The Daily Newsstand · Free, Always
Tuesday, September 15, 2026

Geniale Züge in Samarkand: Usbekistans Aufstieg zur Schach-Großmacht

Translate

Es ist gar nicht so einfach, in diesen Tagen mit Rustam Kasimjanov ins Gespräch zu kommen. Der Usbeke ist Großmeister und einer der weltweit bekanntesten Trainer im Schachsport. Im Augenblick ist Kasimjanov viel in seiner Heimat unterwegs.

Dort findet die "Schach-Olympiade" statt, die Mannschafts-WM bei der Männer und der Frauen. Rund 2000 Spieler treten bis zum 27. September in der historischen Seidenstraßen-Metropole Samarkand gegeneinander an. 

"Die Vorfreude ist definitiv da", berichtet der 46-jährige Kasimjanov der Deutschen Welle über die Stimmung vor Ort: "Schach ist inzwischen in Usbekistan sehr populär und das wird nach der Olympiade wahrscheinlich zu einem richtigen Boom werden", so Kasimjanov. "Vorausgesetzt unsere Mannschaft spielt vernünftig", fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Schach-Dekret des Präsidenten

Dass Schach in dem zentralasiatischen Land inzwischen eine große Bedeutung hat, ist auch ein Verdienst Kasimjanovs. Der Usbeke war 2004 für kurze Zeit der offizielle Weltmeister des Weltschachbunds FIDE - allerdings kam es nie zu dem Duell gegen den damals mit der FIDE zerstrittenen russischen Superstar Garri Kasparow.

Aufgrund seiner Erfolge vor 20 Jahren ist Kasimjanov auch heute noch in seinem Land ein bekannter Sportler und hat viele Usbeken für das Schachspiel begeistert.

Bibi-Khanym Mosque in Samarkand, Usbekistan
Samarkand ist der Schauplatz der "Schach-Olympiade" 2026Bild: Offenberg/picture alliance/Zoonar

"In Usbekistan unterstützt der Staat seit einigen Jahren den Schachsport mit substanziellen Mitteln", berichtet Kasimjanov. Shavkat Mirziyoyev, der Präsident des Landes, erließ sogar ein Dekret zum Thema Schach: "Maßnahmen zur weiteren Entwicklung und Popularisierung des Schachs sowie zur Verbesserung des Systems der Ausbildung von Schachspielern".

Mit Erfolg: Schon 2022 holten die usbekischen Männer die Gold-Medaille bei der "Schach-Olympiade" und Ende 2026 bestreitet Usbekistans Nachwuchs-Star  Javohir Sindarov den WM-Finalkampf gegen den indischen Titelverteidiger Dommaraju Gukesh.

Favoriten aus Asien - und Deutschland

Usbekistans rasanter Aufstieg steht für eine langfristige Entwicklung im internationalen Schach: Asien dominiert zunehmend das Geschehen an den Brettern - sowohl im Männer - als auch im Frauenschach.

Für Kasimjanov gibt es bei dieser "Schach-Olympiade" bei den Männern vier klare Favoriten: "Indien, China, USA und Usbekistan - in beliebiger Reihenfolge." Aber der 46-Jährige, der mit seiner Familie in der Nähe von Bonn wohnt, hat auch die Deutschen im Blick: "Ich erwarte schon lange, dass Deutschland ernsthaft um die Medaillen kämpft", so der Usbeke, der die Entwicklung im deutschen Schachsport genau beobachtet.

Javohir Sindarov sitzt am Schachbrett
Javohir Sindarov (Foto) spielt Ende 2026 gegen den Inder Dommaraju Gukesh um die Einzel-WeltmeisterschaftBild: Yoav Nis/FIDE

Dass Deutschland inzwischen zum Kreis der Favoriten gehört, hat vor allem mit Vincent Keymer zu tun. Der 21-jährige hat sich in der absoluten Weltspitze etabliert und gehört zu den Stars in der Schach-Szene. Das liegt auch an seiner Art, Schach zu spielen: "Ich habe sehr wenige Top-Turniere, in denen ich keine einzige Partie verliere, aber dafür gewinne ich auch mehr Partien als die meisten anderen Spieler", beschreibt Keymer seinen Stil im Gespräch mit der Deutschen Welle.  

Schach ist eine Einzelsportart, aber bei den Olympiaden geht es um die Mannschaft. Vier Spieler sitzen bei einem Match für ihr Land an den Brettern. In dem immer noch jungen, aber schon sehr erfahrenen deutschen Team hat sich neben Keymer inzwischen auch Mathias Blübaum international ins Rampenlicht gespielt.

Der studierte Mathematiker qualifizierte sich Ende 2025 überraschend für das Kandidaten-Finale zur WM. Auch wenn es bei Blübaum in den letzten Monaten nicht mehr ganz so gut lief, tritt der 29-jährige mit breiter Brust in Samarkand an. "Nach diesem Jahr habe ich auf jeden Fall keine Angst, gegen die Weltspitze zu spielen, da habe ich inzwischen genug Erfahrung."

Magnus Carlsen tritt nicht an

"Bei der Olympiade gehört immer ein bisschen Glück dazu," sagt Mannschaftskollege Keymer. Glück, das bei den letzten Auftritten fehlte: Trotz vieler Vorschuss-Lorbeeren reichte es für die deutschen Männer nie zu einer Medaille.

Beispiel Europameisterschaft 2025: Die deutschen Frauen erreichten einen starken dritten Platz - Keymer & Co hingegen gingen einmal mehr leer aus. "Wir müssen diesmal vor allem die unnötigen Verluste gegen schwächere Teams vermeiden," lautet die Analyse des deutschen Spitzenmanns.

Vincent Keymer sitzt am Schachbrett
Deutschlands Nummer eins: Vincent KeymerBild: Markus Scholz/dpa/picture alliance

Ein Spieler, dem Keymer in Samarkand definitiv nicht am Brett begegnen wird, ist Ex-Weltmeister Magnus Carlsen.  "Er beschäftigt sich natürlich nicht mehr so viel mit Schach," hat Vincent Keymer beobachtet.  Carlsen - vor einigen Monaten Vater geworden - tritt diesmal nicht für seine Heimat Norwegen an.

Doch trotz einiger durchwachsener Turnierergebnisse in der letzten Zeit, führt Carlsen immer noch die Weltrangliste an. Für Keymer ist es daher noch zu früh, den Norweger abzuschreiben: "Nur weil man von ihm gewöhnt ist, dass er alles zerlegt, kann man nicht sofort sagen, er ist nicht mehr Nummer Eins."

View the original on DW Deutsch

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.