Demokratie lernen auf Schalke
Beim Projekt "Lernort Stadion" öffnen Vereine ihre Stadien für Workshops und Projektwochen. Das Angebot richtet sich vor allem an sozial benachteiligte junge Menschen.
17.10.2026 | 1:47 minStadion statt Klassenzimmer - so beginnt der Schultag für zwei Klassen vom Berufskolleg Am Goldberg in Gelsenkirchen. Sie nehmen teil an "Schalke macht Schule" - einem Projekt für politische Bildung und Demokratieförderung. Es ist Teil des bundesweiten Netzwerks Lernort Stadion und arbeitet eng mit dem Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04, der Stiftung "Schalke hilft!", Gelsensport sowie der Bundesliga Stiftung zusammen.
Dass man in der Schalker Arena statt auf der Schulbank sitzt, kommt hier gut an:
Ich finde es einfach richtig schön hier und es ist immer wieder krass zu sehen, wie groß das hier ist.
Lara, 16 Jahre
"Hier ist es besser und es macht Spaß, im Stadion zu sein", erklärt auch der 16-jährige Abulfaz.
Wertevermittlung und Fast Fashion auf Schalke
"Schalke macht Schule" richtet sich an bildungsbenachteiligte Schülerinnen und Schüler und greift Themen auf, für die im Unterricht oft keine Zeit bleibt. Die Schwerpunkte liegen unter anderem in Bereichen wie Demokratieförderung, Anti-Diskriminierung, soziale Kompetenzen oder Zivilcourage.
"Da geht es dann auch genau um die Werte, die man vielleicht in der Schule nicht erlernt oder keine Zeit hat, das zu reflektieren: Warum ist es wichtig, sich an Regeln zu halten? Warum ist es wichtig, dass ich mich einbringe? Was macht es, wenn ich Leute mit meiner Sprache diskriminiere?", erklärt Friedrich Schellhase, Projektkoordinator von "Schalke macht Schule".
Friedrich Schellhase ist Projektkoordinator von "Schalke macht Schule". Ihm geht es um Werte, "die man vielleicht in der Schule nicht erlernt".
Quelle: ZDFDas Projekt soll Themen abdecken, die für Jugendliche relevant sind. Dieses Mal geht es um Nachhaltigkeit und Mode - Fast Fashion. Am Anfang gibt es ein kleines Quiz - die Schülerinnen und Schüler sollen schätzen, wie viele Kleidungsstücke eine Person in Deutschland hat, Socken und Unterwäsche ausgenommen. In Gruppen diskutieren die Schüler miteinander - manche sagen 20, andere 25 bis 30. Dann gibt es die Aufklärung: "Die richtige Antwort ist 95." Ein ungläubiges "Was?" hallt durch den Raum.
Rund 65.000 Jugendliche verließen im Schuljahr 2024/25 die Schule ohne Abschluss - so viele wie seit 20 Jahren nicht.
09.10.2026 | 1:33 minSchüler: "Sich bewusster sein, was man kauft"
Bei der nächsten Frage geht es um den Wasserverbrauch bei der Herstellung von Kleidung. Dass für die Herstellung eines einzigen Baumwoll-T-Shirts im Schnitt 2.700 Liter Wasser benötigt werden, schockiert die Schüler: "Das mit dem Wasser - ich dachte, das wäre voll wenig, aber das war echt viel", sagt die 17-jährige Samira.
Und Ahmad, ebenfalls 17 Jahre, äußert die Idee, dass es doch viel sinnvoller sei, das Wasser zu spenden: "Weil manche Länder haben ja auch nicht die Möglichkeit, wie hier in Deutschland bei uns, dass man den Wasserhahn öffnet, um dann halt sauberes Wasser zu bekommen." Gute Idee, meinen seine Mitschüler.
Am Ende sind sich die meisten Schülerinnen und Schüler einig: So ein Projekttag ist mehr als nur Ablenkung vom Unterricht.
Eigentlich finde ich es ganz gut, so aufgeklärt zu werden und sich auch mal Gedanken darüber zu machen.
Amy, 17 Jahre
Mit dem Deutschen Schulpreis werden jährlich herausragende Schulen in Deutschland ausgezeichnet. Der Hauptpreis geht in diesem Jahr an die Bertha-von-Suttner-Schule in Hessen.
29.09.2026 | 2:30 minAmy schlägt vor, auch Freunden davon zu erzählen, dass sie sich mehr Gedanken über ihre Klamotten machen können. Und Henry schlägt vor, in Zukunft bewusster einkaufen zu gehen:
Sich bewusster sein, was man kauft und nicht einfach dahingehen, weißes T-Shirt kaufen, zwei Tage anziehen und danach einfach wieder wegschmeißen.
Henry, 16 Jahre
Wie nachhaltig diese Ideen sind und ob sie wirklich umgesetzt werden, ist fraglich. Doch darum gehe es auch gar nicht, sagt Christina Hermes, Gründerin des sogenannten Klimaflügels - sie leitet den Workshop zum Thema Fast Fashion. Ziel sei nicht, dass die Schülerinnen und Schüler ab heute alles anders machen, sondern dass sie sich Wissen aneignen und sich im besten Fall immer wieder an diesen Workshop erinnern.
"Jetzt wissen sie, wo dieses Kleidungsstück herkommt, haben vielleicht einen Bezug zu den Näherinnen und Nähern, haben Bezug zu diesem ganzen Prozess." Hermes weiter:
Wissen befähigt immer zum Handeln. Wenn man das Wissen nicht hat, kann man nicht unbedingt handeln.
Christina Hermes, Gründerin Klimaflügel und Workshop-Leiterin
Die Büdchen-Nonne von Gelsenkirchen: Birgit Baier ist Nonne bei den Don Bosco Schwestern. Sie verkauft Bier und Zigaretten - und hat auch ein offenes Ohr.
16.10.2026 | 0:53 minDemokratie und Bildung außerhalb der Schule
Auch wenn die Themen wechseln, sind die Methoden immer ähnlich, sagt Projektkoordinator Schellhase. Und haben ein übergeordnetes Ziel: "Diese Methoden sind immer demokratiefördernd, also die Schülerinnen und Schüler erarbeiten etwas, die Schülerinnen und Schüler kommen in Gruppen zusammen und bringen dann letztlich ihre Gruppenmeinung und müssen dementsprechend auch dahinterstehen."
Dass solche Workshops außerhalb der Schule stattfinden, habe eine wichtige Wirkung auf die Schüler, sagt Philipp Liese, eine der Lehrkräfte: "Weil sie sonst selten mal die Möglichkeit haben, außerhalb des Unterrichts mit uns zu interagieren und außerhalb des Unterrichts auch mal gehört zu werden und ihre Meinung preiszugeben."
Diskutieren, lernen, zusammenarbeiten - Bildung und Demokratieförderung gehen hier Hand in Hand.
Jenifer Girke ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.
Über dieses Thema berichtete das ZDF in den heute-Nachrichten am 17.10.2026 ab 19:00 Uhr.
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