Schweizer greifen nach Gold: «Eine falsche Zutat zerstört alles»

- 42 Schweizer Berufstalente treten ab Mittwoch an den WorldSkills in Shanghai gegen rund 1400 Konkurrenten aus über 60 Ländern an.
- Gastgeber China gilt als klarer Favorit – die chinesische Delegation gewann die letzten drei Berufsweltmeisterschaften.
- Die Schweizer Teilnehmenden kommen aus Berufen wie Maurer, Kosmetik, Restaurantservice, Konditorei und Hotelfach.
Zwei kleine Werkzeugkisten hatte Maurer Ruedi Signer (51) bei der Berufsweltmeisterschaft 1997 dabei, jedes Werkzeug zur Sicherheit doppelt. Als der brasilianische Teilnehmer mit einem fünf Meter langen und zwei Meter hohen Werkzeugwagen ankam, zweifelte Ruedi zuerst an seinem Material, beschloss aber, sich auf seine Stärken zu besinnen: «Ich sagte mir, dass ich alles dabei habe, was ich brauche, und dass ich das jetzt durchziehe.» Prompt darf er sich seither Maurer-Weltmeister nennen.
Nun begleitet der 51-Jährige als Maurer-Experte den aktuellen SwissSkills-Champion Robin Hollenstein an die WorldSkills in Shanghai. Ab Mittwoch messen sich dort während vier Tagen rund 1400 junge Berufsleute aus über 60 Ländern.
Das sind die WorldSkills
Maurer Robin (20): «Fatal wäre, einen Stein falsch zu setzen»
Der Toggenburger hat sich vor dem Wettkampf ausserhalb Shanghais noch einmal bewusst zurückgenommen: Pilates, Wellness, nichts Strenges. Doch sobald es ins Wettkampfhotel in der Innenstadt geht, schaltet er um. «Dann spiele ich im Kopf durch, wie ich mein Objekt mauern will», sagt er.
Am verheerendsten wäre, einen Stein falsch zu setzen und den Fehler erst zu bemerken, wenn die Mauer bereits weiter oben ist. Doch der 20-Jährige vertraut auf sein Mentaltraining und hat, wie Ruedi bestätigt, die «nötige Ruhe».
Kosmetikerin Jara (22): Perfektion unter Zeitdruck gefordert
Die Bernerin reist mit Ambitionen nach Shanghai. Einen Tag pro Woche widmete sie dem Training, dazu kamen zahlreiche Stunden an Wochenenden und nach Feierabend. «Meine Mutter musste oft herhalten», sagt sie. Massagen, Masken, Maniküre: Alles musste schneller und präziser werden. Für das saubere Auftragen einer Gesichtsmaske brauchte sie anfangs zwölf Minuten, inzwischen schafft sie es in sieben.
Auch chinesische Techniken kennt Jara: Im Studio übt sie etwa mit Guasha-Steinen, die den Lymphfluss anregen sollen. Bei internationalen Kosmetiktrends seien China, Japan und Südkorea besonders stark, sagt sie. Die Aufgaben kennt sie nicht, der Zeitdruck wird gross sein: «Ich vertraue aber auf meinen Fokus und meine Wettkampfstärke»
Restaurantfachfrau Melina (20): «Die Bar ist mein Ding»
Die Thunerin ist Schweizermeisterin im Mocktail-Mixen und wurde als «Best Barkeeper Talent» ausgezeichnet. «Die Bar ist mein Ding», sagt sie. Doch in Shanghai tritt die 20-Jährige nicht hinter der Bar an, sondern im Restaurantservice. Zu ihrem Repertoire gehören nun auch Lachs tranchieren, Fische filetieren, Wein dekantieren und Gästeservice.
Wo sie sonst Drinks mixt, trainierte Melina mit ihrer Coachin kleine Handgriffe, die Sekunden sparen und Fehler verhindern sollen. «Je besser ich vorbereitet bin, desto besser klappt das auch.» Läuft etwas nicht nach Plan, setzt sie auf eine einfache Atemtechnik: dreimal tief in den Bauch schnaufen, dann ist der Fokus wieder da.
Konditorin-Confiseurin Regula (21): «Falsche Zutat kann das ganze Produkt zerstören»
Die Luzernerin muss in Shanghai Torten, Pâtisserie, Pralinen, modellierte Arbeiten und ein Schaustück herstellen. Geschmack, Präzision und Optik müssen stimmen. Doch aktuell ringt sie vor allem mit dem Druck: «Nicht nur meine Coaches erwarten viel von mir, sondern auch die Branche.»
Dazu kommt die Ungewissheit, ob vor Ort alles so funktioniert wie im Training. «Wenn nur eine Zutat komplett anders ist, könnte ein Produkt schon in die Hose gehen.» Um den Kopf freizubekommen, visualisiert Baschung ihre Abläufe, geht schwimmen, ins Fitness oder spazieren. Ihr Ziel: «Einfach das Beste geben und den Moment in vollen Zügen geniessen.»
Hotel-Kommunikationsfachfrau Fina (22): «Die Gästewünsche sind manchmal knifflig»
Die Zürcherin muss in Shanghai im Wettkampf jeden noch so besonderen Gästewunsch lösen. Eine Trainingsaufgabe: Ein Gast will 1000 Franken in australische Dollar wechseln.
Fina muss An- und Verkaufskurse vergleichen und eine Kommission von fünf Prozent berechnen. Kaum hat sie die Rechnung gelöst, folgt die nächste Hürde: In Australien dürfen Hotels Kreditkartengebühren direkt dem Gast verrechnen. «So etwas hatte ich bisher noch nie, das ist manchmal knifflig», sagt sie. Solche Aufgaben wechseln sich mit Concierge-Fragen ab – etwa nach der Gebetsrichtung nach Mekka, koscheren Restaurants oder einem kurzfristig benötigten Spezialgeschenk.
In China kommt eine zusätzliche Hürde dazu: Viele westliche Websites sind nicht erreichbar. Schnelles Googeln fällt weg. Niebergall will darum auch ohne Internet ruhig bleiben. «Wenn ich am Rezeptionstresen stehe, kann ich alles andere ausblenden.»
Wie schätzt du die Chancen der Schweizer Berufstalente in Shanghai ein?
Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
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