Ausschreitungen in Frankreich: Le Pens nützliche Idioten

Rechte und Konservative erklären die Krawalle in Frankreich zum Kulturkampf. Derlei rassistische Ferndiagnosen sind wenig hilfreich.
Foto: Christophe Ena/ap/dpa
F ür rechte Ideologen, aber auch manche Konservative ist längst klar, wer für die Ausschreitungen in Frankreich verantwortlich ist: Linksextreme und Migranten hat CSU-Innenminister Alexander Dobrindt als Schuldige ausgemacht, und so ähnlich tönt es einem aus Bild, FAZ und von angeblichen Experten wie Ahmad Mansour entgegen.
Sie alle erklären die Krawalle zum Kulturkampf. Marine Le Pen und die AfD prangern eine angeblich „verfehlte Migrationspolitik“ an, mal wieder. So wie vor ihnen schon Donald Trump: Frankreich stehe in Flammen, weil „der Islam ein ehemals großartiges Land übernehmen will“, so der US-Präsident und forderte die Regierung in Paris auf, ihre Grenzen zu schließen.
Je weiter man sich vom Ort des Geschehens entfernt, desto leichter fällt diese Ferndiagnose. Das gilt nicht nur für ländliche Regionen und die oberen Schichten in Frankreich, die mit Schrecken auf die Szenen der Gewalt in ihren Städten blicken. Das gilt erst recht für bürgerliche Beobachter und rechte Kreise, die aus dem Ausland auf das Land schauen, sich wohlig gruseln und dabei in ihren Ressentiments bestätigt sehen. Für sie ist das brennende Rathaus von Limoges das Symbol für den Untergang des Abendlands, den sie mit Angstlust beschwören.
Besonnene Stimmen weisen darauf hin, dass Millionen Franzosen einen Migrationshintergrund besitzen, was in Großstädten wie Paris und Marseille besonders sichtbar ist. Sie sind nicht erst kürzlich ins Land gekommen, sondern Nachkommen von Einwanderern, nicht selten in der dritten Generation. Ihr Protest hat auch wenig mit Hautfarbe oder der Herkunft ihrer Eltern und Großeltern zu tun, sondern mit sozialen Ursachen – den Missständen an staatlichen Schulen und der Perspektivlosigkeit in den Vorstädten.
Es ist auch nicht das erste Mal, dass Randalierer einen ursprünglich friedlichen Protest kapern, und gerade in Frankreich haben solche Ausschreitungen Tradition. Doch die Plünderungen und Zerstörungen vom Wochenende haben die berechtigten Anliegen der Protestierenden überschattet.
In Frankreich fragt man sich, warum diese Exzesse nicht verhindert werden konnten. Warum hat die französische Polizei versagt? Schließlich ist sie nicht zimperlich, sondern bisher eher durch Brutalität aufgefallen. Am vergangenen Wochenende gab es zwar landesweit über 2.000 Festnahmen. Doch zugleich waren über eine halbe Million Demonstranten auf der Straße. Die Polizei war überfordert, Innenminister Nuñez räumte einen „Kontrollverlust“ ein.
Beides – das Versagen der Polizei und die rassistische Interpretation der Ausschreitungen – werden nun wohl auf das Konto von Le Pen einzahlen.
Daniel Bax Redakteur
Daniel Bax ist Journalist und Autor und schreibt über Politik, Kultur und Gesellschaft in Deutschland. Er arbeitet als Themenchef im Regieressort der taz und hat mehrere Bücher veröffentlicht: “Angst ums Abendland” (2015) über antimuslimischen Rassismus und “Die Volksverführer“ (2018) über den grassierenden Rechtspopulismus. Sein aktuelles Buch "Die neue Lust auf Links" über das Comeback der Linkspartei ist Ende 2025 im Goldmann Verlag erschienen. Impressum: Daniel Bax c/o taz, die tageszeitung. taz Verlags- und Vertriebs GmbH, Friedrichstr. 21, 10969 Berlin
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