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Thursday, October 15, 2026

Kunstsammlung der NVA zu sehen: Bekenntnisse unterm Hochdruckreiniger

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Die DDR-Volksarmee hat Kunst gesammelt. Im Militärhistorischem Museum Dresden arbeitet eine Ausstellung auf, unter welch ambivalenten Verhältnissen das vor sich ging.

Der Auftakt im Museumsfoyer in Dresden gibt die Richtung vor: Harry Blumes farbenfrohem, großformatigem Bild im Stil des sozialistischen Realismus mit dem Titel „Kraftquell aller Erfolge ist die führende Rolle der Partei“ hängt ein dystopisch wirkendes Gemälde in Grautönen gegenüber: „Wintereinsatz“ von Hans-Peter Müller soll eigentlich das Engagement der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) bei der Schneekatastrophe im Winter 1978/79 würdigen, doch wirkt es weder wie eine heroische Selbstdarstellung noch wie ein Propagandagemälde.

Die Ausstellung „Kunst auf Kommando?“ will eben diese stilistische und qualitative Bandbreite der Kunst abbilden, die sich in der Sammlung der NVA befand und nach 1990 in den Bestand des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr überging.

Er umfasst circa 45.000 Exponate und wird seit 2000 um „Werke, die seinerzeit den offiziellen Positionen zuwiderliefen und ungewohnte Blicke auf das Militär der DDR bieten“, ergänzt, wie Kuratorin Katja Protte in ihrer Eröffnungsrede bemerkt.

Die Ausstellung

„Kunst auf Kommando? Werke zur Nationalen Volksarmee der DDR“. Militärhistorisches Museum Dresden, bis 31. August 2027. Katalog (Sandstein Verlag): 48 Euro

Doch schon die Sammlung vor 1989 ist vielschichtiger als man erwarten könnte – neben Schlachtengemälden enthält sie eine Vielzahl an Arbeiten, die auch die weniger erbaulichen Seiten des Soldatenlebens einfangen. Und sie ist besser erforscht als beispielsweise der Kunstbestand des Zentrums für Kunstausstellung (ZfK), der nach der Wende an die ifa-Galerie ging und dort erst seit einigen Jahren systematisch aufgearbeitet wird.

Protte, deren offizieller Titel „wissenschaftliche Oberrätin“ lautet, ist dagegen schon seit 2003 am Militärhistorischen Museum der Bundeswehr und widmet sich als Sachgebietsleiterin Kunst der Beforschung seiner Sammlung. Denn ja, die NVA hat auch Kunst gesammelt: Großplastiken, Gemälde, auch Grafiken und Plakate, ab den 1960er Jahren in Auftrag gegeben oder angekauft. Wie gründlich das nun beforscht wird, zeigt sich nicht zuletzt in dem umfangreichen Katalog, der zur Ausstellung erschienen ist.

„Kunst auf Kommando?“ ist chronologisch aufgebaut und in mehrere Kapitel unterteilt, zeigt dicht gehängt eine exemplarische Auswahl, ergänzt um einige Leihgaben. Ihr Anliegen ist der genaue Blick – auf die unterschiedlichen Motive, die zum Teil doppelgleisigen Künst­le­r*in­nen­bio­gra­fi­en und mitunter widersprüchlichen Provenienzgeschichten der Werke – ohne dass die ideologische Komponente dabei unter den Tisch gekehrt wird. Auf diese Weise zeigt sich, wie differenziert die Kunst beurteilt werden muss.

Triste Zeichnung abgehängt, aber trotzdem gekauft

Ein Beispiel: Manfred Butzmann fertigte eine Serie von Grafiken an, die auf Skizzen basierten, die er 1976 bei seinem Reservedienst angefertigt hatte. Sie dokumentieren die triste wie monotone Kasernenumgebung und wurden trotzdem auf der offiziellen VIII. staatlichen Kunstausstellung der DDR 1977/78 in Dresden gezeigt. Obwohl einige der Skizzen kurzfristig abgehängt wurden, hatte man sie ein Jahr später für die Sammlung erworben.

Auf ein weiteres Spannungsfeld macht der Historiker Bernd Lindner in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung aufmerksam: Zwar war es unter Künst­ler­kol­le­g*in­nen nicht besonders angesehen, für die NVA zu arbeiten, gleichzeitig lockte gute Vergütung. Lindner weist zudem auf die „feinen Finten“ hin, mit denen die Künst­le­r*in­nen die offizielle Line und den konkreten Auftrag zu ihren Gunsten aufweichten. Offenbar gab es in der Motivwahl und Darstellungsweise gewisse Spielräume, obwohl sich die NVA vorenthielt, Nachbesserungen einzufordern oder Arbeiten zurückzugeben – und auf die Stasi zurückgriff, um Künst­le­r*in­nen überwachen und gegebenenfalls zersetzen zu lassen.

Der Verdienst der Ausstellung ist es, diese komplexe Kunstlandschaft abzubilden. Sie zeigt, wie unterschiedlich sowohl namhafte Künst­le­r*in­nen der DDR, etwa Willi Sitte oder Werner Tübke, als auch Lai­en­künst­le­r*in­nen für die NVA arbeiteten. Es sind Schlacht- und Abschiedsszenen zu sehen, Soldaten, die als Befreier kamen und „Soldatenbilder[n], die dem Zeitgeist [der 1980er-Jahre] entsprechend Melancholie und Problembewusstsein ausstrahlten“, wie Protte im Katalog schreibt.

Zwischen Panzern und Militärflugzeugen

Die Erweiterung der Ausstellung in den Außenraum, die die Kuratorin Elke Neumann verantwortet, trägt einen wichtigen Teil zum differenzierten Blick auf die Sammlung bei. Neben Panzern und Militärflugzeugen, die dauerhaft vor dem Museumsbau platziert sind, steht nun ein Wachhäuschen mit einer Videoarbeit von Sven Johne. Es ist die Dokumentation einer Performance aus dem Jahr 2000, als Johne Student an der HGB Leipzig war. Darin steht er nackt vor einer Wand und hält den Strahlen eines Hochdruckreinigers stand, die ein Mann im Schutzanzug auf ihn richtet. Einem gewaltvollen Zugriff wird ein verletzlicher Körper entgegengestellt. Eindrücklich und pointiert macht Johne hier das ambivalente Verhältnis zum Militär (in der DDR) deutlich.

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