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Monday, September 14, 2026

Reisners Blick auf die Front : "Die Botschaft der Russen lautet: Wir können euch jederzeit treffen"

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Reisners Blick auf die Front "Die Botschaft der Russen lautet: Wir können euch jederzeit treffen"

14.09.2026, 18:55 Uhr

imageEin Interview von Frauke Niemeyer

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Eine russische Drohne trifft einen Zug direkt vor der Grenze zu Polen. Das Signal ist eindeutig für Oberst Reisner, und es richtet sich an westliche Unterstützer. Unterdessen misslingt den Russen ein Zangenangriff im Norden des Donbass.

ntv.de: Herr Reisner, gestern hat eine russische Drohne einen Personenzug aus Kiew nach Warschau angegriffen, zwei Kilometer vor der Grenze zu Polen. Ist das eine neue Stufe der Gewalt aus Russland?

Markus Reisner: Ganz in der Nähe des angegriffenen Zuges in Jahodyn befanden sich weitere Züge mit Vertretern westlicher Staaten an Bord. Unter anderem war der britische Ex-Premier Boris Johnson dort, ebenso in einem weiteren Zug Günter Sautter, sicherheitspolitischer Berater von Bundeskanzler Friedrich Merz. Der Kreml sendet hier ein Signal an die westlichen Verbündeten der Ukraine: Im Fall des Falles wäre Russland in der Lage und willens, auch offizielle Delegationen auf ukrainischem Boden anzugreifen. Die russische Angriffsfähigkeit reicht bis zur Grenze nach Polen.

Die Botschaft lautet: "Wir können euch jederzeit treffen." Hinzu kommt, dass Kreml-Sprecher Dmitri Peskow parallel zu dem Angriff nochmals darauf hinwies, dass für den Kreml die Präsenz europäischer Soldaten in der Ukraine ein Kriegsgrund ist. Beide Ereignisse hängen aus meiner Sicht zusammen. Eine indirekte Botschaft. Russland nimmt hier auf der Eskalationsleiter die nächste Sprosse, um zu zeigen: Wir geben nicht nach. Nicht einen Millimeter.

Wie konnte die Drohne so weit nach Westen vordringen? Hatte die im Luftraum über der Ukraine freie Bahn?

Die Russen können ihre Drohnen so weit westlich einsetzen, weil sie sie über sogenannte Funkbaken, also Funkfeuer bzw. Relaisstationen im Grenzgebiet zwischen Belarus und Polen steuern. Die Drohne fliegt vom Funkradius einer belarussischen Funkbake zur nächsten und kann dadurch tief in die Ukraine vordringen, um dort ein Ziel anzugreifen. Die nun eingesetzten Drohnen haben nicht nur Züge angegriffen, sondern auch Tankstellen. Da sie weit fliegen müssen, können sie nur wenig Sprengstoff transportieren. Um eine Lokomotive oder eine Tankstelle zu zerstören, reicht es aber aus. Sobald Russland in großen Mengen jetgetriebene Drohnen einsetzen wird, die derzeit vor allem nach der Produktion ins Lager kommen, wird sich spätestens im Winter die Bedrohungslage nochmal verschärfen.

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Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Auf meinen Ukraine-Reisen haben alle Fahrgäste nach Grenzübertritt die Handys ausgeschaltet und die Fenster komplett verdunkelt, um die Strecke bis nach Kiew möglichst unterm Radar der Russen zurückzulegen. Sind diese Maßnahmen überholt?

Die ersten Drohnen flogen ihre Ziele basierend auf GPS-Koordinaten an. Die nächste Generation Drohnen bekam ein optisches Aufklärungsgerät. Dadurch wurde nächtliche Tarnung sinnvoll, damit die Drohne den Zug nicht erkennt. Die heutigen, neuesten Modelle erkennen mit Wärmebildkameras Wärmequellen in bis zu sieben Kilometern Entfernung.

Da hat die Lokomotive wenig Chancen?

Exakt. Verdunkelung bringt dann nichts mehr, die Lokomotive wird als massive Wärmequelle erkannt. Wenn die Drohne im Grenzraum zwischen Belarus und der Ukraine kreist, erkennt sie die Lokomotive und stürzt sich hinein. Das lässt sich sogar so weit programmieren, dass die Drohne ihr Ziel komplett selbständig findet, angreift und punktgenau trifft.

Auch dagegen können sich die Ukrainer nicht wehren?

Sie haben versucht, mittels Störsystemen die Navigation der Drohne zu unterbinden. Doch die Russen haben reagiert, indem sie die Drohne so programmieren, dass sie sich ins ukrainische Handynetz einwählt. Dann ist sie weiter steuerbar. Die Ukrainer haben aber dennoch einige Abwehrmöglichkeiten: per Abfangdrohnen, mit Maschinengewehren von Flugzeugen aus oder mit dem deutschen Flakpanzer Gepard.

Während des Zweiten Weltkriegs führten Züge häufig auf einem extra Waggon ganz am Ende ein Flakgeschütz mit. Wäre das heute möglich?

Das wäre der nächste Schritt. Die Russen tun das schon. Sie lassen auf den Versorgungslinien Richtung Krim Tanker-Konvois von Armeefahrzeugen mit Fliegerabwehrkanonen begleiten. Das Problem der Ukrainer ist: Die Drohnen können sehr schnell manövrieren und sind aus der Fahrt heraus nur schwer abzuschießen. Zumal viele Züge elektrifiziert sind und das Flakgeschütz die Oberleitung beschädigen könnte. Das Risiko steigt also, und man wird sehen, wer aus den westlichen Ländern noch bereit ist, es einzugehen und Delegationen nach Kyiv zu senden. Man möchte weder zukünftiger Kollateralschaden sein, noch absichtlich von russischen Drohnen getroffen werden.

Wenn wir an die Front blicken: Im nördlichen Donbass bei Lyman wollten die Russen einen gut ausgebauten ukrainischen Festungsgürtel einnehmen. Doch russische Militärblogger sagen nun, die Kreml-Truppen hätten dort eine "vernichtende Niederlage" erlitten. Ein harsches Urteil. Stimmen Sie dem zu?

Markus Reisner: Eine "vernichtende Niederlage" würde aus meiner Sicht einen Zusammenbruch der Front bedeuten. Davon sind wir weit entfernt, die Front hält nach wie vor. Die Russen haben jedoch nicht erreicht, was sie sich vorgenommen hatten. Schauen wir mal auf diesen Festungsgürtel: Der umfasst von Norden nach Süden vier Städte - Slowjansk, Kramatorsk, Druschkiwka und Kostjantyniwka. Es gibt nun zwei Möglichkeiten, diesen Festungsgürtel anzugreifen. Frontal von Osten her, was zweifellos mit hohen Verlusten verbunden wäre, oder in einem umfassenden Angriff von Norden und Süden herkommend. Ich skizziere das kurz.

Man versucht also, die ukrainischen Stellungen an ihren Flanken anzugreifen?

Genau das haben die Russen mit Beginn des Frühjahrs getan. In einer Angriffsbewegung vom Süden kommend Richtung Kostjantyniwka und aus dem Norden heraus in Richtung Lyman. Im Süden stehen die Russen in der Stadt und stoßen zusätzlich in der Tiefe langsam weiter westlich vor, um den Ukrainern die Versorgungslinien in die Festungsstädte hinein abzuschneiden. Dort funktioniert der Flankenangriff also.

Die Probleme der Russen liegen im Norden?

Dort haben sie es nicht geschafft, über Lyman Richtung Slowjansk vorzustoßen, dadurch ist die angestrebte Zangenbewegung zum Erliegen gekommen. Das bezeichnen die Blogger als "vernichtende Niederlage".

Warum ist der Plan im Norden gescheitert?

Das können wir feststellen, wenn wir uns das Gelände im Detail ansehen: Die Ukraine ist weitgehend flach aber vor allem im Osten von einigen Flussläufen durchzogen. Diese bilden Täler oder auch Schluchten, 500 bis 1000 Meter breit, teils aufgestaut, dazwischen liegen oft bewaldete Höhen. Solche Höhen sind besonders umkämpft, denn derjenige, der sie beherrscht, kann von dort aus die Tiefe kontrollieren. Im nördlichen Donbass bzw. bei Lyman fließen vier größere Flüsse, die aus militärischer Sicht bedeutsam sind und in etwa parallel verlaufen - der Zherebets, westlich davon der Nitrius und noch weiter nach Westen der Oskil beziehungsweise der Siwerskyj Donez. Die Russen müssen bei ihren Angriffen jeweils in diese von den Flüssen geschaffenen Schluchten hinunter und an der anderen Uferseite den Hang wieder hinauf. In der Schlucht des Nitrius sind die Russen an dieser Herausforderung gescheitert, sie haben es nicht auf die Höhen dort geschafft, die ihnen Kontrolle über Lyman und den Raum Richtung Oskil ermöglichen würden. Nun wurden sie wieder zum Zherebets, ostwärts des Nitrius zurückgedrängt. Auch das skizziere ich kurz.

Damit stockt die Bewegung der nördlichen Zange?

Zum einen aus dem Grund, den wir gerade besprochen haben. Die Russen kontrollieren zwar Teile des Flussbetts, schaffen es aber nicht, am Westufer weiter vorzustoßen, weil die Ukrainer die bewaldeten Höhen dort beherrschen und sie mit Drohnen und schwerem Abwehrfeuer am Vormarsch hindern. Zusätzlich haben die Russen auch noch das Problem, dass die Verantwortung für die Streitkräfte nicht eindeutig geregelt ist. Die Grenze zwischen dem Nord- und dem Mittelabschnitt der Front verläuft in dieser Region, daher sind drei verschiedene russische Armeegruppen im Einsatz und haben Schwierigkeiten, sich zu koordinieren. Die 20. kombinierte Armee war dort bereits zehn bis zwölf Kilometer nach Westen vorgestoßen, aber diesen Raum haben die Ukrainer nun wieder in Besitz genommen. Die Russen haben sich zurückgezogen, daher kann sich die Zange im Norden nicht entwickeln.

Die Ukrainer können also aus der Höhe und vom Wald geschützt gut verteidigen. Es sind aber auch nicht irgendwelche Truppen, sondern dort kämpfen Elitekräfte vom Asow-Regiment. Wie entscheidend ist dieser Faktor?

Der hat viel Einfluss. Zum einen sind die Verbände sehr gut ausgerüstet. Dies lockt auch potenzielle Mitglieder an. Das zweite ist der Nimbus des Erfolgs. Die Asow-Einheiten haben es in vermeintlich ausweglosen Situationen immer wieder geschafft, die Russen zurückzudrängen. Ein weiterer Punkt: Die Angriffseinheiten gehen zum Teil sehr rücksichtslos mit ihrem Personal um, gehen mit deutlich mehr Druck in den Kampf als andere Verbände. Auf Basis dieser drei Gründe setzt die ukrainische Armee Asow-Eliteinfanterie immer wieder als Frontfeuerwehr an kritischen Stellen ein. Hier bei Lyman haben wir eine solche kritische Stelle. Hier hat man nun den Russen die nördliche Schneide ihrer Zange abgebrochen. Somit funktioniert die operative Idee der Russen im Moment nicht mehr.

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