«Georg Heitz dachte, ich sei ein Wahnsinniger»

Herr Pelzer, Lugano ist klar Erster und in dieser Saison noch ungeschlagen. Über das M-Wort darf man bei euch trotzdem noch nicht sprechen. Warum?
Sebastian Pelzer: Es ist noch deutlich zu früh. Es kann noch so viel passieren bis dahin. Wir hatten zum Beispiel bislang auch das Glück, von grösseren Verletzungen verschont zu bleiben.
Ist das gezieltes Understatement?
Überhaupt nicht. So langweilig das klingen mag: Wir wollen einfach das nächste Spiel gewinnen. Irgendwann werden wir wieder verlieren. Entscheidend ist, dass uns das nicht aus der Bahn wirft. Wir müssen mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben und weiterarbeiten.
Trotzdem müssen Sie doch begeistert sein von Ihrem Team.
Das bin ich. Und wir haben die Qualität, für eine der Top-Platzierungen. Aber derzeit ist die Freude grösser, wenn ich sehe, wie die Mannschaft nach einem 4:0-Sieg gegen Luzern jubelt und sich freut, aber im ersten Training danach sofort wieder konzentriert arbeitet und den Hunger hat, auch das nächste Spiel zu gewinnen. Hier ist unser Trainer Mattia Croci-Torti ein wichtiger Faktor, weil er diesen Hunger tagtäglich fordert und vorlebt.
Vor einem Jahr waren viele Spieler unzufrieden und mit sich selber beschäftigt. Obwohl einige davon noch da sind, wirkt die Mannschaft heute wie verwandelt. Was habt ihr in diesem Sommer verändert?
Wir haben frühzeitig und klar kommuniziert, was wir von jenen erwarten, die den Klub möglicherweise verlassen möchten. Das hat geholfen, Missverständnisse zu vermeiden. Zudem konnten wir mit dem Umzug ins neue Stadion die Strukturen optimieren. Das heisst vor allem Regeln einführen und klare Abläufe festlegen.
Gab es die vorher nicht?
Das ist ein Prozess. Für mich sind klare Strukturen und Disziplin die Grundlage für Erfolg. Entscheidend war, diese Haltung in die Mannschaft zu tragen. Dabei geht es um den Umgang miteinander, die Kommunikation und den gegenseitigen Respekt. Das war eine Gemeinschaftsaufgabe.
Sind Sie erstaunt wie gut das funktioniert hat?
Erstaunt ist das falsche Wort. Vielmehr zeigt es den positiven Charakter der Mannschaft. Die Spieler haben gesehen und verstanden, wie wir arbeiten wollen. Dadurch haben sie noch stärker zusammengefunden, was man derzeit auf dem Platz sieht.
Seit Joe Mansueto 2021 den Klub übernommen hat, wächst Lugano kontinuierlich. Nun verfügt ihr auch über eine Top-Infrastruktur. Wie gross kann dieser Klub überhaupt werden?
Wenn wir diesen Weg konsequent fortsetzen, können wir immer weiter wachsen. Entscheidend ist, dass wir wissen, wer wir sind, woher wir kommen und was unseren Standort ausmacht. Unser Ziel muss sein, uns dauerhaft in der Spitzengruppe der Super League zu etablieren.
Sie sind seit Beginn operativ für Lugano zuständig. Trotzdem gab es einige kritische Stimmen, als Sie 2025 fix in die Schweiz kamen. Es hiess, Sie würden die Super League gar nicht richtig kennen. Hat Sie das gestört?
Überhaupt nicht. Ich fand das ganz amüsant. Es ist besser, wenn nicht alle wissen, was ich weiss.
Und wie gut kannten Sie die Super League wirklich?
2019 habe ich erstmals Super-League- und Nachwuchsspiele vor Ort verfolgt. Mit dem Einstieg von Joe Mansueto zwei Jahre später habe ich mich dann noch intensiver mit dem Schweizer Markt beschäftigt. So habe ich über die Jahre ein gutes Verständnis für die Liga, die Klubs und ihre Besonderheiten entwickelt.
Vielen dürfte dabei nicht bekannt sein, dass Georg Heitz quasi Ihr Mentor ist. Wie wichtig war er für Ihre Entwicklung?
Ich bin ihm unheimlich dankbar. Er hat mich nach Chicago mitgenommen, mir Raum gegeben, mich weiterzuentwickeln, und mir das Vertrauen geschenkt. Wir ergänzen uns sehr gut. Die Zusammenarbeit mit ihm macht mir bis heute grossen Spass.
Das ist Sebastian Pelzer
Sebastian Pelzer wurde am 24. September 1980 in Trier (D) geboren. Dass er eines Tages im Fussball landen würde, war damals keineswegs absehbar. Beide Elternteile stammten aus der Gastronomie und Hotellerie, zudem führte die Familie einen Weinbetrieb. Trotzdem schlug Pelzer den Weg als Fussballprofi ein und kam in Deutschland auf 130 Einsätze in der 2. Bundesliga und 105 in der 3. Liga. Er spielte für Trier, Saarbrücken, Dresden, Ahlen und Rostock und trug bei mehreren Stationen die Captainbinde. Pelzer hat drei Kinder. Sein ältester Sohn Gianluca ist derzeit von Energie Cottbus an Eintracht Trier ausgeliehen.
Sebastian Pelzer wurde am 24. September 1980 in Trier (D) geboren. Dass er eines Tages im Fussball landen würde, war damals keineswegs absehbar. Beide Elternteile stammten aus der Gastronomie und Hotellerie, zudem führte die Familie einen Weinbetrieb. Trotzdem schlug Pelzer den Weg als Fussballprofi ein und kam in Deutschland auf 130 Einsätze in der 2. Bundesliga und 105 in der 3. Liga. Er spielte für Trier, Saarbrücken, Dresden, Ahlen und Rostock und trug bei mehreren Stationen die Captainbinde. Pelzer hat drei Kinder. Sein ältester Sohn Gianluca ist derzeit von Energie Cottbus an Eintracht Trier ausgeliehen.
Ihre gemeinsame Geschichte soll mit einer E-Mail begonnen haben. Wie kam es dazu?
Ich war damals nach meiner Profi-Laufbahn auf der Suche nach Orientierung für meine berufliche Zukunft. Auf YouTube stiess ich auf ein Video von Bernhard Heusler, in dem er über Führung im Sport und seinen «Swiss Way» sprach. Vieles davon entsprach genau meinem eigenen Verständnis von Führung. Ich recherchierte zu Heusler, stiess auf seine damals neu gegründete Firma und schrieb ihm noch am selben Tag eine E-Mail.
Was stand in dieser Mail?
Ich habe erklärt, wer ich bin, wie ich auf das Video gekommen bin und wie ich mir meine berufliche Zukunft im Sport vorstelle. Bernhard Heusler antwortete noch am selben Tag. Ich muss allerdings zugeben, dass ich damals gar nicht wusste, wer er und Georg Heitz im Schweizer Fussball waren. Das habe ich erst später herausgefunden.
Und wie ging es weiter?
Danach habe ich versucht, ein persönliches Treffen zu organisieren, was mir auch gelungen ist. Georg sagte mir später einmal, sein erster Gedanke sei gewesen: «Ich dachte, du bist ein Wahnsinniger.» (lacht) Ich nahm das als Kompliment an. Danach blieben wir über ein Jahr in Kontakt, bis sich die Gelegenheit für ein erstes gemeinsames Projekt ergab. Damals übernahmen sie kurzzeitig ein Mandat bei GC und fragten mich, ob ich mitarbeiten möchte. Das war der Startschuss unserer Zusammenarbeit.
Hätte Bernhard Heusler nicht geantwortet, wären Sie heute in Lugano?
Bestimmt nicht. Ich glaube, dann wären viele Dinge ganz anders gekommen. Das ist nun mal so im Leben. Es gibt Türen, die öffnen sich und wenn sich manche Türen schliessen, öffnen sich andere wiederum.
Sie haben sich schon während Ihrer Profi-Karriere weitergebildet. Zu Beginn eine kaufmännische Lehre, später ein Management-Studium sowie die Trainer-Lizenz. Weshalb war Ihnen das so wichtig?
Schon in der U19 von Kaiserslautern wusste ich, dass ich nach der aktiven Karriere in irgendeiner Form im Fussball bleiben möchte. Meine Lehre musste ich noch auf Wunsch meiner Eltern machen. Später kam die eigene Motivation dazu: Ich wollte lernen und mich weiterentwickeln. Gegen Ende meiner Spielerkarriere merkte ich, dass meine Stärken darin liegen, vernetzt zu denken, Brücken zu bauen und Kontakte zu pflegen. Deshalb war für mich klar, dass ich in die sportliche Leitung möchte.
In Chicago haben Sie mit Heitz lukrative Verkäufe getätigt, allen voran Jhon Duran für rund 30 Mio. Euro inklusive Boni. In der Schweiz wird Ihr Händchen für Verkäufe trotzdem teilweise kritisiert. Was entgegnen Sie?
Das sehe ich relativ entspannt. Es ist ein Entwicklungsprozess. Wenn der teuerste Transfer eines Klubs zuvor bei 3,5 Millionen Euro lag, kann man nicht von heute auf morgen Ablösen von 10 oder 15 Millionen erzielen. Zudem kann ein Angebot auf den ersten Blick attraktiv erscheinen, sich bei genauerer Betrachtung aber aufgrund von Weiterverkaufsbeteiligungen oder Boni als weniger sinnvoll erweisen. Für uns zählt letztlich, was das Beste für den Verein ist. Wie dynamisch der Markt aber tatsächlich ist, können Aussenstehende gar nicht wissen.
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«Ich bin nachtragend»:Müssen sich Lugano-Spieler vor Sportchef in Acht nehmen?
Inwiefern spricht Klub-Besitzer Mansueto in solchen Sachen mit?
Wie in Chicago ist er auch in Lugano nicht ins Tagesgeschäft involviert. Wir haben ein klares Budget zur Verfügung. Wenn wir das überziehen, muss das wie bei anderen Unternehmen vom Verwaltungsrat abgesegnet werden und so ist das bei uns genauso. Der Verwaltungsrat, dessen Delegierter unser CEO Martin Blaser ist, unterstützt uns als Sportabteilung stets in solchen Fällen.
Damit wollen Sie verklickern, dass euch nicht unbegrenzte Mittel zur Verfügung stehen…
Wir sind selbstverständlich von Joe grosszügig subventioniert, aber uns sind durch das Uefa Financial Sustainability Programm klare Grenzen gesetzt. Unsere wirtschaftlichen Dimensionen sind weit weg von denen, in deren Bereichen sich Basel und YB bewegen. Wir sind wesentlich näher bei allen anderen Klubs der Liga als bei den beiden Schwergewichten. Auch weil wir natürlich viel geringere Einnahmen haben als die beiden.
Trotzdem war dieser Transfersommer in Sachen Ausgaben anders als vor einem Jahr.
Diesen Sommer sind wir in Vorleistung gegangen. Vor einem Jahr wollten wir zuerst Spieler verkaufen und erst danach investieren. Das hat sich als schwierig erwiesen. Nach dem Transfer von David von Ballmoos wollten wir auch Hannes Delcroix verpflichten. Es war schon alles aufgegleist. Aus Budgetgründen liess sich der Transfer damals aber nicht mehr realisieren, weshalb er erst im Winter zu uns stiess.
Wie würden Sie sich als Verhandler beschreiben?
Beim Einkauf bin ich gerne kreativ. Beim Verkauf versuche ich, die Interessen des Vereins konsequent in den Vordergrund zu stellen.
Sprechen die Zuzüge aus Ländern wie Kolumbien (Dereck Moncada und David Beckham Castro) und Usbekistan (Bekhruz Karimov) für Ihre Kreativität?
Das ist das Ergebnis unseres Scouting-Netzwerks. Wir haben inzwischen mehrmals bewiesen, dass wir damit spannende Spielerprofile finden können. Ein Beispiel ist Mohamed Amoura, der ursprünglich für Chicago vorgesehen war. Er wollte allerdings nicht in die USA, sondern nach Europa. Als Joe Mansueto Lugano übernahm, nahmen wir den Kontakt wieder auf und konnten ihn schliesslich hierhin holen.
Wird Moncada der nächste Rekordtransfer von Lugano?
Er ist zweifellos ein Spieler mit aussergewöhnlichen Qualitäten. Aber er ist nicht unser einziges heisses Eisen. Es kommen mir auch Karimov, Dos Santos und Pihlström in den Sinn. Es ist schön zu sehen, wie sich unsere jungen Spieler entwickeln. Wir wollen ihnen eine Plattform bieten, auf der sie sich weiterentwickeln und den nächsten Schritt machen können. Unser Ziel ist es, am Ende eine Lösung zu finden, von der alle Seiten profitieren.
Moncada hat schon verraten, dass die Premier League sein Ziel sei. Trauen Sie ihm das zu?
Definitiv. Er bringt viele Attribute mit, die es dafür braucht. Natürlich muss er sich noch weiterentwickeln und dazulernen. Bei allem Hype dürfen wir nicht vergessen, dass er noch keine 20 Jahre alt ist. Das Gesamtpaket stimmt aber bereits jetzt.
Aktuell habt ihr sieben Spieler, die im letzten Vertragsjahr sind. Die meisten sind Leistungsträger. Beunruhigt Sie das?
Wenn man die potenziellen Verkäufe noch on top zählt, dann könnte die Zahl noch deutlich nach oben gehen. Deshalb versuche ich das trocken anzugehen. Emotionalität ist bei solchen Themen ein schlechter Ratgeber. Ich versuche die Themen nach und nach abzuarbeiten.
Bis wann wollt ihr Klarheit?
Wenn wir etwas zu kommunizieren haben, werden wir das tun.
Sie haben selber in Lugano einen Vertrag bis 2029. Haben Sie sich persönlich schon das nächste Ziel gesetzt?
Mein Tag ist so voll, dass ich mir um diese Themen aktuell keine Gedanken mache. Ich versuche jeden Tag mein Bestes für Lugano zu geben und alles andere wird die Zeit zeigen.
Der Traum eines Tages in einer Top-5-Liga zu arbeiten, existiert aber?
Ambitionen hat jeder. Was das nachher bedeutet, das muss man ja nicht jedem erzählen.
Wenn Sie eines Tages Lugano verlassen, was für einen Klub wollen Sie hinterlassen?
Dass er auch ohne mich reibungslos funktioniert und nicht von einzelnen Personen abhängig ist.
Wenn wir in einem Jahr wieder da sitzen: Ab wann bezeichnen Sie die laufende als eine aussergewöhnliche Saison?
Wenn wir mehr Punkte als in der letzten Saison geholt haben.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Lugano | 10 | 24 | 28 | |
2 | BSC Young Boys | 10 | 15 | 22 | |
3 | FC Sion | 10 | 6 | 19 | |
4 | FC St. Gallen | 10 | -2 | 16 | |
5 | FC Zürich | 10 | -4 | 14 | |
6 | Servette FC | 10 | 1 | 13 | |
7 | FC Basel | 10 | -3 | 13 | |
8 | FC Luzern | 10 | -5 | 12 | |
9 | FC Thun | 10 | -10 | 10 | |
10 | FC Vaduz | 10 | 0 | 9 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 10 | -13 | 8 | |
12 | FC Lausanne-Sport | 10 | -9 | 6 |
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