Kunstausstellung in Zofingen – Wenn Wölfe ins Kunsthaus einziehen

Kaum ein Tier löst in der Schweiz so viele Diskussionen aus wie der Wolf. Im Kunsthaus Zofingen spielen diese aber eine Nebenrolle. Die neue Ausstellung «Der Wolf in der Gegenwartskunst» interessiert sich nicht primär für Abschusszahlen, Rudelgebiete oder politische Vorstösse. Sie fragt etwas anderes: Warum fasziniert uns dieses Tier seit Jahrhunderten?
Schon beim Betreten der Ausstellung wird klar, dass es hier weniger um den echten Wolf geht als um unsere Vorstellungen von ihm. Er habe eine wahnsinnige Symbolkraft und stehe für Ängste, Wildnis und Freiheit, aber auch für Bedrohung, sagt Eva Bigler, künstlerische Leiterin des Kunsthauses Zofingen. Gerade diese Gegensätze machen ihn für Kunstschaffende interessant.
Der Wolf hat eine wahnsinnige Symbolkraft. Er steht für Ängste, für Wildnis, für Freiheit, aber eben auch für Bedrohung.
Im Erdgeschoss verteilt stehen fünfzehn lebensgrosse Wölfe aus Holz. Sie sind das Erste, was den Blick beim Eintreten auf sich zieht. Der Nidwaldner Bildhauer Rochus Lussi hat das Rudel eigens für die Ausstellung geschaffen.
Einige heulen, andere spielen, wieder andere scheinen ihr Gegenüber aufmerksam zu beobachten. Die Tiere wirken roh und lebendig zugleich. In den Holzoberflächen sind die Spuren der Kettensäge sichtbar, die Lussi für das Schnitzen der Wölfe verwendete. Wer zwischen den Skulpturen hindurchgeht, wird selbst Teil des Rudels.
Ist der Mensch das Opfer des Wolfs? Oder vielleicht der Wolf das Opfer des Menschen?
Die lebensgrossen Holzwölfe erzählen für Rochus Lussi aber nicht nur von Tieren, sondern auch von uns Menschen und unserer Beziehung zum Raubtier: «Ist der Mensch das Opfer des Wolfs? Oder vielleicht der Wolf das Opfer des Menschen?»
In den Räumen begegnen die Besucherinnen und Besucher dem Wolf aber nicht nur als Skulptur, sondern auch als Ölgemälde, Zeichnung, Druckgrafik oder Installation. Mal erscheint er bedrohlich, mal verletzlich, mal märchenhaft – etwa in einer Werkserie der Berner Künstlerin Andrea Nyffeler, die Rotkäppchen in unterschiedlichen Rollen zeigt.
Wer durch die Ausstellung geht, lernt erstaunlich wenig über den Wolf als Tier. Und genau das ist die Absicht. Die Werke erklären nicht. Sie lassen Raum für eigene Gedanken und Interpretationen.
So regt die Installation «Rollwölfe» der Bieler Künstlerin Chantale Demierre auf subtile Weise zum Nachdenken an über den Konflikt zwischen Naturschutz, Jagd und menschlichen Interessen. Sie besteht aus 46 Wurfscheiben, wie sie bei der Jagddisziplin «Rollhase» eingesetzt werden. Auf jede Scheibe hat die Künstlerin mit Bleistift einen Wolf gezeichnet. Die 46 Scheiben stehen stellvertretend für die 46 Wölfe, die im Jahr 2024 in der Schweiz geschossen wurden.
Auch Sophie Schmidt greift die politische Dimension des Wolfs auf. Für ihre Installation «Jagdgesetz» hat sie das Schweizer Jagdgesetz auf 16 grossformatige Seiten vergrössert. Die überdimensionierten Gesetzesblätter machen sichtbar, dass der Wolf heute nicht nur als Tier wahrgenommen wird, sondern auch durch Vorschriften, Regulierung und politische Debatten geprägt ist.
Am Ende verlässt man das Kunsthaus Zofingen vielleicht nicht mit einer neuen Meinung zum Wolf, aber mit einem neuen Blick auf ihn. Und genau darin liegt die Stärke der Ausstellung. Sie zeigt ein Tier, das die Schweiz oft vor allem als Politikum kennt, einmal aus einer anderen Perspektive: einer künstlerischen, ästhetischen.
Regionaljournal Aargau Solothurn, 10.9.2026, 12:03 Uhr ; hahw;vonb;wyss
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.