wie aus dem von Bundesrichter Flávio Dino unterzeichneten Beschluss hervorgeht. Das Netzwerk aus den USA wurde 2019 von dem heutigen US-Vizepräsidenten JD Vance mitgegründet.
Laut der brasilianischen Verfassung ist es politischen Parteien verboten, finanzielle Unterstützung aus dem Ausland zu erhalten.
Darum ist er geflohen: Bolsonaro steht im Visier der brasilianischen Justiz. Im Verfahren geht es unter anderem um mutmassliche Geldwäsche im Zusammenhang mit Unternehmen und Online-Sportwetten. Laut Bundespolizei gibt es Hinweise auf eine Verbindung Bolsonaros zu einem Bankkonto der Firma des ebenfalls beschuldigten Anwalts Willer Tomaz. Bolsonaro weist die Vorwürfe zurück. Bis zum 31. Januar 2027 amtiert er noch offiziell als Senator und ist aufgrund seiner Immunität vor einer Festnahme geschützt. Am Montag erliess Brasiliens Oberster Gerichtshof allerdings ein Ausreiseverbot gegen den 45‑Jährigen. Das Gericht ordnete zudem die Abgabe seines Passes innerhalb von 24 Stunden an – dem kam Bolsonaro nicht nach. Nach seiner Wahlniederlage hatte der Senator noch erklärt, er werde das Dokument abgeben und sich gegen die aus seiner Sicht ungerechtfertigte Massnahme wehren. Er bestritt, das Land verlassen zu wollen.
So reagierte Donald Trump: Die USA haben Bolsonaro und seiner Familie Visa zugesagt. Das bestätigte ein US-Regierungsbeamter der dpa. US-Präsident Donald Trump befürwortete in der Nacht zum Mittwoch eine Einreise Bolsonaros. Zudem äusserte Trump Zweifel am Ergebnis der Präsidentschaftswahl, ohne eine Grundlage zu nennen. Im Wahlkampf hatte der US-Präsident den rechten Senator allerdings nur zurückhaltend unterstützt.
Noch ist unklar, wie sich die Opposition nach Bolsonaros Flucht aufstellt. Seine Liberale Partei (PL) hat den Wahlsieg des linken Amtsinhabers Lula anders als Bolsonaro ausdrücklich anerkannt. Bolsonaro indes hatte erklärt, er wolle die Wahlkampfführung des Linkspolitikers juristisch prüfen lassen. Zudem kündigte er an, die Opposition gegen Lula zu mobilisieren und das Parlament zu einer «Festung» gegen dessen linke Regierung machen zu wollen. Wer die Rolle des Oppositionsführers übernehmen könnte, ist offen.
So reagiert Lula: Der wiedergewählte Präsident Lula übte scharfe Kritik an der Flucht seines Rivalen und warf ihm fehlenden Respekt für die Wählerinnen und Wähler und die Demokratie vor. «Wer nichts zu verbergen hat, muss nichts fürchten», sagte er. Auch Lula war bereits im Visier der brasilianischen Justiz: 2018 wurde er in zweiter Instanz wegen Korruption und Geldwäsche zu zwölf Jahren und einem Monat Haft verurteilt. Lula sass 580 Tage im Gefängnis, bevor er 2019 frei kam. Ein Richter des Obersten Gerichtshofs hob das Urteil mit der Begründung auf, das Gericht, das Lula verurteilt habe, sei nicht zuständig gewesen.
SRF 4 News, 27.10.2026, 19 Uhr ; agenturen/hesa/flal/schn;lehl;noes
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