Naturschutzkonferenz in Jerwan: Wo Artenschutz konkret wird

Bis 2030 soll die Natur von 30 Prozent der Land- und Wasserflächen geschützt sein. Siegen-Wittgenstein könnte mit einem Nationalpark dazu beitragen.
Foto: Stefan Ziese/imago
Wie viel Natur verträgt der dicht besiedelte Westen? Darüber wird im Kreis Siegen-Wittgenstein erneut gestritten: Mitte November entscheidet der Kreistag, ob sich der Landkreis für einen zweiten Nationalpark im Bundesland bewerben wird. Entsprechende Verfahren für einen „Egge-Nationalpark“ im Nordosten NRWs sowie für den „Reichswald“ am Niederrhein waren in den vergangenen Jahren in Bürgerentscheiden gescheitert; somit galt auch das Vorhaben der schwarz-grünen Landesregierung, einen zweiten Nationalpark im Land einzurichten, generell für erledigt und es blieb beim Nationalpark Eifel bei Aachen.
Im waldreichen Südosten NRWs ist die Diskussion nun aber neu entbrannt. „Das Gebiet eignet sich sehr gut, weil es ausschließlich in Landesbesitz ist“, sagt Klaudia Witte, Biologie-Professorin an der Universität Siegen und Vorsitzende des Naturschutzverbandes Nabu Siegen-Wittgenstein. Zudem lägen in den 4.600 als Nationalpark avisierten Hektar schon kleinere, einzelne Wildnisentwicklungsgebiete sowie Naturschutzgebiete und FFH-Flächen, also nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie geschützte Gebiete, es gibt eine Naturwaldzelle mit vielen Altholzbeständen.
„Wie gefordert, hätte ein Nationalpark Rothaarkamm eine besondere ökologische Wertigkeit“, sagt der Biologe Ralf Kubosch von der ArGe Pro Nationalpark. „Er liegt auf der Wasserscheide zwischen Weser und Rhein, dort liegen die Ursprungsgebiete wichtiger Flüsse – Eder, Sieg und Lahn -, es gibt intakte Moore und Erlensumpfwälder.“ Damit vereine der Nationalpark vorbildlich den Schutz der Biodiversität mit Klimaschutz, so Kubosch. Und er ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich das bekannteste Ziel des UN-Naturschutzabkommens umsetzen ließe – bis 2030 rund 30 Prozent der Land-, Süßwasser- und Meeresflächen effektiv zu schützen und zu erhalten, sowie 30 Prozent aller geschädigten Ökosysteme wiederherzustellen.
Unter anderem darum geht es ab dem 19. Oktober in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Auf der Konferenz des UN-Abkommens zur Biologischen Vielfalt wollen die 196 Mitgliedstaaten prüfen, wie weit sie mit dem Schutz der Natur in den vergangenen vier Jahren gekommen sind und welche Anstrengungen in den kommenden Jahren nötig werden. Bei ihrem Treffen 2022 in Montreal hatten sie den viel gelobten „Globalen Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal“ beschlossen. Was sperrig klingt, enthält 23 sehr konkrete Ziele.
Das sind die Ziele
Neben dem bekannten 30x30-Ziel beschlossen sie, mehr Geld für den Naturschutz bereitzustellen – mindestens 200 Milliarden Dollar jährlich ab dem Jahr 2030. Noch anspruchsvoller: Bis Ende des Jahrzehnts sollen umweltschädliche Subventionen um mindestens 500 Milliarden US-Dollar jährlich sinken. Ebenfalls in den 23 Zielen festgeschrieben ist, die Umweltverschmutzung und den Einsatz hochgefährlicher Pestizide um die Hälfte zu verringern, den nachhaltigen Konsum zu fördern und dafür zu sorgen, dass der an Tier- und Pflanzenarten reiche Globale Süden mit daran verdient, wenn Pharma-, Chemie- und Lebensmittelkonzerne des Nordens mit diesen „natürlichen Ressourcen“ Gewinne machen.
„Wir haben konkrete Ziele und Handlungsfelder“, sagt Ives Zinngrebe vom Leipziger Zentrum für Umweltforschung, „außerdem werden neben direkten Treibern des Artensterbens etwa im Bereich der Land- und Forstwirtschaft auch indirekte Treiber angesprochen.“ Etwa Wirtschaft, Finanzströme und Konsum. Trotzdem bleibe eine Lücke zwischen den gesetzten Zielen und ihrer Umsetzung. So bleiben die umweltschädlichen Subventionen genauso hoch wie naturschädlicher Konsum, etwa von Fleisch.
„Die meisten Staaten stecken in der konkreten Umsetzung“, sagt Inka Gnittke, Leiterin der deutschen Verhandlungsdelegation aus dem Bundesumweltministerium. „Sie haben ihre nationalen Strategien fortgeschrieben und die globalen 23 Ziele in nationale Ziele überführt.“ Vor allem in den „klassischen Naturschutzfeldern“ – wie der Wiederherstellung und auch der Ausweisung von Schutzgebieten etwa – sei man schon vorangekommen. „Aber insgesamt reicht es nicht, um die globalen Ziele bis 2030 zu erreichen. Das müssen wir deutlich beschleunigen.“
Naturschutz braucht Fläche
In Jerewan gehe es jetzt nicht darum, neue Beschlüsse zu fassen oder Ziele zu formulieren, sind sich Beobachter einig, sondern um eine ehrliche Bestandsaufnahme – und darum, zu handeln. Doch Naturschutz braucht Fläche – und gerät damit leicht in Interessenkonflikte. So polemisiert die örtliche Industrie- und Handelskammer in Siegen-Wittgenstein heftig gegen die Idee eines Nationalparks Rothaarkamm, weil sie darin eine Gefahr für den geplanten Ausbau der Bundesstraße 57 sieht. Die Verkehrsanbindung Wittgensteins bleibe ein entscheidender Standortfaktor für Unternehmen, Beschäftigte und die wirtschaftliche Entwicklung der Region, argumentiert sie.
Die Weltnaturschutzkonferenz tagt noch bis zum 30. Oktober – der Kreistag Siegen-Wittgenstein entscheidet am 13. November.
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