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Saturday, October 31, 2026

«Ich schaue ihm in die Augen und weiss, was los ist»

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Mira Nair ist Regisseurin – und die Mutter von New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani

«Ich schaue ihm in die Augen und weiss, was los ist»

Das Internationale Filmfestival Genf ehrt dieses Jahr die indisch-amerikanische Filmemacherin Mira Nair für ihr Lebenswerk. Ein Gespräch über Mutter-Ängste, Boykott und interkulturellen Dialog.

Publiziert: vor 59 Minuten

  • Mira Nair ist eine bedeutende indisch-amerikanische Regisseurin
  • Sie ist die Mutter von New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani
  • In letzter Zeit hat sie sich öfters Sorgen um ihren Sohn gemacht
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Laszlo SchneiderTeamlead People-Desk

Frau Nair, bitte laden Sie uns an Ihren Küchentisch ein – ich stelle mir vor, dass es zwischen Ihnen, Ihrem Mann, dem Politik-Professor Mahmood Mamdani, und Ihrem Sohn, dem jetzigen Bürgermeister New Yorks Zohran Mamdani, wild zu und herging.

Mira Nair: (Lacht.) Das waren keine verrückten Streitereien. Unseren Gesprächen lag jeweils die Arbeit und das Engagement von Mahmood zu Grunde. Was ich an unserem Zuhause und an Mahmood schon immer liebte: In meiner filmischen Arbeit versuche ich, die Geschichten von Menschen zu erzählen, die nicht gesehen oder marginalisiert werden – und Mahmood kam genau aus einer solchen Welt. Ich habe mich auch in ihn verliebt, weil er mein Wissen darüber erweitert hat über das, was da draussen alles passiert.

Inmitten dieser Denkweise ist Ihr Sohn aufgewachsen. Als Bürgermeister liegt eines seiner Hauptaugenmerke auf der Bekämpfung sozialer Ungerechtigkeit.

Zohran ist ein aussergewöhnlicher Mix aus uns beiden. Er hat unsere Ansichten nicht nur aufgesogen, sondern sich vielmehr seine eigenen Ansichten dazu gebildet. Wir hätten das alles niemals kommen sehen.

Persönlich: Mira Nair

Mira Nair (*1957 in Rourkela, Indien) ist eine international renommierte Regisseurin und Produzentin. Nach dem Soziologiestudium in Delhi und Harvard feierte sie 1988 ihren Durchbruch mit Salaam Bombay! (Caméra d’Or in Cannes, Oscar-Nominierung). Bekannt für Werke über Identität, Exil und Postkolonialismus, gewann sie 2001 mit Monsoon Wedding den Goldenen Löwen in Venedig. Nair ist mit dem ugandischen Wissenschaftler Mahmood Mamdani (80) verheiratet; ihr gemeinsamer Sohn Zohran Mamdani (35) ist der Bürgermeister von New York.

Matt Writtle /eyevine / laif

Mira Nair (*1957 in Rourkela, Indien) ist eine international renommierte Regisseurin und Produzentin. Nach dem Soziologiestudium in Delhi und Harvard feierte sie 1988 ihren Durchbruch mit Salaam Bombay! (Caméra d’Or in Cannes, Oscar-Nominierung). Bekannt für Werke über Identität, Exil und Postkolonialismus, gewann sie 2001 mit Monsoon Wedding den Goldenen Löwen in Venedig. Nair ist mit dem ugandischen Wissenschaftler Mahmood Mamdani (80) verheiratet; ihr gemeinsamer Sohn Zohran Mamdani (35) ist der Bürgermeister von New York.

Ihr Sohn steht als Politiker oft im Zentrum heftiger öffentlicher Angriffe, etwa von politischen Gegnern oder auf Social Media. Wie gehen Sie als Mutter damit um?

Ich habe es ihm gerade kürzlich wieder gesagt: «Wir müssen das Herz eines Poeten und die Haut eines Elefanten haben.» Diesem Mantra folge ich übrigens auch als Filmemacherin. Natürlich muss ich oft so tun, als hätte ich die Haut eines Elefanten – und darf die reale Sorge, die ich um ihn habe, und den Schmerz nicht offenbaren.

Das klingt nicht gerade angenehm.

Wir sprechen hier nicht von einem Dauerzustand – jetzt gerade blüht Zohran auf und tut genau das, wofür er meiner Meinung nach auf diese Erde gesetzt wurde. Aber die Welt ist manchmal gefährlich. Ich schaue ihm in die Augen und weiss, was los ist. Ich bete für seine Sicherheit.

Kritikern stösst die Haltung Ihres Sohnes in Bezug auf den Gaza-Konflikt sauer auf, man stört sich an seiner dezidiert pro-palästinensischen Haltung. Sie selbst sind 2013 durch Ihren Boykott des Filmfestivals im israelischen Haifa in die Schlagzeilen geraten. Zerstören solche Boykotte nicht den kulturellen Dialog?

Nein. Ich finde, dass man das tun muss, was einem der eigene moralische Kompass erlaubt. Das ist die Basis von allem. Ich muss nicht Teil von einer Sache sein, die für etwas steht, das mich zutiefst verstört. Damit kann ich mich nicht identifizieren. Ich stehe immer für die Stärke der Menschlichkeit, die Kraft der Marginalisierten und auch für das Hinterfragen des Mainstreams ein.

Ihr filmisches Werk war schon immer hochpolitisch – und unbequem. In «The Reluctant Fundamentalist» («Der Extremist, der keiner sein wollte») erzählen Sie die Geschichte eines jungen Pakistaners auf der Suche nach dem American Dream – bis ihm der 11. September das Leben zur Hölle und ihn zur Persona non grata macht. Sind Sie auf Gegenwind gestossen?

Ich wusste von Anfang an, dass der Stoff politisch heikel, schwer verdaulich und kaum zu finanzieren sein würde. Und dennoch musste diese Geschichte erzählt werden. Der Westen hat Jack Kerouac und unzählige Geschichten über junge Männer, die ihren Weg suchen. Aus Südasien gab es so etwas nicht: die Reise eines jungen Pakistaners, der Amerika liebt, die Wall Street erobert – und nach 9/11 in den Augen aller plötzlich nur noch «ein Muslim» ist. Wir wollten ganz bewusst einen Dialog zwischen zwei Welten schaffen, die sich rasant voneinander entfernten. Erst im Dialog begreift man, wie ähnlich sich die Menschen in ihren Hoffnungen sind: Wir sind keine exotischen Wesen, die sich grundlegend voneinander unterscheiden.

Bereits in Ihren frühen Arbeiten wie «Salaam Bombay» oder «Mississippi Masala» ging es um Exil, Identität und das Leben zwischen den Welten. Wie blicken Sie auf Ihre Anfänge zurück?

Es war einsam. Ich wusste schlicht nicht, ob sich überhaupt jemand für «Salaam Bombay» oder Stoffe interessieren würde, die nicht eskapistisch sind. Ich hasse nämlich Filme, die wie belehrende Hausaufgaben wirken. Kino muss eine Reise sein – leuchtend, aber wahr.

Und dann?

Mit der Zeit wurde es besser. Selbst bei «Mississippi Masala», einer ungewöhnlichen Schnittmenge aus afroamerikanischen, afrikanischen und indischen Erfahrungen. Auch dieser Stoff basierte auf der Wirklichkeit: der Vertreibung der Asiaten aus Uganda und der Übernahme von Südstaaten-Motels durch Exilanten. Als ich ein Jahr später vor einem Kino in London stand, wo sie den Film zeigten, reichte die Schlange über mehrere Häuserblocks. Es waren Menschen mit den unterschiedlichsten Wurzeln, die sich darin wiederfanden. Da begriff ich: Es gibt ein Publikum für diese Geschichten. Was mich bis heute antreibt, ist nicht nur das Ungesehene, sondern die Freude, die Widerstandskraft und der Witz jener Menschen, die als marginalisiert gelten.

Verliert die Kunst inmitten gesellschaftlicher Spaltung gerade ihre einzigartige Kraft, uns als Menschen wieder zusammenzuschweissen?

Kunst wird diese Kraft niemals verlieren. Sie schenkt uns die Nahrung, Fragen zu stellen. Warum sollte man überhaupt daran denken, dass die Kunst diese Kraft verliert? Denn dann könnte ich nicht mehr existieren.

Das Geneva International Film Festival findet zwischen dem 30. Oktober und dem 8. November statt. Mira Nair wird am Sonntag, 1. November, um 13.30 Uhr für ihr Lebenswerk geehrt.

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