Gesprächsverhalten untersucht – Wir sprechen immer weniger – was die Folgen sein könnten

Pro Tag reden wir 338 Wörter weniger. Ein paar Minuten, die wir jeden Tag weniger im Gespräch verbringen, wenn man von einem durchschnittlichen Sprechtempo von 140 Wörtern pro Minute ausgeht.
Das klingt nicht nach viel. Wenn wir aber bedenken, dass sich dieses Phänomen seit mindestens zwei Jahrzehnten Jahr für Jahr summiert, ändert sich die Rechnung schnell.
Hochgerechnet auf ein Jahr sind es schon 120'000 Wörter: rund 15 Stunden mündliche Konversation, die wir jedes Jahr aufgeben. Es gibt übrigens in dieser Hinsicht keine nennenswerten Unterschiede zwischen Frauen und Männern.
Das geht aus einer US-amerikanischen Studie der Psychologin Valeria Pfeifer und ihres Kollegen Matthias Mehl hervor. Demnach ist die Zahl der täglich gesprochenen Wörter zwischen 2005 und 2019 um etwa 28 Prozent zurückgegangen.
Die Daten stammen aus der Analyse der täglichen Aufzeichnungen von 2197 Personen im Alter zwischen 10 und 94 Jahren, die grösstenteils in den USA, aber auch in Mexiko, Australien und Europa leben.
Autorin Valeria Pfeifer erklärt, wie sie die Studie gemacht hat
Was verlieren wir mit diesen Wörtern? Nimmt nur die Gesprächsdauer ab oder verändert sich die Art und Weise, wie wir Beziehungen aufbauen und leben?
Die Studie macht keine gesicherten Aussagen zu den Ursachen. Ein möglicher Hinweis: Laut der Analyse ist der Rückgang bei den Unter-25-Jährigen ausgeprägter. Sie haben etwa 450 Wörter verloren, im Vergleich zu etwa 300 bei den Personen über 25 Jahren. Das sind 44 Prozent mehr.
«Das deutet darauf hin, dass junge Erwachsene sich möglicherweise stärker auf schriftliche Konversationen – und damit auf Technologie – verlassen, um gesprochene zu ersetzen», sagt Co-Autorin Valeria Pfeifer gegenüber dem Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz (RSI).
Der Wert der Zufallsbegegnung
Nach Ansicht der Soziolinguistin Vera Gheno verbirgt sich hinter den Zahlen der Studie ein Paradox: «Wir haben mehr Möglichkeiten zu kommunizieren und sind dennoch sehr einsam», beobachtet sie.
Sie erklärt es sich unter anderem damit, dass sich unser Alltag verändert hat. Es kommt seltener vor, dass wir ziellos unterwegs sind. Dadurch werden auch Zufallsgespräche mit Nachbarn, beim Bäcker oder auf der Strasse seltener – all jene gelegentlichen Beziehungen also, die marginal erscheinen, aber laut Gheno «dennoch Teil unseres Beziehungspakets sind». Wenn diese Interaktionen verschwinden, laufen wir Gefahr, uns zunehmend auf die engsten Kreise zurückzuziehen.
Ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht ist gemäss den Expertinnen mehr als ein laut ausgesprochener Chat. Wenn wir sprechen, müssen wir in Echtzeit zuhören, den Tonfall, die Gesten und Gesichtsausdrücke interpretieren, verstehen, wann wir eingreifen müssen, und schnell eine Antwort formulieren. «Mündliche Konversationen unterscheiden sich systematisch von schriftlichen, weil sie mehr Kanäle zur Kommunikation bieten», betont Pfeifer.
Deswegen hält es die Psychologin für wichtig, nicht nur die sozialen Auswirkungen dieser Veränderung zu untersuchen, sondern auch die kognitiven: etwa mögliche Zusammenhänge mit der Aufmerksamkeit, der Fähigkeit zur Selbstregulation, der Einsamkeit oder dem psychischen Wohlbefinden.
Für die Soziolinguistin Vera Gheno steht fest: «Es ist so wichtig, sich weiterhin persönlich zu treffen.» Und sie fügt hinzu: «Wenn man sich persönlich trifft, dann geschehen Wunder.»
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