Umstrittene Therapie – Long Covid mit Hirntraining behandeln: Was steckt dahinter?

«Für mich hat sich eine Wissenslücke in der Medizin geschlossen», sagt Jasna Cotting. Die 33-jährige Ärztin ist überzeugt, dass sie dank gezieltem Hirntraining von Long Covid genesen ist.
Mitte 2023 erkrankt sie an Long Covid. Über Monate kämpft sie sich bei der Arbeit durch, in ihrer Freizeit liegt sie nur noch im Bett. Später wird sie dann für rund sechs Monate krankgeschrieben. «Ich war ständig erschöpft, hatte Schmerzen und Mühe, mich zu konzentrieren. Nach mentaler oder körperlicher Anstrengung verstärkten sich die Symptome», erzählt Cotting.
Dann erfährt sie von anderen Betroffenen von einem neuen Therapieansatz, bei dem sogenanntes Hirntraining eine zentrale Rolle spielt. «Ich war am Anfang skeptisch, denn ich war überzeugt, dass das Problem bei meinem Immunsystem zu suchen ist und nicht im Gehirn», erinnert sie sich.
Der neuroplastische Ansatz bei chronischen Schmerzen
Der neuroplastische Ansatz fusst auf dem Wissen, dass das Gehirn formbar ist und sich seine Nervenzellen ständig neu vernetzen. Gerade bei gewissen chronischen Schmerzen spielt dieser Umstand eine zentrale Rolle. Untersuchungen zeigen, dass wenn Schmerzen über Monate andauern, sich das zentrale Nervensystem umbaut. Verbindungen zwischen Nervenzellen verstärken sich, neue werden gebildet, andere verschwinden.
«Dieses sogenannte Schmerzgedächtnis löst dann weiterhin Schmerzen aus, auch wenn im Gewebe kein Schaden mehr nachweisbar ist und der ursprünglich körperliche Reiz eigentlich abgeklungen ist», erklärt Gregory Fretz, der am Kantonsspital Graubünden die Fatigue-Sprechstunde leitet.
Was das Gehirn jedoch gelernt hat, kann es prinzipiell auch wieder verlernen. Darauf setzt die moderne Schmerztherapie und arbeitet mit Methoden wie Schmerzedukation, mentalen Achtsamkeitstechniken und Verhaltenstherapie, um dem Nervensystem zu signalisieren, dass alltägliche Reize keine Gefahr bedeuten. Mit der Zeit bauen sich so die Nervenbahnen um, und das Schmerzgedächtnis wird Schritt für Schritt wieder überschrieben.
Genesung dank Hirntraining?
Nun sollen bei Long Covid ähnliche Prozesse eine Rolle spielen, davon sind Vertreterinnen und Vertreter des Ansatzes überzeugt. Jasna Cotting setzt sich intensiv mit dem Ansatz auseinander. Sie liest unter anderem das Buch «Wege aus dem Schmerz» vom amerikanischen Psychotherapeuten Alan Gordon, das chronische Schmerzen als Folge von neuroplastischen Prozessen erklärt. «Ich habe gemerkt, dass in meinem Körper nichts kaputt ist, sondern dass mein Organismus dysreguliert ist», beschreibt Jasna Cotting ihren Aha-Moment.
Die Hypothese fusst auf dem Wissen, dass das Gehirn die Fähigkeit besitzt, sich ständig neu zu vernetzen. Die Vermutung der Befürworter:
Diese Neuroplastizität führe bei Long Covid dazu, dass das Gehirn Symptome wie Erschöpfung oder Schmerzen in einer ersten Krankheitsphase «erlerne». Das Nervensystem bleibe dann in einem überaktiven Alarmzustand. Deshalb löse das Gehirn auch nach der akuten Covid-Erkrankung bei kleinsten Reizen weiterhin die Symptome aus, auch wenn körperlich nichts irreversibel geschädigt sei.
Je länger dieser Zustand andauere, desto stärker würden sich die entsprechenden neuronalen Verknüpfungen im Gehirn verfestigen. Ziel der Therapie sei es, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Mit Techniken wie Meditation, Atemübungen und einem Fokus weg von den Symptomen sollen Betroffene lernen, ihre Symptome wertneutral und ohne Angst wahrzunehmen, um dem Gehirn Sicherheit zu signalisieren und es schrittweise «umzuprogrammieren».
Bisher fehlen jedoch Studien, die die Wirksamkeit des Ansatzes bei Long Covid belegen.
Jasna Cotting beginnt mithilfe von Büchern und einer App mit der Therapie. Nebst Übungen zur Emotionsregulation beginnt sie auch mit dem sogenannten Somatic Tracking, zuerst allein und später unter Anleitung von Andreas Immel, Coach für neuroplastische Symptome.
Die Übungen, die ursprünglich bei der Therapie von chronischen Schmerzen eingesetzt werden, zielen unter anderem darauf ab, seine Symptome wertneutral und angstfrei zu beobachten. «Neuroplastische Symptome sind die Folge eines überaktiven Alarmsystems, das Gefahr sieht, wo keine ist», argumentiert Andreas Immel.
Die Übungen sollen helfen, die Long-Covid-Symptome zusammen mit einem Gefühl der Sicherheit zu fühlen, um das Nervensystem zu beruhigen. «Obwohl ich zwischendurch Rückschläge hatte, habe ich mich nach ein paar Monaten schon sehr gut gefühlt. Doch es dauerte rund ein Jahr, bis mein Gehirn auch wirklich verlernt hatte, auf verschiedene Reize zu reagieren», erzählt Jasna Cotting.
Jasna Cotting ist überzeugt, dass sie dank diesem Hirntraining genesen ist. Was als neuer Ansatz vielversprechend klingt und vielen Betroffenen Mut macht, ist aber stark umstritten.
Kritik von Long Covid Schweiz
So kritisiert die Patientenorganisation Long Covid Schweiz in einer Stellungnahme im Juni dieses Jahres, dass die neuroplastischen Modelle als Erklärung von Long Covid «potenziell schädlich» seien, Betroffene «gefährden» und die «Krankheitsrealität verzerren» würden. Chantal Britt, Präsidentin von «Long Covid Schweiz» und selbst betroffen, kritisiert das Fehlen wissenschaftlicher Nachweise. Heilungserfolge könnten auch auf «spontaner Erholung» beruhen.
Wir sehen Long Covid als eine Multisystemerkrankung.
Sie befürchtet zudem, dass die anhaltenden Beschwerden durch den neuroplastischen Ansatz psychologisiert und heruntergespielt werden. Die Krankheit durch einen Fehlalarm im Gehirn erklären zu wollen, dränge Betroffene in die Psycho-Ecke. «Es sei ja nicht so, dass wir uns nicht bewegen können, sondern wir seien faul, lazy oder crazy. Mit diesem Vorwurf müssen wir uns schon seit über sechs Jahren auseinandersetzen», sagt Britt.
Was ist Long Covid für eine Krankheit?
Kritikerinnen wie Chantal Britt betonen denn auch, dass Long Covid nicht einfach durch ein überaktiviertes Nervensystem in Alarmzustand erklärt werden kann: «Wir sehen Long Covid als eine Multisystemerkrankung.»
Verschlechterung wegen Hirntraining?
Chantal Britt befürchtet zudem, dass Betroffene mit dem neuroplastischen Ansatz ihre Belastungsgrenzen überschreiten und sich so schaden. Genau das hat Sara Pezzotta erlebt, davon ist sie überzeugt. Sie ist seit 2023 wegen Long Covid krankgeschrieben.
Die Physiotherapeutin, Yoga- und Meditationslehrerin hat einen Abschluss in Neurowissenschaften und Meditation und eine Ausbildung in der sogenannten Pain Reprocessing Therapy. Meditation und Achtsamkeitsübungen gehören deshalb bereits vor ihrer Long-Covid-Erkrankung zu ihrem Alltag und helfen ihr später auch, besser mit der Krankheit umzugehen, ohne in Angst zu verfallen.
«Ich kenne wegen meiner Ausbildungen und aus meiner Arbeit als Physiotherapeutin den neuroplastischen Ansatz zur Therapie von chronischen Schmerzen sehr gut», erklärt sie. Als sie dann hört, dass der Ansatz auch bei Long Covid funktionieren soll, zögert sie nicht: «Ich glaubte sofort, dass sich meine Symptome ausschliesslich durch eine Dysregulation des Nervensystems erklären lassen, und ich deshalb durch Hirntraining genesen kann, unabhängig davon, welche biologischen Prozesse meinen Beschwerden zugrunde liegen.»
Wenn man bei Long Covid über diese Energiegrenze hinausgeht, dann kann es zu einer Post-Exertionellen Malaise kommen.
Sie intensiviert ihre Meditationsübungen, verfolgt zusätzlich andere Mind-Body-Ansätze wie das Somatic Tracking, Hypnose und Atemübungen. Wegen des Glaubens, dass ihre Symptome nur vom Gehirn ausgelöst werden, gibt sie in einem ersten Moment das für Long-Covid-Betroffene zentrale Pacing auf. Damit sollten Betroffene eigentlich verhindern, dass sie über ihre tiefen Energiegrenzen hinausgehen, indem sie jede geistige und körperliche Aktivität ihrer verminderten Belastungsgrenze anpassen.
Sara beginnt auch vorsichtig, körperlich zu trainieren. «Wenn man bei Long Covid über diese Energiegrenze hinausgeht, dann kann es zu einer Post-Exertionellen Malaise kommen, wobei sich die Symptome verzögert verstärken, was mehrere Wochen oder gar Monate andauern kann», warnt der Long Covid-Experte Gregory Fretz.
Weil ich meine Belastungsgrenzen nicht mehr beachtete, erlitt ich wiederholt Crashs.
Mehrere solcher Crashs nacheinander können den Zustand sogar nachhaltig verschlechtern. Sara Pezzotta ist deswegen Anfang 2024 mehrere Monate lang bettlägerig. «Weil ich meine Belastungsgrenzen nicht mehr beachtete, erlitt ich wiederholt Crashs und habe dadurch einen Teil meiner Muskelkraft verloren, die ich bis heute nicht wiedererlangen konnte.»
Sara wendet seither das Pacing wieder an. Sie sagt, dass Achtsamkeitsmeditation, Atemübungen und Selbsthypnose zwar helfen können, besser mit der Krankheit umzugehen, betont aber: «Das bedeutet nicht, dass Long Covid ausschliesslich durch neuroplastische Prozesse ausgelöst wird und schon gar nicht, dass damit alle Betroffenen geheilt werden können.» Sich von dieser Vorstellung zu lösen, war für Sara entscheidend, um sich wieder für weitere Therapieansätze zu öffnen, die die physiologische Komplexität der Krankheit besser berücksichtigen.
Öffentliche Spitäler greifen den Ansatz auf
Trotz kritischer Stimmen greifen erste Long-Covid-Sprechstunden den neuroplastischen Ansatz auf. So schreibt das Universitätsspital Basel im Mai dieses Jahres auf seiner Webseite, dass es dank des neuroplastischen Ansatzes Hoffnung bei Long Covid gebe, und schreibt: «Das Gehirn kann ungünstige Muster entwickeln, aber auch wieder umlernen. Genau dieses Umlernen steht im Zentrum der Therapie.»
Auch andere Spitäler wie das Luzerner Kantonsspital setzen neu auf den Ansatz, obwohl ein Nutzen bei Long Covid wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist. Lara Diem, Neurologin am Luzerner Kantonsspital, erklärt dies mit der allgemeinen Hilflosigkeit gegenüber der Krankheit: «Seien wir ehrlich: Bei Long Covid gibt es kaum Evidenz, und wenn wir nur nach Evidenz arbeiten würden, dann könnten wir den Patienten gar nichts bieten.»
Sie betont jedoch einen differenzierten und vorsichtigen Umgang. Der Ansatz sei keinesfalls für alle geeignet. «Nicht bettlägerige Patienten, nicht Patienten, die schon am Limit ihrer Energie sind», stellt sie klar. Absolute Voraussetzung sei, dass die Betroffenen das Pacing-Konzept verstanden haben und strikt einhalten. Für sie ist die Methode nur ein kleiner Baustein in einem personalisierten Therapiekonzept, keine Universallösung.
Tiefe Gräben
Der Streit um das Hirntraining legt die tiefen Gräben und die Verzweiflung im Umgang mit Long Covid offen. Einerseits stehen die Hoffnung auf Heilung und beeindruckende Genesungsgeschichten. Andererseits die Warnung vor Zustandsverschlechterung, die Wut über eine Psychologisierung und die Forderung nach wissenschaftlich fundierter Medizin.
Ich glaube, man muss versuchen, ein bisschen Druck aus dem System herauszunehmen, in der Meinung, dass es nur die eine Lösung gibt für alle Betroffenen.
Long-Covid-Experte Gregory Fretz plädiert für einen Weg der Mitte: «Ich glaube, man muss versuchen, ein bisschen Druck aus dem System herauszunehmen, in der Meinung, dass es nur die eine Lösung gibt für alle Betroffenen.» Es gelte, alle plausiblen Hypothesen weiter zu erforschen und gleichzeitig zu versuchen, die Gräben zuzuschütten.
Denn bis die Wissenschaft definitive Antworten liefert, bleibt Long Covid eine rätselhafte Krankheit, die den Betroffenen alles abverlangt – und von der Gesellschaft vor allem eines braucht: Verständnis.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.