El Niño färbt Meer tiefblau – droht Krise für Mensch und Tier?

- Im Pazifik bahnt sich laut Fachleuten ein möglicherweise historisch starker «Godzilla-El-Niño» an.
- Der Nasa-Satellit Pace zeigt am Äquator immer mehr tiefblaues statt grünliches Wasser, weil das Phytoplankton schwindet.
- Das gefährdet die Nahrungskette bis zu Fischen und Seevögeln sowie die Fischerei der Küstenbevölkerung.
- UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher warnt vor wirtschaftlichen Schocks, Konflikten, Vertreibungen und Migration.
Im Pazifik bahnt sich laut Fachleuten ein möglicherweise historisch starker «Godzilla-El-Niño» an. Das natürliche Wetterphänomen tritt alle zwei bis sieben Jahre im tropischen Pazifik zum Jahresende auf – daher der Name El Niño, spanisch für Christkind (siehe Box). Doch die kommende Ausgabe könnte die Welt vor massive Herausforderungen stellen – zuerst mit Blick auf die Natur- und Tierwelt und in der Folge auch im Zusammenhang mit Kriegen, Flüchtlingsströmen und der Weltwirtschaft.
Das ist der El Niño
Normalerweise wehen im Pazifik starke Passatwinde, die warmes Wasser nach Westen schieben: Bei El Niño schwächen sich diese Winde ab, und es staut sich ungewöhnlich warmes Wasser vor der Küste Südamerikas. Es kommt zu einer mehrere Monate dauernden Strömungsumkehr. Typische Folgen sind zum Beispiel mehr Regen und Überschwemmungen in Teilen Südamerikas sowie Dürren oder Hitze in Australien, Indonesien und anderen Regionen. Das Klima in diesen Regionen kippt sozusagen von seinem normalen Zustand ins extreme klimatische Gegenteil. Der El Niño kann auch das globale Wetter für mehrere Monate beeinflussen.
El Niños werden nicht durch den Klimawandel verursacht, können dessen Folgen aber zusätzlich verschärfen.
Dass das Wetterphänomen im kommenden Jahr wohl so stark wie noch nie seit Messbeginn ausfallen wird, zeigt auch der Ozean schon eindrücklich: Wie Messungen des Nasa-Satelliten Pace zeigen, hat sich der Westpazifik zuletzt verfärbt. Am Äquator nahm der Anteil von grünlichem Wasser zuletzt laufend ab und wurde mehr und mehr durch tiefblaues Wasser ersetzt.

«Manche Leute denken, Wasser sei einfach blau, aber es ist erstaunlich, wie viele Farben der Ozean haben kann», sagt Matthew Kehrli vom Pace-Team. Denn das grüne Wasser lässt auf Phytoplankton schliessen, da die in den Algen enthaltenen Farbstoffe blaues und rotes Licht schlucken und grünes Licht zurückwerfen.
So wichtig sind die Phytoplankten
Die Kleinstlebewesen können sich am Äquator normalerweise über ein konstantes Nahrungsangebot freuen, da die Passatwinde laufend neue Nährstoffe aus der Tiefe nach oben befördern. Jetzt aber fehlt diese Durchmischung, die Deckschicht aus warmem Wasser wird dicker und die pflanzlichen Phytoplanktonbestände werden immer dünner.
Das wirkt sich auf die ganze lokale Biosphäre aus, der die Kleinlebewesen als Grundlage dienen: Normalerweise ernähren sich diverse Zooplankton-Arten vom pflanzlichen Plankton. Sie wiederum dienen als Nahrungsgrundlage für die Fische, die wiederum für das Überleben diverser Seevögel essenziell sind.
Während der drohende Rekord-El-Niño also nicht nur der Pflanzen- und Tierwelt im Meer, sondern auch der für die Bevölkerung der Küstengebiete überlebenswichtigen Fischerei erhebliche Probleme bereiten könnte, hat sich in der Vergangenheit nach früheren El Niños ein umgekehrter Effekt eingestellt: Dabei gelangte nährstoffreicher Staub aus Küstenregionen und Eisen aus Meeresströmungen ins Meer und liess die Chlorophyll-Konzentration deutlich über den Normalwert hochschiessen.
UN: Kriege, Wirtschaftsschocks, Vertreibungen
Die Auswirkungen des Phänomens dürften aber vielfältig und weltweit bemerkbar sein: «Die Schäden werden nicht auf die Länder beschränkt bleiben, die unmittelbar von diesem El Niño betroffen sind», warnte der UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher. «Sie werden wirtschaftliche Schocks für die Weltwirtschaft auslösen und zu weiteren Konflikten, Vertreibungen und Migration führen.»
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Nach Angaben der WMO drohen unter anderem in Ostafrika und Teilen Zentralamerikas Dürren. Dagegen müssen das südliche Afrika, Teile Südostasiens und der Nordwesten Nordamerikas sowie die westliche Seite Südamerikas mit heftigeren Regenfällen rechnen.
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Saulo und Fletcher forderten dringend Vorbereitungen, damit den Betroffenen, die in vielen Weltregionen bereits durch Konflikte und Armut schwer getroffen sind, schnell geholfen werden kann.
Benedikt Hollenstein (bho) ist seit 2021 bei 20 Minuten. Er schreibt für den Newsdesk und übernimmt dort auch Tagesleitungsschichten.
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