Sex am Bahnhof: «Aufregung und Erregung sind nah beieinander»

- Das Video eines Paares, das am Bahnhof Bellinzona Sex hat, geht innert kürzester Zeit über Whatsapp viral.
- Für die Sexologin Dania Schiftan gibt es mehrere Gründe, wieso Menschen in der Öffentlichkeit Sex haben.
- Doch nicht alles sei erlaubt: Sobald andere unbefragt einbezogen würden, überschreite das klar eine Grenze.
Ein Paar hat auf einem Perron am Bahnhof Bellinzona Sex – während nur wenige Meter entfernt andere Reisende stehen. Eine Person auf dem gegenüberliegenden Perron filmt die Szene. Seither verbreitet sich das Video rasant über Whatsapp und soziale Netzwerke.
Die Transportpolizei hat die beiden beteiligten Personen inzwischen identifiziert. Der Fall liegt bei der Kantonspolizei Tessin. Weshalb Menschen ihre Sexualität an einem Ort ausleben, an dem sie jederzeit beobachtet werden können, erklärt die Sexologin und Psychotherapeutin Dania Schiftan.
Der Reiz, entdeckt zu werden
Für Sex im öffentlichen Raum könne es unterschiedliche Beweggründe geben. Manche Menschen reize gerade, dass es verboten und gesellschaftlich nicht akzeptiert sei. «Aufregung und sexuelle Erregung liegen sehr nahe beieinander», sagt Schiftan. Meist gehe es dabei nicht ausdrücklich darum, gesehen zu werden. Entscheidend sei vielmehr der Reiz, dass man entdeckt werden könnte.
Der Vorfall am Bahnhof Bellinzona sei allerdings kein typischer Fall. Häufiger seien Situationen an halböffentlichen Orten, etwa im Wald oder auf einer Clubtoilette. Dort befänden sich die Beteiligten zwar ausserhalb ihrer eigenen vier Wände, könnten sich aber dennoch bis zu einem gewissen Grad unbeobachtet fühlen.
«Die innere Barriere fällt weg»
Auch Alkohol oder andere Substanzen könnten eine Rolle spielen. Diese wirkten enthemmend: «Die innere Barriere fällt weg.» Im Extremfall nähmen die Beteiligten kaum noch wahr, dass andere Menschen anwesend seien. Dann gehe es möglicherweise gar nicht um den besonderen Kick. «Es ist denkbar, dass die Personen komplett in ihrer eigenen Welt waren.»
Ob beim Paar in Bellinzona Alkohol oder andere Substanzen im Spiel waren, ist nicht bekannt. Aus dem Video lasse sich deshalb nicht ableiten, was die beiden zu ihrem Verhalten bewogen hat.
Für andere nicht einfach lustig
Schiftan warnt davor, Sex im öffentlichen Raum lediglich als lustig oder schräg abzutun. Den Beteiligten sei möglicherweise nicht bewusst, was sie unbeteiligten Personen damit zumuteten. Insbesondere für Kinder könne eine solche Situation stark verstörend sein und im schlimmsten Fall traumatisierend wirken.
Grundsätzlich gebe es Menschen, die von Aufregung und entsprechenden Fantasien sexuell profitierten und damit ihrer Sexualität etwas Gutes tun wollten. Dagegen sei zunächst nichts einzuwenden. Wer solche Fantasien auslebe, müsse sich jedoch genau überlegen, wer unfreiwillig damit konfrontiert werden könnte. «Sobald andere Menschen ungefragt einbezogen werden, überschreitet das klar eine Grenze», sagt Schiftan.
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