Nach Krawallen in Frankreich – «Wut und Scham» – Macron verurteilt Gewalt

- In Frankreich ist es bei Protesten gegen gestiegene Lebenshaltungskosten und soziale Ungleichheit zu den schwersten Unruhen seit Jahren gekommen.
- «Zu sehen, wie die Strassen unserer Städte so verwüstet werden, ist unerträglich», sagte Präsident Emmanuel Macron am Sonntagabend in einer Fernsehansprache.
- Hunderttausende Menschen gingen am Samstag landesweit auf die Strassen. Die Gewerkschaft CGT sprach von 800'000 Teilnehmenden. Auch am Sonntag gab es Ausschreitungen.
In einer Fernsehansprache am Sonntagabend äusserte Präsident Emmanuel Macron «Wut und Scham» nach den Ereignissen am Samstag. Er rief dazu auf, die Demonstranten mit ihren «legitimen Forderungen» nicht mit «denen zu verwechseln, die zerstört, zerbrochen und geplündert haben».
Macron kündigte an, dass die Regierung bereits in dieser Woche mit Schülern und Schülerinnen, Studierenden, Lehrern, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und gewählten Vertretern zusammenarbeiten werde, um Antworten auf die Sorgen der Jugend zu erarbeiten. Ziel sei es, konkrete Vorschläge zu erarbeiten. «Wir müssen uns an einen Tisch setzen und gemeinsam Lösungen erarbeiten», erklärte der Präsident.
Er sicherte den von Plünderungen betroffenen Ladenbesitzern und Handwerkern seine «Unterstützung» zu. Politische Parteien, Berufsverbände und Gewerkschaften rief er dazu auf, «die Gewalt unmissverständlich zu verurteilen». Zudem dürften die Präfekten in den Départements Entscheidungen treffen, «um unsere Städte zu schützen», «auch wenn dies bedeutet, bestimmte Versammlungen zu verbieten».
Ausschreitungen am 17. Oktober
Während Hunderttausende friedlich demonstrierten, lieferten sich am Samstag gewalttätige Gruppen Gefechte mit der Polizei. Landesweit habe es über 2000 Festnahmen gegeben, zudem seien 600 Polizeibeamte verletzt worden, erklärte Innenminister Laurent Nuñez. Medienberichten zufolge gab es auch aufseiten der Demonstrierenden Verletzte. In Paris starb ein Demonstrant an einem Herzstillstand.
Die Aufrufe für die Proteste vom Samstag erfolgten zuerst in sozialen Medien unter dem Motto «On en a marre!» [Wir haben die Schnauze voll]. Auch der Gewerkschaftsbund CGT schloss sich den Protesten an. Innenminister Nuñez sprach von 550'000 Protestierenden. In mehreren Städten Frankreichs kam es am Samstag zu schweren Ausschreitungen. In Paris, Lyon, Strassburg und anderen Grossstädten ging die Polizei mit Tränengas gegen Protestierende vor.
Massenproteste in Frankreich
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Bild 1 von 11. Am Tag nach den heftigen Ausschreitungen zeigen sich die Folgen der Krawalle. Schwere Beschädigungen gab es unter anderem in Paris. Bildquelle: REUTERS/Stephanie Lecocq.
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Bild 2 von 11. Auch in Marseille waren die Spuren der Proteste sichtbar. Bildquelle: REUTERS/Manon Cruz.
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Bild 3 von 11. Die Kundgebungen in Frankreich richteten sich zunächst gegen die Finanzierung und die Bedingungen an den Schulen. Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.
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Bild 4 von 11. Inzwischen haben sich die Proteste zu einer breiteren Bewegung ausgeweitet, bei der es auch um soziale Ungleichheit, öffentliche Ausgaben und den allgemeinen Lebensstandard geht. Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.
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Bild 5 von 11. Zwischen 30'000 und 60'000 Demonstrierende sind allein in Paris auf die Strasse gegangen. Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.
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Bild 6 von 11. Vielerorts kam es zu Ausschreitungen und gewalttätigen Zusammenstössen. Bildquelle: Reuters / Abdul Saboor.
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Bild 7 von 11. Die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein. Bildquelle: Reuters / Jack Taylor.
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Bild 8 von 11. Landesweit hat es rund 1800 Festnahmen gegeben. Bildquelle: Keystone / THIBAULT CAMUS.
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Bild 9 von 11. Das Innenministerium berichtete von Plünderungsversuchen, Angriffen auf Ordnungskräfte und Brandstiftungen im öffentlichen Raum. Bildquelle: Reuters/Abdul Saboor.
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Bild 10 von 11. Dem Protesttag schlossen sich verschiedene Gruppierungen an, darunter Schüler und Studierende, die seit Wochen für bessere Lernbedingungen demonstrieren. Bildquelle: Keystone / AP Photo, Laurent Cipriani.
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Bild 11 von 11. Ein Schreckgespenst für die Regierung ist das Wiederaufflammen der Gelbwestenbewegung von 2018/2019. Bereits werden bei den aktuellen Massenprotesten gelbe Westen getragen. Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.
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Mehrere Dutzend Personen wurden laut der Polizei festgenommen, weil sie Waffen und andere verbotene Gegenstände dabei hatten. Demonstrierende setzten Autos in Brand und schlugen Schaufenster ein.
In Städten von Lille im Norden bis Marseille im Süden wurden Geschäfte geplündert und öffentliche Gebäude beschädigt. In Bordeaux drang ein maskierter Mob in die Residenz des Präfekten ein. In Lyon wurde das Tourismusbüro angezündet, in Grenoble brannte es im Stadtzentrum.
In Portugal gingen in der Hauptstadt Lissabon Zehntausende gegen stark gestiegene Lebenshaltungskosten und die Wohnungskrise auf die Strassen.
Auch in Belgien protestierten Menschen gegen steigende Kosten. In der Hauptstadt Brüssel kam es zu Ausschreitungen. Mehrere hundert überwiegend junge Menschen versammelten sich im Stadtzentrum. Viele von ihnen waren maskiert und riefen antifaschistische Parolen. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein.
Auch in Italien kam es zu Unruhen. In Mailand setzte die Polizei Tränengas ein. Mindestens 24 Menschen sind dabei verletzt worden. 20 Demonstrierende und vier Polizisten mussten medizinisch behandelt werden. Mehr als 50 Jugendliche wurden festgenommen, die Hälfte von ihnen sei minderjährig, berichtete die Polizei. Auch in Turin, Bologna und Bergamo kam es zu Ausschreitungen. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verurteilte die Gewalt.
In Albanien forderten Studenten den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama, wobei die Polizei laut Berichten Gummigeschosse einsetzte.
Das Innenministerium meldete auch Krawalle in Toulouse und in Rennes. Das Rathaus von Angers und Räume der Präfektur wurden zerstört. Das historische Rathaus in Limoges wurde in Brand gesetzt und ist weitgehend zerstört.
Ein Schreckgespenst für die Regierung ist auch der Ruf nach einer neuen Gelbwestenbewegung. Die aktuellen, breiten Proteste könnten dafür der zündende Funke sein.
Der Gelbwesten-Protest hatte Frankreich zwischen November 2018 und Frühjahr 2019 in Atem gehalten und sich quasi wie ein Flächenbrand aus dem Nichts verbreitet.
Auslöser war damals eine geplante Erhöhung der Steuern auf Treibstoffe. Daraus entstand rasch eine breitere Bewegung gegen hohe Lebenshaltungskosten und soziale Ungerechtigkeit, die Macron während seiner ersten Amtszeit schwer zu schaffen machte.
Die Protestwelle hatte im September an Schulen in den ärmeren Vororten von Paris begonnen und sich zu einer breiten Bewegung gegen soziale Ungleichheit ausgeweitet.
Auch wenn noch nicht endgültig feststeht, wer im kommenden Frühjahr für das Präsidentenamt kandidieren wird, ist der Wahlkampf längst angelaufen. Die Parteien versuchen entsprechend, die Proteste für sich zu nutzen, während die Regierung bemüht ist, so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.
Aus dem linken Lager unterstützen Politikerinnen und Politiker die Protestierenden und kündigten bereits ihre Teilnahme an Demonstrationszügen an. Die Rechtsnationalen um Marine Le Pen stören sich hingegen an der Kritik an der Polizei, fordern abermals mehr öffentliche Ordnung und werfen der altlinken Partei La France insoumise vor, die Proteste anzufachen.
Eine Rolle spielt der Wahlkampf aber auch, weil es für die Mitte-Regierung, die im Parlament keine eigene Mehrheit hat, derzeit noch schwieriger ist, Verbündete für ihre Politik und für den Haushalt zu finden. Ausufernder Protest macht diese Lage für sie noch unangenehmer.
SRF 4 News, 17.10.2026, 10:00 Uhr ; Agenturen/bitd/baus; kurn
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