Angriffskrieg auf die Ukraine – Nun nimmt Putin Kiew ins Visier

Und wieder hat es Kiew getroffen. Vor einem Wohnhaus mit rund hundert Wohnungen ist der Boden mit Scherben und Trümmern übersät. Ein paar Dutzend Menschen stehen Schlange: Die Stadtverwaltung gibt kostenlos Spanplatten aus, damit die Leute ihre Fenster wenigstens notdürftig verschliessen können. Julia ist eine von denen in der Schlange: «Wir haben geschlafen. Dann gab es eine erste Explosion und darauf eine zweite. Meine Mutter wurde von Splittern getroffen und liegt jetzt im Spital.»
Die russische Armee beschiesst Kiew so heftig wie noch nie seit Beginn des Krieges. Manchmal ist stundenlang Luftalarm, das Feuer der Flugabwehr knallt über der Stadt. Dann: eine dumpfe Explosion, irgendwo hat etwas eingeschlagen.
Die russische Armee nimmt neben Wohnhäusern auch Einkaufszentren, Tankstellen und Lagerhäuser ins Visier. Zwei Mitarbeiter der Handelskette «Epizentr» zeigen ein zerstörtes Logistikzentrum. Die riesige Halle ist komplett ausgebrannt. In den verkohlten Gestellen stehen noch angesengte Packungen mit Teigwaren, Energydrinks und Windeln. Die Folgen dieser Attacken sind sichtbar in der Stadt: In einigen Supermärkten gibt es Versorgungsprobleme. Regale bleiben leer, weil die Ware zerstört wurde.
An der Front läuft es nicht gut für den Kreml. Die russische Sommeroffensive ist weitgehend gescheitert – an einigen Abschnitten konnten die Ukrainer sogar vorrücken. Nun versucht Moskau offenbar, die Ukraine im Hinterland niederzuringen. Mit heftigen Attacken soll die ukrainische Wirtschaft zerstört und insbesondere Kiew faktisch unbewohnbar gemacht werden.
Noch lebt Kiew. In einem Café im obersten Stock eines Hochhauses frühstücken zahlreiche Geschäftsleute, während draussen Explosionen dröhnen. Auf dem zentralen Boulevard Chreschatik geniessen verliebte Teenager, Familien mit Kindern und Soldaten die warme Herbstsonne. Doch die Sorge vor dem Winter ist gross. Russland dürfte wie schon im vergangenen Jahr erneut die Heiz- und Stromversorgung der Hauptstadt angreifen.
Manche in Kiew haben deswegen vorgesorgt, so wie Oksana Kukoba. Sie lebt mit ihrem dreijährigen Buben in einem Kiewer Wohnviertel. Ihr Mann dient in der Armee. Für den Winter hat sie ein Haus ausserhalb der Stadt gemietet. «Dort gibt es einen Dieselgenerator, eine Gasheizung, aber auch einen Holzofen. Holz haben wir schon gekauft», sagt Kukoba. Von dem Haus im Umland erhofft sie sich nicht nur Wärme und Licht, sondern auch ruhigere Nächte für sich und ihr Kind.
Allerdings haben die meisten Kiewer nicht das Geld für ein sicheres Winterrefugium. «Mein Mann hat uns warme Schlafsäcke gekauft. Erstmal müssen wir aber unsere Fenster irgendwie verschliessen», sagt eine Frau, die vor dem zerschossenen Wohnblock für die kostenlosen Spanplatten in der Schlange steht.
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