Wofür würden Junge aus der Schweiz auf die Strasse gehen?

- Die Krawalle in Frankreich und Italien beschäftigen auch junge Menschen in der Schweiz.
- Die Befragten lehnen Gewalt klar ab und würden Demonstrationen teils meiden, weil sie eine Eskalation fürchten.
- Auf die Strasse gehen würden viele erst bei Einschränkungen ihrer Grundrechte oder wenn ihre Existenz bedroht wäre.
- Mehrere Befragte sehen die direkte Demokratie als Schutz davor, dass Frust in Gewalt umschlägt.
In Frankreich und anderen europäischen Ländern gehen Hunderttausende auf die Strasse. Sie protestieren unter anderem wegen Missständen an Schulen, steigenden Bildungskosten oder hohen Mieten. Doch immer öfter kommt es zu Ausschreitungen. In Frankreich eskalierte am vergangenen Wochenende die Gewalt. Es kam zu Plünderungen, Brandstiftung und Zusammenstössen mit der Polizei.
Während die Proteste von Frankreich auf andere Länder überschwappte, ist es in der Schweiz bisher ruhig. 20 Minuten wollte von jungen Menschen in Zürich wissen, was sie von den Protesten halten, ob sie hierzulande auf die Strasse gehen würden und wofür.
«Hätte Angst, dass die Demo eskaliert»
An einer Demonstration teilzunehmen, ist für Alexander (27) aus Spreitenbach AG eine unangenehme Vorstellung. Auf die Strasse zu gehen, käme für ihn erst als letzter Ausweg infrage: «Demos schrecken mich ab.» Erst wenn seine Grundrechte massiv eingeschränkt würden, etwa wenn er nicht mehr reisen, Restaurants oder Cafés besuchen oder sich frei im Land bewegen dürfte, könnte er sich eine Teilnahme vorstellen.
Für politische Anliegen auf die Strasse zu gehen, sei ihm zu heikel. «Ich hätte Angst, dass es eskaliert», sagt er und bezieht sich dabei auch auf die Bilder aus Frankreich vom vergangenen Wochenende. Auch bei Einschränkungen seiner Grundrechte würde er zunächst abwarten, ob sich über mehrere Tage grosse Menschenmengen formierten. «Erst dann würde ich mich einer solchen Demonstration wohl anschliessen», räumt er ein.
Die Gewaltszenen aus Frankreich und Italien hätten die Zürcherin Salome (21) abgeschreckt. An einer Kundgebung würde sie deshalb nur teilnehmen, wenn die Veranstalter klar kommunizierten, wer die Verantwortung trägt und wie die Sicherheit gewährleistet wird. «In grossen, unübersichtlichen Menschenmengen fühle ich mich unwohl, besonders, wenn Alkohol, vermummte Personen oder Provokationen im Spiel sind.»
«Demonstrieren wegen hohen Lebenshaltungskosten»
Andrina (34) hat bereits an einer Demonstration für Frauenrechte teilgenommen. Auch auf die Strasse gehen würde sie, wenn ihr Arbeitsplatz bedroht wäre. «Wenn ich von einer Kündigungswelle betroffen wäre, die ich als unverhältnismässig empfinde, würde ich demonstrieren», sagt sie. Das Demonstrationsrecht ist für Andrina ein wichtiges Gut, das nicht allen Menschen offensteht. Gewalt käme für sie dabei aber nie infrage.
Auch Joana (23) sei bereits mehrmals für Frauenrechte auf die Strasse gegangen. Für ein bezahlbares Leben in der Schweiz würde sie erneut an einer Demonstration teilnehmen. Zwar laufe hierzulande «das Meiste gut», wie sie findet, doch die hohen Lebenskosten beschäftigten sie. Die Mieten seien «extrem teuer», die Krankenkassenprämien kosteten «ein Vermögen». «Als junge Person frage ich mich, wie ich mir später eine eigene Wohnung leisten kann», sagt sie.
Wie würdest du auf eine Demo reagieren, wenn dir eine Eskalation wie in Frankreich Angst machen würde?
«Kaum vorstellbar, dass sich hier eine gewaltbereite Masse bilden kann»
Alexander kann sich kaum vorstellen, dass es in der Schweiz zu Szenen wie in Frankreich kommen könnte. Die Schweizerinnen und Schweizer seien zurückhaltender, sagt er. Den entscheidenden Unterschied sieht er in der direkten Demokratie: Wer mit einer geplanten Gesetzesänderung nicht einverstanden sei, könne abstimmen oder ein Referendum unterstützen. «Wenn die Mehrheit entschieden hat, kann man eher damit leben, als wenn der Staat allein über einen bestimmt.»
Fabienne (22) aus Zürich hält ähnliche Szenen hingegen auch in der Schweiz für möglich. «Wo es gewaltbereite Menschen gibt – und die gibt es auch hier – können Proteste ausufern. Das sieht man etwa an den Ausschreitungen rund um den 1.Mai.» Dass sich wie im Nachbarland grosse Gruppen gewaltbereiter Männer zusammenschlössen und Städte unsicher machten, hält sie in der Schweiz dennoch für unwahrscheinlich.
Proteste Frankreich
In Frankreich eskalieren die Proteste: Seit Mitte September demonstrieren Schülerinnen, Schüler und Studierende gegen überfüllte Klassen und fehlendes Personal. Inzwischen richten sich die Proteste auch gegen hohe Lebenshaltungskosten. Dabei kommt es zu Gewalt, Festnahmen und Angriffen auf Geschäfte.
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Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
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