Drei Jahre Hamas-Massaker – 7. Oktober 2023: Schicksalstag für Israel und Palästina

Hunderte Bilder, stundenlange Aufnahmen von Geräuschen und Interviews, Bilder und Stimmen: Viel hat sich angesammelt in den vergangenen drei Jahren seit jenem 7. Oktober 2023.
Ich erinnere mich an die Landung in Tel Aviv am Morgen des 8. Oktober: die Beamtin, welche die Pässe der wenigen Reisenden an diesem Tag kontrolliert, in Tränen. Tel Aviv und Jerusalem: geschlossene Geschäfte, die Strassen fast menschenleer. Immer wieder durchdringt der Ton des Raketenalarms die Stille – die Hamas feuert unaufhörlich Raketen auf Israel ab. Der Ton klingt ab, dann ein dumpfer Knall, noch einer und noch einer. Das Geräusch, wenn Raketen von Abwehrraketen getroffen werden.
Anfang Bildergalerie
-
Bild 1 von 3. Nach dem Hamas-Angriff vom 7.10.2023 ist der Staat zunächst weitgehend abwesend: Menschen suchen ihre Angehörigen, verteidigen sich selbst. Bewaffneter Israeli in der Nähe von Sderot (9.10.2023). Bildquelle: SRF.
-
Bild 2 von 3. Am 2. Tag nach dem Hamas-Angriff rollen Panzer und Armeefahrzeuge Richtung Grenze zu Gaza. (9.10.2023). Bildquelle: SRF.
-
Bild 3 von 3. «Zusammen werden wir gewinnen.» Plakat in einem Quartier von Tel Aviv. (Dezember 2023). Bildquelle: SRF.
Ende der Bildergalerie
Zurück zum Anfang der Bildergalerie.
Am nächsten Tag die Fahrt auf ungewöhnlich leeren Strassen in den Süden des Landes. Wo man sonst im Stau stecken bleibt, ist kaum ein fahrendes Auto zu sehen. Dafür viele parkierte Autos am Strassenrand: von Israelis, die sich spontan bei ihren Armee-Einheiten gemeldet haben. Oder von Menschen, die ihre Liebsten suchen. Eine Gruppe von Männern, die noch zwei Tage nach dem Nova-Festival-Massaker einen jungen Mann suchen, der vielleicht überlebt hat.
Der 7. Oktober 2023: An diesem Morgen griffen die Hamas und andere militante palästinensische Gruppierungen Israel an – insgesamt waren es mehrere Tausend Angreifer, darunter auch Zivilisten – und töteten rund 1200 Menschen, vor allem im Süden Israels.
Drei Jahre sind seither vergangen: Das Blutvergiessen nimmt kein Ende, und aus einem Terrorangriff ist ein Nahostkrieg mit weltweiten Auswirkungen geworden.
Auslandredaktorin Susanne Brunner hat seit dem Morgen des 8. Oktober 2023 viele Monate in Israel und dem besetzten Westjordanland verbracht. In den Gazastreifen dürfen ausländische Journalisten seit genau drei Jahren nicht mehr.
Letztes Lebenszeichen: ein verzweifelter Anruf
«Wir suchen meinen Sohn», sagt Ofer, ein Vater, der mit den Tränen kämpft. Ein verzweifelter Anruf, auf der Flucht vor den Terroristen: das letzte Lebenszeichen seines Sohnes. Sie suchten weiter nach ihm – bis sie ihn fanden.
Ob Ofer seinen Sohn lebend gefunden hat, weiss ich bis heute nicht: zu chaotisch waren die Tage nach den Massakern im Süden Israels. Allein am Nova-Festival wurden fast 400, meist junge Menschen, ermordet, 44 von den Attentätern in den Gazastreifen verschleppt.
Israel im Ausnahmezustand: Der Staat, dessen Geheimdienste den Ruf haben, alles zu sehen, scheint seltsam abwesend. In Sderot tobt eine Schlacht um die Polizeistation, welche die Hamas angegriffen hat, ganze zwei Tage lang. Es sind Freiwillige, die den Bewohnerinnen und Bewohnern der attackierten Kibbuzim an der Grenze zu Gaza zu Hilfe eilen.
«Mein Freund bringt Menschen aus einem Kibbuz mit seinem Auto in Sicherheit», sagt Orna, eine Frau, die an einer verlassenen Tankstelle im Süden des Landes tankt.
«Sie laufen herum und töten wahllos Menschen.» Orna stockt. «Die Tochter meiner Nachbarn war auf dem Festival, wo das Massaker war – nun wird sie vermisst.»
In jenen Tagen in Israel bleibt keine Zeit für Trauer: Dreihunderttausend Reserve-Soldatinnen und Soldaten zieht die Armee ein, der Rauch über den abgebrannten Kibbuzim vermischt sich schon bald mit den Rauchsäulen, die, in Sichtweite, aus dem Gazastreifen aufsteigen. Hunderttausende Palästinenserinnen und Palästinenser müssen vor den israelischen Bomben flüchten, Tausende werden bereits in den ersten Kriegswochen getötet. Und im Norden Israels flüchten Tausende Israelis vor den Raketen der schiitischen Hisbollah-Miliz aus dem Libanon.
Wie konnte das passieren?
Bereits in den ersten Stunden des Hamas-Angriffs auf Israel fragten sich Israelis: Wie konnte das passieren? Warum versagte die gesamte Landesverteidigung?
Warnungen vor einem Grossangriff gab es viele. Von den jungen «Tatzpitaniyot», den Soldatinnen, die als Späherinnen den Gazastreifen millimetergenau beobachteten. Monate vor dem 7. Oktober 2023 berichteten sie ihren Offizieren von Angriffsvorbereitungen der Hamas: Ihre Warnungen wurden nicht ernst genommen. Die unbewaffneten jungen Frauen waren unter den ersten Opfern der Massaker, einige von ihnen verbrachten endlose Monate in Geiselhaft.
Die israelische Armee hat eigene Untersuchungen angestellt. Eine unabhängige Untersuchung, vom Staat angeordnet, hat bis heute nicht stattgefunden. Premier Benjamin Netanjahu hat sich stets gegen eine staatliche Untersuchung gewehrt.
Seinerseits warf er unter anderem der Oberstaatsanwältin Gali Baharav-Miara vor, sie blockiere eine Untersuchung. Aber in den letzten Wochen sind verschiedene Berichte, wonach Netanjahu Warnungen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und den USA erhalten haben soll, zum Wahlkampfthema geworden.
«Geiseln hätten ein Jahr früher zurückgeholt werden können»
Schon bald nach dem 7. Oktober demonstrierten Israelis Woche für Woche für die Rückkehr der Geiseln, darunter Familienangehörige der entführten jungen Späherinnen, welche vor der drohenden Katastrophe gewarnt haben. Die Aufnahmen der jungen Frauen, die verzweifelt und vergeblich Notrufe absetzen, bevor sie von der Hamas getötet oder verschleppt werden, gehen unter die Haut.
Ihre Angehörigen und Bekannten beschallen damit in Tel Aviv den Platz, auf dem sich andere Geisel-Angehörige Woche für Woche versammeln. «Zuerst müssen sie die Geiseln freilassen. Erst dann können wir hoffen, dass aus den Trümmern etwas Besseres entstehen kann. Aber die Geiseln müssen zurückkehren. Vorher können wir nicht weitermachen», sagt Adi, die selbst Späherin bei der israelischen Armee war.
Erst am 26. Januar 2026 wird die Leiche der letzten der insgesamt 251 Geiseln nach Israel zurückgebracht. Von diesen überlebten 168. Der frühere Geiselbeauftragte der israelischen Armee, Generalmajor der Reserve Nitzan Alon, sagte kürzlich öffentlich: Die Geiseln hätten ein Jahr früher zurückgeholt werden können, und damit hätte auch der Gazakrieg längst beendet werden können, ohne die strategischen Ergebnisse des Krieges wesentlich zu verändern.
Humanitäre Katastrophe im Gazastreifen, regionaler Flächenbrand
Im Gazastreifen wurden seit dem 7. Oktober 2023 mehr als 75'000 Menschen getötet. Der grösste Teil der Bevölkerung von zwei Millionen Menschen lebt zwischen Trümmern oder in Zelten. Tausende Palästinenserinnen und Palästinenser sind – grösstenteils ohne Anklage – in israelischen Gefängnissen inhaftiert, unter menschenunwürdigen Bedingungen.
Anfang Bildergalerie
-
Bild 1 von 5. Rauch in Gaza-Stadt: Seit dem 7. Oktober 2023 ist der Gazastreifen grösstenteils zerstört. (10.9.2025). Bildquelle: REUTERS/Ebrahim Hajjaj.
-
Bild 2 von 5. Laut Satellitenanalysen sind weit über 70 Prozent aller Gebäude im Gazastreifen beschädigt oder vollständig zerstört. (Jabalia, 19.1.2025). Bildquelle: REUTERS/Mahmoud Al-Basos.
-
Bild 3 von 5. Hunderttausende Menschen leben in Zeltlagern, wie hier in der Gegend von Mawasi. (10.9.2025). Bildquelle: REUTERS/Ramadan Abed.
-
Bild 4 von 5. Im Gazastreifen herrscht ein Mangel an Lebensmitteln, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung. (19.11.2025). Bildquelle: REUTERS/Mahmoud Issa.
-
Bild 5 von 5. Israelische Soldaten in Hebron im Westjordanland: Israelische Militäreinsätze und Siedlergewalt haben in den letzten drei Jahren im Westjordanland tausende Menschen verletzt und getötet. Bildquelle: REUTERS/Mussa Qawasma.
Ende der Bildergalerie
Zurück zum Anfang der Bildergalerie.
Der Krieg hat sich aufs besetzte Westjordanland, auf Libanon, Syrien, den Iran und die Golfstaaten ausgeweitet. Noch immer dürfen ausländische Journalistinnen und Journalisten nicht aus dem Gazastreifen berichten. Eigene Bilder aus dem Gazastreifen gibt es in meinem Archiv seit 2022 keine mehr. Sprachnachrichten hingegen schon.
Sie sind wie ein Tagebuch des Grauens, das am 7. Oktober 2023 begann, und die Menschen im Gazastreifen genauso überraschte wie in Israel.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.