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Thursday, October 8, 2026

Alltag im Team – Wie hält man seine Arbeitskollegen aus?

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«Ist doch nicht meine Schuld», sage ich. «Doch», sagt Ueli. «Das ist deine Schuld.» Meine Recherche über gute Arbeitsbeziehungen beginnt mit einem Streit. Ueli ist Kameramann bei meiner Sendung. Es ist meine erste überhaupt. Am Nachmittag haben wir einen Dreh, am Morgen habe ich ihn gebrieft. Für mich: knapp. Für Ueli: viel zu spät.

Er hätte früher wissen müssen, was wir drehen, mit wem und was es dafür brauche, gibt er mir zu verstehen. Was, wenn jetzt jemand ein zusätzliches Mikrofon wolle? «Ich hätte zehn gehabt. Aber du hast keines bestellt.» Wir haben genügend Mikrofone. Es geht ums Prinzip. Ich denke: Ich habe einen Kameramann bestellt. Dass wir filmen werden, dürfte keine überraschende Wendung sein.

Und damit sind wir mitten im Thema: Arbeitsbeziehungen. Eine merkwürdige Beziehungskategorie. Wir suchen uns diese Menschen oft nicht aus, sehen sie aber häufiger als manche Freunde. Man ist sich zu nah für Gleichgültigkeit, aber zu professionell fürs grosse Drama. Meistens jedenfalls.

Ich habe unterschiedliche Menschen gefragt, was sie mit der Zeit über das Zusammenarbeiten gelernt haben. Herausgekommen ist keine Anleitung fürs perfekte Team. Eher eine kleine Gebrauchsanweisung fürs echte.

Sandro H., wissenschaftlicher Mitarbeiter: «Ich habe gelernt, dass ich mit Arschlöchern erstaunlich gut zusammenarbeiten kann, solange sie gut in dem sind, was sie tun. Schwieriger sind nette Menschen, bei denen ich ständig hinterherrennen muss.»

Simon M., Informatiker: «Nicht jedes Problem braucht ein Meeting. Manchmal sitzen sechs Leute eine Stunde lang zusammen, aber das Problem hätte nur jemanden gebraucht, der es löst.»

Lionel B., Fotograf: «Seit ich gemerkt habe, wie laut und energisch andere auf ihre Tastatur hauen, tippe ich leiser.»

Barbara S., Ärztin: «Du weisst nie, womit dein Gegenüber gerade kämpft. Im Zweifel hilft es, als Erste die Hosen herunterzulassen. Es ist erstaunlich, was für Dämme dann manchmal brechen.»

Clara F., Regieassistentin: «Es hilft sehr, wenn man sich mag. Aber es ist kein Muss. Wir sind nicht hier, weil wir alle Freunde sind, sondern erst mal Kolleginnen.»

Tom M., Karosseriespengler: «Anschreien bringt nichts. Wenn schon, dann höchstens ein scharfer Ton.»

Elias S., Anwalt: «Mich nervt nicht, wenn etwas schwierig wird. Mich nervt, wenn niemand rechtzeitig sagt, dass es schwierig wird.»

Rita F., Designerin und Co-Geschäftsführerin: «Mich macht wahnsinnig, wenn Mitarbeiterinnen nicht fragen und ich hinterher die Fehler ‹ausbügle›. Besonders unfair: Ich war genauso. Ich hielt Nichtfragen für Selbstständigkeit.»

Belinda S., Mitarbeiterin einer Stiftung: «Ich versuche, geduldiger zu sein und anderen Raum für Fehler zu geben. Was mich wahnsinnig macht? Wenn sie nichts daraus lernen.»

Martina P., Dentalhygienikerin: «Meine Standards werden nie die Standards meiner Mitarbeiter sein. Wieso soll ich mich aufregen, wenn das Problem allen anderen am Arsch vorbeigeht? Notfalls: Tage zählen bis zu den nächsten Ferien.»

Vanja J., Grafikerin: «‹Das haben wir schon immer so gemacht› ist für mich kein Argument. Höchstens eine Erklärung, warum wir es immer noch so machen.»

Marin T., Sozialarbeiter: «Ich brauche bei der Arbeit keine Freundschaften. Aber einen Buddy, mit dem ich lachen und lästern kann und wir uns gegenseitig verarschen, das macht den Tag schon leichter.»

Branka M., Coop-Mitarbeiterin: «Ein gutes Team muss nicht dieselbe Sprache sprechen. Respekt versteht man auch so.»

Maria T., Kuratorin: «Frauen in Führungspositionen bekommen schon genug Ellbogen von Männern zu spüren. Untereinander könnten wir es auch mal ohne versuchen.»

Pınar K., Regisseurin und Co-Intendantin: Seit sie Chefin ist, verlässt Pınar gemeinsame Partys früher. Damit die anderen auch mal unter sich sein können – «und nicht die langweilige Chefin auch noch da ist».

Leonor B., Projektmanagerin: «Meiner ersten Chefin half ich nach ihrer Trennung nachts beim Zügeln. Ihre Kinder betreute ich während der Arbeitszeit. Irgendwann war klar: Das ist keine besonders gesunde Form von Kollegialität. Heute sage ich ziemlich früh, wo meine Grenzen sind.»

Rahel H., Psychologin: «Professionelle Nähe heisst, sich einander zuzumuten, nahe miteinander zu arbeiten und gleichzeitig eine grosse Distanz und grossen Respekt voreinander zu wahren.»

Susanne M., Journalistin: «Meine frühere Chefin konnte für mich auf den Tisch hauen wie niemand sonst. Von ihr habe ich gelernt, was ich wert bin. Und dass man dafür nicht genauso werden muss wie sie.»

Ado J. & Comenius R., Künstlerduo: «Wenn es kracht, gehen wir uns erst einmal aus dem Weg», sagt Comenius. «Kurz verschnaufen.» Aber Feierabend machen sie erst, wenn der Streit geklärt ist. «Das ist ein Rezept», sagt Ado. Comenius: «Ich mache das mit dir besser als zu Hause mit meiner Frau.»

Chaja L., ehemalige Galeristin: «Als wir die Galerie schlossen, kamen plötzlich so viele schöne Nachrichten. Wir dachten: Warum habt ihr uns das nicht früher gesagt? Seitdem versuche ich, Anerkennung nicht nur zu denken. Sondern eben auch zu sagen.»

Larissa M., Kommunikationsexpertin: «In Zeiten von radikalen Umstrukturierungen habe ich gemerkt: Am Bürotisch ist das Gärtlidenken back.» Ihre Konsequenz: «Jeder schaut für sich.»

Bunte Silhouetten von Köpfen mit Sprechblasen auf gemustertem Hintergrund.
Legende: Am Arbeitsplatz treffen viele verschiedene Menschen aufeinander – mit vielen verschiedenen Vorstellungen. Die Zusammenarbeit läuft nicht immer wie am Schnürchen. Getty Images/stellalevi

Zurück zu Kameramann Ueli, meinem Kollegen. «Es muss schon ein bisschen wehtun, sonst gibt’s keinen Lerneffekt», sagt er nach unserer Auseinandersetzung. Ein bemerkenswert väterlicher Satz für einen Mann, mit dem ich weder verwandt bin noch besonders häufig arbeite. «Es tut weh», sage ich. Der Tonmann fühlt meinen Puls. Ich simuliere zitternde Hände. Wir lachen. Dann drehen wir.

Ich drehe auch weiterhin gern mit Ueli. Beim nächsten Mal bekommt er sein Briefing früher. Er hätte mir das trotzdem freundlicher sagen können. Auch das scheint mir eine brauchbare Regel für Arbeitsbeziehungen: Man kann etwas lernen und trotzdem ein bisschen recht behalten.

Die vollständigen Nachnamen der genannten Personen sind der Redaktion bekannt. Im Artikel werden sie aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nur mit dem Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens genannt. Eine Person (Elias S.) haben wir komplett anonymisiert, auch hier ist der volle Name der Redaktion bekannt.

Kulturplatz Arbeitsbeziehungen – Bis dass der Feierabend euch scheidet

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