Schnelles Ende – Warum wird die Schaltsekunde abgeschafft?

Es wird keine weiteren Schaltsekunden mehr geben. Dies hat die Generalkonferenz für Mass und Gewicht am 15. Oktober entschieden. Für die meisten Menschen blieben die Schaltsekunden zwar unbemerkt, doch in Computersystemen konnten sie Störungen verursachen. Warum sich die Erde in den letzten Jahrzehnten etwas schneller drehte als erwartet und was das für Folgen hatte: SRF-Wissenschaftsredaktor Christian von Burg ordnet ein.
Christian von Burg
SRF-Wissenschaftsredaktor
Der 1972 geborene Journalist arbeitet seit 2017 für die SRF-Wissenschaftsredaktion. Vorher war er Inlandredaktor bei Radio SRF und bei der Zeitung «Der Bund».
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Weshalb ist die Schaltsekunde 1972 eingeführt worden?
Seit den 1960er-Jahren geben die Atomuhren die Zeit vor. Sie ticken deutlich gleichmässiger, als die Erde sich um sich selbst dreht. Damit gibt es leichte Verschiebungen zwischen der sogenannten koordinierten Weltzeit der Atomuhren und der astronomischen Zeit, also der Zeit, die sich an der Drehung der Erde, am Wechsel von Tag und Nacht orientiert. Um diese Verschiebungen wieder auszugleichen, wurden ab 1972 nach Bedarf am Ende des 30. Juni oder des 31. Dezember Schaltsekunden eingefügt.
Wie oft wurde eine Schaltsekunde eingesetzt?
Insgesamt 27‑mal. Bis in die 1990er-Jahre war alle ein bis zwei Jahre eine Schaltsekunde nötig. Danach beschleunigte sich die Rotation der Erde ein wenig, und seither wurde das Einfügen einer Schaltsekunde seltener. Die letzte Schaltsekunde wurde in der mitteleuropäischen Zeitzone am 1. Januar 2017 um 00:59:59 eingefügt. In dieser Nacht war die Minute vor 1 Uhr morgens ausnahmsweise 61 Sekunden lang.
Warum verändert sich die Erdrotation?
Die Erde verlangsamt ihre Rotation insbesondere wegen des Mondes. Die Anziehungskraft von Mond und Sonne erzeugen Ebbe und Flut. Die ständige Verschiebung der Wassermassen bremst die Erde durch Reibung an den Meeresböden allmählich ab. Dieser Trend wird jedoch überlagert durch weitere Effekte: Bewegungen im flüssigen Erdkern, Meeresströmungen und Winde. Das komplexe Zusammenwirken dieser Vorgänge bewirkt, dass sich das Drehtempo der Erde ständig und unvorhersehbar leicht ändert. In den letzten Jahrzehnten bewegte sich die Erde leicht schneller, sodass bald sogar eine negative Schaltsekunde hätte eingeführt werden müssen.
Die Schaltsekunden machten der Technik zu schaffen. Bei der Einfügung von Schaltsekunden hängten sich Computer zum Teil auf, Websites waren nicht erreichbar oder Flüge mussten wegen technischer Probleme verschoben werden. Insbesondere grosse Konzerne, die global tätig sind und Rechenzentren auf verschiedenen Kontinenten haben, kämpften mit Problemen, weil ihre Technik für eine bestimmte Zeit nicht mehr richtig synchronisiert war. Sie fürchteten insbesondere eine mögliche negative Schaltsekunde. Nach langen Diskussionen einigte man sich deshalb darauf, das definitive Aus für die Schaltsekunde schon auf nächstes Jahr festzulegen. Im Grundsatz war die Abschaffung bereits 2022 beschlossen worden, und zwar auf spätestens 2035.
Wie geht man in Zukunft mit der Zeitdifferenz um?
Ab jetzt werden sich die astronomische Zeit und die koordinierte Weltzeit der Atomuhren langsam wieder auseinanderentwickeln. Daran soll solange nichts geändert werden, bis der Unterschied eine ganze Stunde beträgt. Bis es so weit ist, werden aber Tausende Jahre vergehen. Im Alltag wird dies zunächst keine spürbaren Folgen haben. Denn schon heute entspricht die gesetzliche Uhrzeit nicht exakt der örtlichen Sonnenzeit – wegen der grossen Ausdehnung der Zeitzonen, der geografischen Lage eines Ortes und wegen der Sommerzeit.
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