Holocaust: Ausstellung "Nie wieder" in Bonn. Erinnerungskultur unter Druck
Jugendliche posieren in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald im Verbrennungsofen, zeigen lachend den Hitlergruß und fotografieren sich dabei gegenseitig. "Das sind gewissermaßen Trophäen, die sie in Social Media stellen und sich damit rühmen - der ultimative Tabubruch", sagt Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, gegenüber der DW. "Vorfälle dieser Art haben sich in den letzten Jahren gehäuft. Wir erleben, dass Gedenkbäume für KZ-Opfer abgesägt werden. Wenn so etwas passiert - und es passiert regelmäßig -, finde ich das immer besonders perfide, weil man letzten Endes diese Menschen damit ein zweites Mal tötet."

Wagner gehört zum Kuratoren-Team der Ausstellung "Nie wieder. Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen" in der Bonner Bundeskunsthalle. Die Erinnerungskultur stehe unter Druck und werde immer häufiger zum Ziel massiver Anfeindungen, sagt er. Von "Schuldkult" und "Nationalmasochismus" ist da die Rede. Angesichts des erstarkten Rechtspopulismus und zunehmender Geschichtsverfälschung sorgt er sich um das Gedenken an die Opfer des NS-Regimes und um die Demokratie. Denn bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die die wahre Geschichte des Holocaust erzählen können. Dem will die Schau mit zahlreichen Kunstwerken und historischen Zeugnissen entgegenwirken.
"Der moralische Zeigefinger wirkt nicht lernfördernd"
"Ich würde mir wünschen, dass vielleicht auch der ein oder andere den Weg in die Ausstellung findet, der nicht schon davon ausgeht, dass es wichtig ist, sich mit nationalsozialistischen Verbrechen auseinanderzusetzen", sagt Wagner. Man kenne es auch von den Gedenkstätten, dass Besucherinnen und Besucher nicht unbedingt mit der Grundüberzeugung kommen, dass diese Auseinandersetzung wichtig ist: nämlich Schülerinnen und Schüler. "Machen wir uns nichts vor. Wenn der Lehrer sagt, wir fahren da hin, dann ist das letzten Endes ein Pflichtbesuch."

Die Zeit des Nationalsozialismus sei für diese Generation weit weg, führt Wagner aus. "Wenn man denen sagt, erinnert euch an etwas, was die Großeltern noch nicht mal erlebt haben, dann wirkt das natürlich wie eine emotionale Überforderung. Man sieht förmlich den moralischen Zeigefinger und sowas wirkt alles andere als lernfördernd."
Es bringe nichts, wenn jemand zwei Stunden einen Frontalvortrag halte, bei dem viele gar nicht zuhörten; stattdessen setzt man in Buchenwald auf Tagesveranstaltungen, bei denen sich die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit historischen Quellen beschäftigen und versuchen, die Geschichte für sich selbst zu erarbeiten. Im zweiten Schritt müsse man den jungen Menschen verdeutlichen, "dass das keine abgeschlossene Geschichte ist", und Aktualitätsbezüge herstellen. Zum Beispiel anhand des Themas Migration: "Das wird schon lange ausschließlich mit dem Fokus Gefahr für die Sicherheit und Kriminalität diskutiert. Da werden bestimmten Gruppen pauschal ausgegrenzt - ein Mechanismus, der auch im Nationalsozialismus griff."
Holocaust Überlebende: Die eintätowierte Nummer war immer präsent
Eine, die Ausgrenzung in ihrer schlimmsten Form selbst erlebt hat, ist Eva Umlauf. Sie ist Schirmherrin der Bonner Ausstellung. Die heute 83-Jährige wird im November 1944 als Zweijährige zusammen mit ihrer schwangeren Mutter und ihrem Vater aus dem slowakischen Arbeitslager Novàky in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau abtransportiert. Dem Gas entkommt sie nur um wenige Tage, weil die Nazis wegen des Heranrückens der Roten Armee die systematische Vernichtung ihrer Opfer einstellt.
Das System Auschwitz
Am 27. Januar 1945 wird das Lager befreit. Drei Monate später kommt Evas Schwester Nora zur Welt. Doch der Vater, die Geschwister der Mutter, die Großeltern: Sie alle sind ermordet worden. Auch Evas Leben hängt am seidenen Faden: Sie leidet an Tuberkulose, Rachitis, Keuchhusten und hat Hungerödeme. "Vergessen Sie das Kind, es wird nicht leben", sagt ein Arzt zu ihrer Mutter. Doch er soll Unrecht behalten.
Die Mutter kehrt mit den beiden Töchtern zurück in die damalige Tschechoslowakei, nach Trenčín. An die Zeit in Auschwitz kann sich Eva Umlauf nicht bewusst erinnern, aber das Trauma ihrer Familie trägt sie tief in sich. Ihre Mutter spricht nicht darüber und doch ist ihr schon als kleines Kind bewusst, dass sie eine Überlebende ist. Das Lager wird namentlich nicht erwähnt, aber allzu oft fällt der Satz: "Sie sind dort geblieben." Dann weiß Eva, dass "sie" tot sind. Außerdem ist da immer diese Nummer, die in ihren Arm eintätowiert ist: A26959.

Eva Umlauf: "Ich kann nicht vergeben"
Ihre jüdische Identität sollten sie nicht an die große Glocke hängen, prägt die Mutter den Töchtern ein, denn auch in der Tschechoslowakei ist Antisemitismus damals weit verbreitet. Die Kleinfamilie bleibt unbehelligt.
Eva will Kinderärztin werden und studiert Medizin. In den 1960ern lernt sie ihren späteren Ehemann Jakob kennen, der ebenfalls den Holocaust überlebt hat. Er ist Architekt und in der Münchner jüdischen Gemeinde aktiv. Die beiden heiraten 1966 und Eva zieht nach Deutschland. Dass sie einst im Land der Täter leben würde, hat sie sich wohl kaum träumen lassen. "ich hasse die Deutschen nicht", sagt sie, "aber vergeben kann ich nicht. Wie kann man sechs Millionen Tote vergeben?"

Über die Schrecken ihrer frühen Kindheit hat sie erst spät öffentlich gesprochen: 2011 anlässlich des Jahrestages der Befreiung hat sie in Auschwitz eine Gedenkrede gehalten - seit 2025 ist sie selbst Vorsitzende des Internationalen Auschwitz Komitees. Der Auslöser für ihr erstes Buch ist 2014 ein Herzinfarkt. "Ich lag auf der Intensivstation. Und dann habe ich mir gedacht; wenn ich hier gesund rauskomme, dann schreibe ich ein Buch."
Ihre Biografie "Die Nummer auf Deinem Unterarm ist so blau wie Deine Augen" erscheint 2016. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem Eva Umlauf nicht angefragt wird, ihre Geschichte zu erzählen.
Das respektlose Benehmen junger Menschen in den Konzentrationslagern erschreckt sie, ebenso wie das zunehmende fehlende Wissen über den Holocaust - wenn zum Beispiel die Frage kommt, ob sie nicht zu alt für ein Tattoo sei. Dann berichtet sie aber auch über den jungen Mann in der Münchner U-Bahn, der die Nummer entdeckt und zu ihr sagt: "Ich möchte mich bei Ihnen dafür entschuldigen, was meine Vorfahren Ihnen angetan haben."
"Achtet auf euer Land"
Dass der Antisemitismus wieder so stark wird in Europa und den USA, hätte sich Eva Umlauf nie vorstellen können. Ebenso wenig wie den Vormarsch der in Teilen rechtsextremen Partei AfD in Deutschland. "Ich gehe in die Schulen. Ich weiß gar nicht, wo mein Kopf steht vor lauter Anfragen, wann ich kommen könnte, und am Ende wächst die AfD aber doch schneller als ich. Da könnte man meinen, dass man umsonst arbeitet", sagt sie der DW.
Nie wieder, betont sie, dürfe in Deutschland eine rechte Diktatur an die Macht kommen. "'Nie wieder' klingt schön, aber ich kann dazu nur sagen: Schon wieder! Wäre 'Schon wieder: Nie wieder' nicht ein guter Ausstellungstitel?"
Ihre Botschaft an die jungen Menschen hat sie auch im Ausstellungskatalog "Nie wieder" festgehalten: "Ihr könnt nichts für die Verbrechen eurer Großeltern und Urgroßeltern. Aber Ihr tragt Verantwortung für die Zukunft. (…) Ihr seid die Generation, die unsere Welt formen wird. Macht sie zu einem Ort, an dem jeder sicher aufwachsen kann, unabhängig von seiner Herkunft, seinem Glauben oder seiner Hautfarbe." Und weiter: "Ihr müsst nicht perfekt sein. Ihr müsst nur wach sein. Achtet auf euer Land."
Die Ausstellung "NIE WIEDER! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen" in der Bonner Bundeskunsthalle läuft noch bis zum 2. Mai 2027.
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