Neue Bücher über Drogen und Verbote: Dem Irrsinn nahe

Drogen sind überall, nicht zuletzt an der Supermarktkasse. Der Soziologe Robert Feustel schreibt in seinem Buch aufrüttelnd über Rausch und Angst.
Foto: W. G. Allgoewer picture alliance/blickwinkel
Was ist das Hauptproblem des Mannes, der schlafend, bewusstlos oder tot vor mir auf dem eiskalten Pflaster liegt? Wenn wir der herrschenden Erzählung folgen, dann ist es nicht seine Obdachlosigkeit, nicht seine Armut, Krankheit, Verwahrlosung und existenzielle Verlassenheit. Es ist seine – hier unterstellte – Drogenabhängigkeit.
So würde ich die zentrale These von Robert Feustels Buch „Der verbotene Rausch: Wie Drogen zum Problem wurden“ zusammenfassen, das der Autor selbst kein Pamphlet, aber durchaus eine „Streitschrift“ nennen möchte.
Man könnte auch sagen: Das Ganze der Erzählung über Drogen ist das Unwahre – zumindest, wenn wir auf die Prohibition, auf die Illegalisierung bestimmter und den völlig selbstverständlich legalen Gebrauch anderer Drogen Bezug nehmen.
Verbote erzeugen Probleme
Disqualifizieren würde sich jedenfalls, wer dem in Leipzig als Sozialwissenschaftler und Autor lebenden Feustel unterstellte, er verkenne oder verharmlose Drogen. Das tut er nicht: Nicht im Buch, nicht im Gespräch in einem Leipziger Backshop und schon gar nicht in seinem anschließenden Vortrag „Die Erfindung des Drogenproblems“, den er vergangenen Mittwoch im Rahmen des Studiums universale zum Thema „Regeln & Brüche“ vor gut 60 sehr gut unterhaltenen und am Ende kluge Fragen stellenden Zuhörenden an der Uni Leipzig hielt.
Aber fangen wir mit dem an, was unumstritten ist: „Gerade die repressive Verbotspolitik stellt systematisch jene Probleme erst her, die dann von unterschiedlichen Institutionen gelöst werden sollen“, schreibt eben nicht nur Feustel.
„Der verbotene Rausch“ und „Katerland“
Robert Feustel: Der verbotene Rausch: Wie Drogen zum Problem wurden, Kohlhammer 2026, 22 €.
Georg Schumerus: Katerland: Wie wir den Alkohol feiern, aber Menschen mit Abhängigkeit ausgrenzen und wirksame Alkoholpolitik verschlafen, Beltz 2026, 22 €
Pragmatisch gesagt: Der von angekokelter Alufolie umgebene, leidende Mensch vor meiner Haustür hätte schlicht ein existenzielles Problem weniger, wenn er sich die Substanz, die er konsumieren möchte – großes Fragezeichen, klar – auf legalem Weg besorgen könnte.
Und die globale Gesellschaft könnte Billiarden in Armuts- und Suchtbekämpfung stecken, die heute ein Polizei- und Justizapparat sich angeeignet hat, dessen Arbeitsresultate nicht einfach fragwürdig sind, sondern absurd: Illegalisierte Drogen, die so aufwändig bekämpft werden, sind erstens überall und werden zweitens immer billiger.
Reale Verfallsgeschichten
Was auch einen technologischen Grund hat: „Auf dem großen Marktplatz der Drogen bestimmt inzwischen die Chemie das Geschehen“, hat ein italienischer Experte dieses Phänomen in der taz benannt.
Dieser totale Krieg gegen die Drogen hat aber neben seiner totalen Wirkungslosigkeit einen, wie Feustel es nennt, „mythologischen Raum“ geschaffen, dem mit Argumenten schwer beizukommen ist. Man spürt das nicht zuletzt an den eigenen Widerständen, an den Mythen, aber eben auch an den erlebten und erzählten Verfallsgeschichten der Drogenbiografien im unmittelbaren Umfeld.
Feustel geht es dem folgend nicht zuletzt um „Drogenwissen“. Er schreibt: „Das in weiten Teilen irreführende und zugleich wirkmächtige Drogenwissen steht größtenteils stabil wie ein Boxer mit ausgeprägten Nehmerqualitäten. Hier und da hat er ein paar Kratzer, mehr nicht. Wenn ich etwa in Debatten erwähne, dass die Unterscheidung von ‚harten‘ und ‚weichen‘ Drogen irreführend ist, schlägt mir im Regelfall Irritation und souverän ablehnendes Kopfschütteln entgegen.“
Lesung "Gegen Abend kein Speed"
„Dasselbe gilt, wenn es darum geht, dass auch Heroin erst nach längerem Konsum körperlich abhängig macht und der Entzug weniger problematisch ist als bei Alkohol. Wer es also wagt, die Selbstverständlichkeiten des Drogen- und Suchtwissens anzuzweifeln (ohne Risiken und problematische Konsummuster zu leugnen), könnte entweder selbst high oder dem Irrsinn gefährlich nahe sein. Das Unwissen über das, was als Droge umschrieben wird, sitzt ähnlich tief wie die Angst davor.“
Nun ist Angst nichts grundsätzlich Schlechtes, zumindest dann nicht, wenn sie realitätsbezogen ist. Es ist gut, Angst zu haben, wenn ich eine Substanz zum Konsum angeboten bekomme, deren Zusammensetzung und Wirkung ich nicht einschätzen kann. Etwas ganz anderes ist die von der Gesellschaft projizierte Angst vor dem Rausch.
Die häufigste Behinderung
Feustel schreibt, der unterstellte „Motor der Sucht“ sei „der Wiederholungszwang, den der mindestens latent irre Rausch auslöst“. Das dahinter stehende Menschenbild ist eines des Verdachts: Wenn die Mittel zum Rausch zur Verfügung stehen, dann ballern wir uns nicht nur umgehend gnadenlos zu, sondern können auch gar nicht anders, als jede Gelegenheit zu ergreifen, uns wieder zu bedröhnen, was dann letztlich das organisierte Zusammenleben zerstört.
Diese Geschichte erzählen wir uns, während die Realität, wie sie der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Leipzig, Georg Schumerus, in seinem ebenfalls aktuellen Buchs „Katerland“, beschreibt, so aussieht: „FASD ist in Deutschland die häufigste angeborene Behinderung“, also die Fetal Alcohol Spectrum Disorder.
„Es werden Kinder geboren, die ihr Leben lang darunter leiden, dass sie in der Schwangerschaft Alkohol ausgesetzt waren“, einer überall verfügbaren und beworbenen Droge, die steuerlich gepampert wird – die Biersteuer wurde zuletzt 1993 erhöht, von 8 Cent pro Liter auf 9 Cent, eine super großzügig inflationsunabhängige Besteuerung. Übrigens: Wird Bier teurer, bleibt die Steuer trotzdem gleich.
Trotz dieser staatlichen Drogenverordnung ist das Land aber noch nicht abgesoffen. Zu jeder durch Alkohol verursachten Elendsgeschichte gehört die Vorstellung, wie elend alles wäre, wenn Alkohol illegalisiert würde; und natürlich, wie viel besser man die Volksdroge Alkohol regulieren könnte. Und zu jeder Elendsgeschichte illegalisierter Drogen gehört die Vorstellung, wie viel Leid gemindert oder vermieden werden könnte, wenn wir aufhören, Menschen in die Unterwelt zu verbannen und zu quälen.
Robert Feustel öffnet mit seinem populär, und nicht ohne seine Thesen einhämmernde Wiederholungsschleifen, geschriebenen Buch eine Tür, durch die wir als selbstbewusste und mitfühlende Gesellschaft hindurchgehen müssen. Um uns endlich den zentralen Problemen widmen zu können: Obdachlosigkeit, Armut, Krankheit.
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