Gedanken zum Gedankenstrich – Da macht sich einer breit – und das scheint kein Zufall

Wir sind alle auf unsere eigene Weise wunderlich. Ich für meinen Teil führe schon länger eine – kein Witz – Gedankenstrichliste, die lang und länger wird. Vier Striche gab es eben heute für die E-Mail eines Kollegen, der zu den Bedachten meines Berufsstandes gehört. Wunderbar ergiebig: Whatsapp-Nachrichten!!!
Historisch gesehen hat der Gedankenstrich – grob gesagt – drei Aufgaben: Er kann etwas nachschieben, dazwischenwerfen oder einen Gedanken – ganz plötzlich – in eine andere Richtung kippen lassen.
Als Satzzeichen existiert der Gedankenstrich seit dem 17. und 18. Jahrhundert. Erste Vorläufer zeigten schon in antiken und mittelalterlichen Handschriften Pausen oder Abschnitte an.
Mit dem Aufkommen des Buchdrucks im 17. und 18. Jahrhundert etablierte sich der waagrechte Strich schliesslich fest im Interpunktions-Inventar. Bekanntheit erlangte der Gedankenstrich im 18. und 19. Jahrhundert durch Autoren wie Heinrich Heine, Laurence Sterne und Emily Dickinson.
Der Gedankenstrich ist das Seitentürchen im Satz, durch das eilends noch ein Einfall hereinspazieren kann. Er stand meistens buchstäblich quer in der Sprachlandschaft. Sternzeichen: «seltene Pflanze».
Der Gedankenstrich – das neue Komma?
Das ist nun alles nicht neu. Wer aber mit gut geputzter Lesebrille durchs Leseleben geht, wird es vermutlich auch schon bemerkt haben: Heute wird – ausgerechnet – der Gedankenstrich zusehends gedankenloser verwendet. Dabei leben wir nicht gerade in einer Welt, in der sich alle die grössten Gedanken machen über ihr Handeln und dessen Konsequenzen.
Wenn ich von Berufes wegen fremde Texte verschönere oder – je nach Ansicht – verschlimmbessere, frage ich mich regelmässig betont vorsichtig: Ist der Gedankenstrich das neue Komma? Haben wir Angst davor, mal einen Punkt zu machen? Tatsächlich scheint der Gedankenstrich der Gegenwart in den meisten Fällen einfach zwei Dinge zu verbinden, die zusammengehören – und irgendwie auch nicht.
Der Gedankenstrich wird im Deutschen meist als sogenannter Halbgeviertstrich (–) gesetzt. Der Viertelgeviertstrich (-) ist dagegen der normale Bindestrich. Er verbindet Wörter wie in «E-Mail» oder «To-do-Liste». Für Gedankenstriche sollte typografisch korrekt der längere Halbgeviertstrich verwendet werden.
Ich werde ihm allerdings – immer – zugutehalten: «Danke, Gedankenstrich, lässt du mich kurz innehalten und einmal tief durchatmen. Dichtestress hat man ja sonst schon genug – sei es auf dem Velostreifen oder im Outlook-Kalender. Atemzeichen also: Das war der Gedankenstrich in geschriebenen Texten schon immer.
Vorsicht, verräterisch?!
Ich vermute, ohne es belegen oder beweisen zu können: Die gegenwärtige Gedankenstrichflut haben wir mal wieder dem Smartphone zu verdanken. Kleines Kurznachrichtenfenster – grosses Bedürfnis nach Luftigkeit und Lesbarkeit. Für die eher unbedarfte Plauderprosa ohne Punkt und Komma hat man bekanntlich die Sprachnachricht erfunden.
Manchmal verrät der Gedankenstrich mehr, als dem Verfasser oder der Verfasserin eines Textes lieb sein kann. Denn wird er inflationär verwendet, liegt diese Vermutung nahe: Hier hatte eine Künstliche Intelligenz ihre Finger mit im Spiel.
Warum lieben KIs den Gedankenstrich?
SRF-Digitalredaktor Jürg Tschirren: Das weiss niemand so genau. Eine mögliche Erklärung: Zum Trainingsmaterial neuerer KI-Modelle gehören auch riesige Mengen von gedruckten Büchern, darunter viele Klassiker – und in denen finden sich besonders viele Gedankenstriche.
Sind viele Gedankenstriche also ein KI-Indiz?
Ein Beweis sind sie jedenfalls nicht. Schliesslich gibt es auch Menschen, die nichts lieber machen, als Gedankenstriche an alle möglichen – und unmöglichen – Stellen zu setzen.
Eine intelligente KI müsste ja wissen, dass zu viele Gedankenstriche verdächtig wirken?
Neueste Untersuchungen zeigen, dass die fortschrittlichsten KI-Modelle deutlich weniger Gedankenstriche setzen, als ihre Vorgänger – bei Opus 5.5 von Anthropic beträgt der Rückgang gegenüber Opus 5 stolze 99 Prozent.
Auch die neuesten Modelle von OpenAI oder Google verzichten fast ganz auf den lang gezogenen Strich – schade eigentlich.
Die KI meines Vertrauens ist in der Sache geständig – nett, wie KIs in aller Regel sind: «Generative Sprachmodelle verwenden den Gedankenstrich überdurchschnittlich gern, insbesondere in längeren, journalistisch oder essayistisch klingenden Texten.» Das Interessante daran sei: «Der Gedankenstrich ist stilistisch auffällig, aber selten falsch.»
Interessant ist natürlich auch dieser Gedanke: KIs können im Grunde nicht denken. Es sieht nur so aus. Dabei hilft der exzessive Einsatz von so Gedankenstrichen naturgemäss. Ich würde meinen – behalten wir sie im Auge. Ich tue es ja auch. Und mache – Momentchen – 27 Striche in meiner Liste.
Radio SRF 2 Kultur, 100 Sekunden Wissen, 30.9.2026, 6:54 Uhr
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