Mexikanische Zulieferer unter Druck: Der Lack ist ab

Der Protektionismus der USA macht Mexikos Automobilbranche zu schaffen, zehntausende Arbeitsplätze gingen bereits verloren. Und Europa ist weit weg.
Foto: imago
Abrupt wurden Maschinen runtergefahren und Arbeiter massenhaft entlassen: Seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus und seiner unberechenbaren Zollpolitik hat die mexikanische Automobilzulieferindustrie bereits 90.000 Arbeitsplätze verloren und der Handel Mexikos mit den USA – dem wichtigsten Exportmarkt – ist eingebrochen.
Dabei hatte die Dynamik des US-amerikanischen Automobilsektors Mexiko jahrzehntelang zur großen Werkstätte der Region gemacht. Doch konnten die mexikanischen Zulieferer früher noch langfristige Geschäftspläne aufstellen, ist es heute schon schwierig, Projekte über mehrere Monate zu planen, da sich die Geschäftsbedingungen ständig ändern.
Euromérica-Workshop
15 Journalist:innen aus 12 Ländern Lateinamerikas nehmen am Workshop „Euromérica“ der taz panterstiftung teil. Es geht um Chancen und Herausforderungen des EU-Mercosur-Abkommens und die lateinamerikanisch-europäischen Beziehungen. Am 5. 12. erscheint dazu eine Beilage in der taz, am 9. 12. gibt es einen öffentlichen Talk in der taz Kantine. Alle Texte finden Sie hier.
Francisco González, Präsident des nationalen Automobilzuliefererverbands (INA), geht davon aus, dass die weggefallenen Arbeitsplätze unwiderruflich verloren gegangen sind. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Zahl der Arbeitsplätze nicht mehr zunehmen wird“, sagt González. „Wir hoffen jedoch auf eine Steigerung bei den Löhnen und eine Zunahme der Spezialisierung, denn die Automatisierung treibt uns in diese Richtung“. Und wenn sich Anforderungen und die Qualität der Arbeit verbessere, stiegen zumindest auch die Löhne.
Abhängigkeit von den USA
Einige Zahlen verdeutlichen das momentane Ungleichgewicht: Vom gesamten Export mexikanischer Autoteile im ersten Halbjahr 2026 im Wert von rund 55 Milliarden US-Dollar gingen 86 Prozent in die USA, gefolgt von Kanada mit 3 Prozent. Auch bei der Herstellung von Fahrzeugen zeigt sich die Abhängigkeit vom nördlichen Nachbarland: Von den in der ersten Jahreshälfte aus Mexiko exportierten 1,9 Millionen Autos gingen rund drei Viertel in die USA.
Unter Trumps protektionistischen Maßnahmen leiden die Zulieferer ebenso wie die Hersteller. Produktionslinien wie die des Toyota Tacoma wurden eingestellt – das Modell wird nun in Texas produziert, nachdem es jahrelang hauptsächlich in Baja California, Mexiko, zusammengesetzt worden war.
Foto: Margarito Perez Retana/reuters
Angesichts dieser Situation ist die Idee einer Diversifizierung der Exporte naheliegend. Doch die Daten, welche die Abhängigkeit der mexikanischen Fertigungsindustrie von den Vereinigten Staaten belegen, verdeutlichen zugleich die handelspolitische Distanz zu Europa. Kein Land der EU taucht in der Liste der wichtigsten Zielmärkte für mexikanische Autoteile auf. Bei der Einfuhr von in Mexiko hergestellten Fahrzeugen belegt Deutschland mit 2,7 Prozent immerhin den dritten Platz. Doch kein weiteres europäisches Land verzeichnet in diesem Bereich nennenswerte Zahlen.
Exportdiversifizierung braucht Zeit
Obwohl Mexiko jährlich rund 4 Millionen Fahrzeuge herstellt, scheinen die Absatzchancen jenseits des Atlantiks weiterhin eher gering zu sein. Nach Deutschland etwa werden nur so genannte „Unique Platform Models“ geliefert, bestimmte Modelle wie der Audi Q5 und das BMW 2er Coupé, die ausschließlich in Mexiko montiert werden, aber für den weltweiten Markt bestimmt sind.
Nach Einschätzung von Eric Ramírez, Direktor für Lateinamerika und die Karibik der Beratungsfirma Urban Science, könnte der Ausbau solch spezieller Produktionslinien ein Weg in die Zukunft sein. Doch erfordere dies erhebliche Investitionen und einige Jahre bis zur Umsetzung. „Neue Märkte oder Projekte für den Export von Fahrzeugen zu entwickeln, das geht nicht von heute auf morgen“, betont er. „Es dauert, bis sich die Exportbasis umstellen lässt. Die Ausfuhr in andere Länder ist zeitaufwendig und ziemlich kompliziert.“
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Was Autoteile betrifft, so sind zwar große europäische Unternehmen in Mexiko vertreten – vor allem deutsche wie Bosch, Continental oder ZF –, doch die Werke im Land sind Teil der Wertschöpfungskette der US-amerikanischen Industrie. „Wir in Mexiko konzentrieren uns auf die USA. Europa konzentriert sich auf Europa, Asien auf Asien“, sagt Eduardo Watty, Vizepräsident für den Vertrieb von Bosch Mexiko. „Jede Region ist stark auf ihren jeweiligen Markt ausgerichtet.“
Förderung lokaler Talente und Fachkräfte
Vor diesem Hintergrund liegt die Chance für die mexikanische Zulieferindustrie weniger im Export großer Mengen von Autozubehör als in der Förderung lokaler Talente und Fachkräfte. Diese haben einen demografischen Vorteil – die mexikanische Bevölkerung ist noch jung –, und sie treffen auf Unternehmen wie Bosch, die bereits lange im Land tätig sind und Ingenieur- und Entwicklungszentren aufgebaut haben.
Auch Gerardo Gómez vom Beratungsunternehmens JD Power Mexiko sieht den Vorteil des Landes „in der Erfahrung der Automobilbranche, der Jugend der mexikanischen Arbeitskräfte und der Qualität ihrer Produktion“. Nun ist es laut Goméz wichtig, „Technologie und Spezialisierung“ weiterzuentwickeln.
In der Automobilbranche Mexikos sind viele Maschinen zum Stillstand gekommen – eine Folge der jahrzehntelangen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Mexiko sieht sich mit einem in Echtzeit wandelnden Umfeld konfrontiert, bei dem Tausende Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen – und damit auch der Lebensunterhalt ihrer Familien. In der Wirtschaft sollte neben Geschäftsabschlüssen und Bilanzen aber gerade deren Wohlbefinden eine entscheidende Rolle spielen.
Tzuara De Luna ist Reporterin beim mexikanischen Wirtschaftsmagazin Expansión.
Übersetzt aus dem Spanischen von Ole Schulz
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