87-Jährige verliert Wohnung – Eine Rentnerin wird zum Symbol der Wohnungskrise in Spanien

87-Jährige verliert Wohnung Eine Rentnerin wird zum Symbol der Wohnungskrise in Spanien
Eine 87-Jährige ist aus ihrer Wohnung in Madrid vertrieben worden. 10'000 Menschen demonstrierten dagegen.
25.09.2026, 18:16
71 Jahre lang hat Maricarmen in ihrer Wohnung im Madrider Stadtteil Retiro gelebt, in der Nähe des gleichnamigen Parks. Dann hat sie einen mehrjährigen Rechtsstreit gegen eine Immobilienagentur verloren, die die Wohnung erworben hatte. Am Mittwoch nun hat die Polizei sie aus ihrer Wohnung vertrieben.
Zuvor hatten Freiwillige der Gewerkschaft der Mieterinnen und Mieter die Polizei dreimal daran gehindert, in Maricarmens Wohnung einzudringen. Dieses Mal waren sie machtlos, obwohl rund hundert Personen präsent waren. Die Rentnerin wurde in einem Rollstuhl aus ihrem Haus gebracht. Die Polizei musste Gewalt anwenden, um die Mitglieder der Gewerkschaft zu vertreiben.
Am Mittwochabend demonstrierten fast 10'000 Menschen gegen die Polizeiaktion. Maricarmen ist zu einem tragischen Symbol der Krise auf dem spanischen Wohnungsmarkt geworden.
Mieterhöhung um 275 Prozent
Die Rentnerin besass einen sehr alten Mietvertrag, den ihr Vater 1956 unterzeichnet hatte. Die Miete war darum sehr niedrig und bei rund 500 Euro pro Monat eingefroren. Die Immobilienagentur, die die Wohnung seit acht Jahren besitzt, kämpfte vor Gericht dafür, die Miete erhöhen zu dürfen. Der Fall wurde bis vors oberste Gericht weitergezogen. Dieses entschied zugunsten der Agentur.
Die Bilder der Zwangsräumung vom Mittwoch in Madrid:
Die Miete der 87‑Jährigen stieg um 275 Prozent auf 2650 Euro. Nach Verhandlungen akzeptierte die Immobilienagentur, sie auf 1650 Euro zu senken. Aber mit einer Rente von 1350 Euro verfügte Maricarmen nicht über genügend Mittel, um eine solche Summe zu bezahlen.
Landesweite Krise im Wohnungsmarkt
Der Fall von Maricarmen illustriert die Dramatik der Wohnungskrise in Spanien. Unternehmen oder Investmentfonds kaufen Gebäude zurück, erhöhen die Mieten und drängen Mieterinnen und Mieter zum Wegzug. Innert zehn Jahren hat sich der durchschnittliche Preis pro Quadratmeter für Mietwohnungen fast verdoppelt.
In Madrid ist die Lage besonders angespannt. 2025 und 2026 stand die spanische Hauptstadt an der Spitze einer weltweiten Rangliste der begehrtesten Städte für Luxusimmobilien. Es gibt nur wenige Sozialwohnungen, manche von ihnen werden per Lotterie zugeteilt.
In Barcelona kämpft die Stadtregierung mit verschiedenen Massnahmen gegen die Wohnungskrise an. Die Methoden der spekulativen Fonds haben dort dazu geführt, dass ein Stadtviertel fast ganz von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern verlassen wurde und es dort jetzt nur noch Luxus- und Ferienwohnungen gibt.
Politische Machtlosigkeit
Trotz der Empörung, die der Fall von Maricarmen ausgelöst hat, haben weder der Stadtpräsident von Madrid noch die spanische Regierung diese Vertreibung verhindern können. Das Wohnungsministerium hatte zwar angeboten, die Wohnung von Maricarmen zurückzukaufen, aber die Immobilienagentur lehnte das ab. Die Stadt ihrerseits hat Maricarmen einen Platz in einer Seniorenresidenz angeboten, dieser war jedoch zu teuer für sie.
Wieso die Vertreibung der 87-Jährigen nicht zu verhindern war:
Jedes Jahr kommt es in Spanien zu mehr als 25'000 Zwangsräumungen von Wohnungen. Die Regierung hat es mit ihrer fragilen parlamentarischen Mehrheit nicht geschafft, griffige Regeln zum Schutz bedürftiger Personen zu erlassen.
In der Zwischenzeit befindet sich Maricarmen im Spital. Sie leide unter Stress und Angst, heisst es. Sie soll in die Wohnung eines Cousins ziehen, eine Stunde von Madrid entfernt.
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