Aufstieg der Islamophobie nach 9/11: Im Schatten des Generalverdachts

Seit dem 11. September 2001 haben Vorurteile gegen Muslime massiv zugenommen. 25 Jahre später kommen Muslime selbst im politischen Mainstream an.
Vor dem Jahrestag kochen die Emotionen wieder hoch. Einige Angehörige von Opfern des Terroranschlags fordern in einer Online-Petition, dass der Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani, der offiziellen Gedenkfeier am Ground Zero fernbleibt. Er habe „Verbindungen“ zu Individuen, die „extremistischen Ideologien“ gegenüber offen seien, heißt es vage in einer Petition, die zehntausende Unterschriften sammelte. New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani schloss sich der Kritik an und unterstrich sie mit offener Islamophobie. Mamdani hält aber an seiner Teilnahme an der Zeremonie fest, um die Opfer und Ersthelfer des terroristischen Anschlags zu ehren.
Seit einem Vierteljahrhundert stehen Muslime unter Generalverdacht. Die Vorwürfe gegen Mamdani zeigen, wie wenig sich daran geändert hat. Er war neun Jahre alt, als die Attentäter des Terrornetzwerks al-Qaida die von ihnen entführten Flugzeuge in das World Trade Center lenkten. Sein Vater, der Anthropologe Mahmood Mamdani, schrieb danach ein Buch, in dem er beklagte, wie Menschen wie er nach dem 11. September in „gute“ und „böse“ Muslime eingeteilt wurden – je nachdem, wie sie zur westlichen Außenpolitik im Nahen Osten standen.
Die antimuslimische Hetze, der sich sein Sohn während seines Wahlkampfs um das Bürgermeisteramt ausgesetzt sah, schien seine These zu bestätigen. Mamdani aber ging in die Offensive und sprach wenige Tage vor der Wahl – symbolträchtig vor einer Moschee in der Bronx – in einer emotionalen Rede darüber, wie es war, im Schatten von 9/11 aufzuwachsen, und wie seine Tante damals aus Furcht vor Anfeindungen sogar die U-Bahn mied.
Überwachung, Ausgrenzung, Diskriminierung
Die Terroranschläge des 11. September 2001 hatten dramatische Folgen für Muslime weltweit. Der 20-jährige Krieg in Afghanistan kostete 170.000 Menschen das Leben, der Irakkrieg zwischen 2003 und 2011 je nach Schätzung zwischen 190.000 und über einer Million, der Krieg in Libyen forderte bis zu 50.000 weitere Opfer. Offiziell diente der globale „Krieg gegen den Terror“ der USA dazu, terroristische Netzwerke wie al-Qaida zu zerschlagen und deren Rückzugsorte zu beseitigen. Tatsächlich ging es der US-Regierung auch darum, unliebsame Regime stürzen und die eigene Vormachtstellung in der Welt auszubauen.
In ihre propagandistische Rhetorik von Demokratie und Menschenrechten, die man angeblich mit eiserner Faust verbreiten wollte, mischten sich von Anfang an deutlich kulturkämpferische und rassistische Töne. US-Präsident George W. Bush sprach von einem „Kreuzzug“, was seiner evangelikalen Wählerschaft gut gefiel. Und die ultrarechte Publizistin Ann Coulter gab verbreiteten Rachefantasien Ausdruck, als sie schon kurz nach den Anschlägen schrieb: „Wir sollten in ihre Länder einmarschieren, ihre Anführer töten und sie zum Christentum bekehren.“
Das Misstrauen gegen Muslime führte weltweit auch zu mehr staatlicher Überwachung und Diskriminierung
Das Misstrauen gegen Muslime führte weltweit auch zu mehr staatlicher Überwachung, Ausgrenzung und Diskriminierung. Die USA schufen nach den Anschlägen das US-Heimatschutzministerium, zu dem auch die Einwanderungsbehörde ICE gehört und dessen Jahresbudget inzwischen bei mehr als 100 Milliarden US-Dollar liegt.
Gehört „der Islam“ zu Deutschland?
Foto: Pamela Smith/ap
In Europa beförderten islamistisch motivierte Anschläge in Madrid und London 2004 und 2005, eine Anschlagsserie 2015 in Paris und Attentate wie in Nizza und Berlin 2016 die Angst vor Terror. Auch Deutschland verschärfte deshalb seine Sicherheitsgesetze und erweiterte die Befugnisse seiner Behörden, während das Land darüber debattierte, ob „der Islam“ zu Deutschland gehört. Bis heute sind antimuslimische Vorurteile auch hierzulande bis weit in die Mitte der Bevölkerung hinaus verbreitet.
Die Ressentiments werden von rechten und rechtsextremen Parteien in ganz Europa geschürt. Hasskriminalität und antimuslimisch motivierter Terror, vom norwegischen Uttoya 2011 über Quebec 2017 bis Christchurch 2019, von München 2016 bis Hanau 2020, tragen zur Verunsicherung bei. „Islamisierung“ ist der Kampfbegriff, mit dem Muslimen unterstellt wird, Europa in „Eurabien“ verwandeln zu wollen: eine Chiffre für die Verschwörungserzählung vom „großen Austausch“, der viele Rechtsextreme anhängen. Muslimen wird wahlweise vorgeworfen, heimlich das Land zu unterwandern oder eine Invasion zu planen, um Europa langfristig in einen islamischen Kontinent zu verwandeln. Der Kolumnist Harald Martenstein schrieb erst jüngst mit Blick auf die Grenzkrise im Ceuta von einer drohenden „Eroberungsmigration“ durch junge, muslimische Männer – für alte, rechte Kulturkämpfer wie ihn das bevorzugte Feindbild.
Islamfeindlichkeit eint gegensätzliche Gruppen
Muslime haben es nicht leicht, gegen solche Ressentiments anzukämpfen. Sind sie religiös und bleiben sie unter sich, wirft man ihnen vor, sich abzugrenzen und „Parallelgesellschaften“ zu bilden. Sind sie säkular, bringen sich in ihre Gesellschaft ein und machen Karriere, heißt es zuweilen, sie würden sich nur verstellen, um ihre Länder zu unterwandern. Wie sie es machen, können sie es nur falsch machen. Beliebt sind sie nur, wenn sie als „Islamkritiker“ bei jeder Gelegenheit mit dem Finger auf die anderen zeigen, um sich selbst in ein umso helleres Licht zu stellen. Dafür gibt es dann Applaus.
In den medialen Islam-Debatten verwischen regelmäßig die Grenzen zwischen dem Islam, einer Weltreligion mit über zwei Milliarden Anhängern, und islamistischen Ideologien. Zwischen verschiedenen islamistischen Strömungen und Bewegungen, ob gewaltfrei oder militant, wird dabei kaum unterschieden. In den grobschlächtigen Debatten wird alles irgendwie zum „politischen Islam“.
In der Ablehnung von Muslimen finden sich zudem völlig unterschiedliche, teils gegensätzliche Gruppen zusammen: Völkische Rassisten, die alles Fremde ablehnen, und moderne „Kulturalisten“, die Menschen mit feinerem Vokabular aufgrund ihrer Herkunft in Ranglisten unterteilen. Die Ablehnung des Islam vereint aber auch Altfeministinnen und radikale Säkularisten, denen jede Religion suspekt ist, mit christliche Fundamentalisten, die um ein imaginäres Abendland fürchten. So konnte ausgerechnet in Ostdeutschland, einer der religionsfernsten Regionen der Welt, eine Bewegung entstehen, die sich „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz Pegida nannte und zu ihren besten Zeiten 2015 allein in Dresden über 25.000 Menschen auf die Straße brachte.
Dauerbrenner für rechte Populisten
Gegen Muslime zu sein, ist für rechte Populisten ein Dauerbrenner. Marine Le Pen will muslimischen Frauen in Frankreich untersagen, ein Kopftuch zu tragen, sollte sie dort zur Präsidentin gewählt werden. Österreichs konservativer Kanzler hat angekündigt, in seinem Land den „politischen Islam“ verbieten zu wollen. Und Italiens Georgia Meloni lancierte erst kürzlich mit ihrer dänischen Amtskollegin, der rechten Sozialdemokratin Mette Frederiksen, eine gemeinsame Erklärung, in der sie den „Schutz des christlich-kulturellen Erbes Europas“ und eine noch härtere Migrationspolitik forderten.
Vom Hass auf Muslime nährt sich bis heute auch die Alternative für Deutschland (AfD). In Sachsen-Anhalt will sie Minarette und Muezzinrufe verbieten und den Islam aus dem öffentlichen Leben verdrängen, so steht es in ihrem Programm. Zu den Paradoxien der Islam- und Muslimfeindlichkeit gehört es, dass die Ressentiments gegen Muslime gerade dort am meisten verbreitet sind, wo die wenigsten von ihnen leben – also nicht in Großstädten wie London, Berlin und New York, sondern in ländlichen Regionen Europas, im Osten Deutschlands oder im Mittleren Westen der USA.
Auch Donald Trump verdankt seinen politischen Aufstieg der Islamophobie in den USA. Anfangs setzte er sich an die Spitze der sogenannten „Birther“-Bewegung, die seinem Amtsvorgänger Barack Obama unterstellte, dieser sei im Ausland geboren und insgeheim Muslim. Süffisant betonte Trump deshalb stets seinen zweiten Vornamen, Barack Hussein Obama. In seinem ersten Wahlkampf sagte Trump, „der Islam hasst uns“, und verbreitete das Gerücht, Muslime in den USA hätten 9/11 gefeiert. Als Präsident verfügte er 2017 einen „Muslim Ban“, einen Einreisestopp für Bürger aus sieben überwiegend muslimisch geprägten Ländern. Auch in seiner zweiten Amtszeit umgibt er sich mit islamfeindlichen Influencern.
Lichtblicke und antimuslimische Normalität
Den runden Jahrestag von 9/11 wird Trump nicht am „Ground Zero“-Memorial in New York verbringen, sondern im Pentagon. Dort, an der Militärgedenkstätte in Virginia, will er eine Rede halten – in Gesellschaft seines Verteidigungsministers Pete Heghseth, wie im vergangenen Jahr. Dass ein Mann wie Heghseth – ein glühender Islamhasser, der an seinem Körper gleich mehrere Kreuzritter-Tatoos trägt – in den USA ein hohes Regierungsamt bekleiden kann, zeigt, wie normal solche Islamfeindlichkeit heute ist.
Dass andererseits Zohran Mamdani trotz aller Anwürfe in New York zum Bürgermeister gewählt wurde, zeigt, dass sich seit den dunklen Jahren nach dem 11. September doch etwas getan hat. Die Erfolge von muslimischen US-Politikern wie Ilhan Omar, Rashida Tlaib oder Abdul El-Sayed, der sich zuletzt bei den Senatsvorwahlen der Demokraten in Michigan durchsetzte, geben Anlass zur Hoffnung, dass sich hartnäckige Vorurteile überwinden lassen.
Das gilt auch für Deutschland: Als der Grüne Cem Özdemir in Baden-Württemberg zum ersten muslimischen Ministerpräsidenten gewählt wurden, spielte seine Religion kaum eine Rolle. Das ist ein Fortschritt.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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