Frauengesundheit: Wenn der Herzinfarkt übersehen wird
Stand: 22.09.2026 • 17:50 Uhr
Bestimmte Krankheiten äußern sich bei Frauen anders als bei Männern. Trotzdem werden geschlechtsspezifische Unterschiede häufig zu wenig berücksichtigt. Eine neue Allianz fordert Aufmerksamkeit.
Simone von Polheim sitzt an ihrem Wohnzimmertisch in Remscheid und blättert durch Urlaubsfotos aus Italien. Bilder von Sonne, von Bergen, von Ausflügen. Es sind Erinnerungen an Ferien, die beinahe tödlich geendet hätten. "Ich dachte, dass ich das nicht überlebe. Ich merkte, wie mein Kreislauf wegsackt und ich Rückenschmerzen bekam, wie ich sie noch nicht kannte", erinnert sie sich.
Mitten im Urlaub erlitt sie einen Herzinfarkt, doch niemand erkannte ihn. Im Krankenhaus wurden ihre Beschwerden zunächst nicht als Herzproblem erkannt. "Ich habe diese Schmerzen nicht ausgehalten. Man hat keinen Blutdruck gemessen, man hat gar nichts gemacht. Man hat mich in den Flur gelegt", sagt sie.
Simone Polheim musste lange warten bis ihr Herzinfarkt erkannt wurde.
"Ich hätte sterben können damals"
Das Ärzteteam im Krankenhaus glaubte an einen Muskelkater, an eine Folge von einer Canyoning-Tour. "Ich konnte auch nicht aufstehen. Das kam mir komisch vor. Ich hatte dann gefragt, ob wir mal ein EKG schreiben könnten. Aber die meinten: Das wäre nicht nötig."
Erst zurück in Deutschland wird die richtige Diagnose gestellt: Herzinfarkt. In einer Katheterbehandlung werden ihre mehrere Stents eingesetzt. Besonders belastet sie bis heute eine Erkenntnis: "Das Schlimme ist der Gedanke im Nachhinein, dass ich hätte sterben können damals. Das hat mich auch sehr lange verfolgt."
Frauen zeigen häufig andere Symptome
Im Frauenherz-Zentrum im Rhein-Maas-Klinikum in Würselen bei Aachen beschäftigt sich Chefarzt Michael Becker täglich mit Fällen wie diesem. Dort entstand vor acht Jahren Deutschlands erstes spezialisiertes Zentrum für Frauenkardiologie. "Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Wir haben hier das erste Frauenherz-Zentrum in Deutschland gegründet mit großem Widerstand. Dieser Widerstand reduziert sich langsam", sagt Becker.
Frauen mit Herzinfarkt zeigen häufig andere Symptome als Männer. Statt der klassischen Brustschmerzen stehen bei vielen Patientinnen Übelkeit, Oberbauchbeschwerden, Rücken- oder Kieferschmerzen, Atemnot oder starke Erschöpfung im Vordergrund. Das kann dazu führen, dass Herzinfarkte später oder gar nicht erkannt werden. "Man muss wissen, worauf man achtet", sagt Becker.
Chefarzt Michael Becker hofft auf Unterstützung aus der Politik.
"Wir brauchen ein Umdenken in der Gesellschaft"
Er beobachtet, dass sowohl Patientinnen als auch medizinisches Personal diese Warnsignale noch zu oft unterschätzen. Christine Hesse ist zur Nachsorge bei ihm in der Klinik. Die 52-Jährige wurde über Jahre von Arzt zu Arzt geschickt. Ihre Schmerzen wurden abgetan mit der Begründung, dass sie zu sensibel sei. "Beim Kardiologen sagte man mir immer stärker und immer intensiver: Ich wäre nervös und gestresst", erzählt sie. "Die Symptome hörten nicht auf und wurden immer schlimmer. Diese Geschichte ist auch sehr schmerzhaft im Rückblick. Und heute weiß ich auch, dass sie lebensbedrohlich war."
Am Ende wurde sie bei Michael Becker in Würselen operiert. "Ein halbes Jahr später hätte ich einen Herzinfarkt bekommen. Man sollte immer auf Behandlung bestehen und sich nicht verunsichern lassen", sagt Hesse.
Frauen müssten Beschwerden ernst nehmen, so Kardiologe Becker, und frühzeitig ärztliche Hilfe suchen. Gleichzeitig brauche es mehr Sensibilität im Gesundheitssystem für geschlechtsspezifische Unterschiede. "Wir brauchen ein Umdenken in der Gesellschaft. Wir brauchen Unterstützung in der Politik. In der Lehre muss sich was ändern. Die jungen Kolleginnen und Kollegen müssen früh im Studium lernen, dass Frauen anders zu behandeln sind als Männer", sagt Becker.
Bündnis gründet Allianz für Frauengesundheit
Vor diesem Hintergrund hat sich in Berlin die Allianz für Frauengesundheit gegründet. Das sektorenübergreifende Bündnis will wissenschaftliche Erkenntnisse, medizinische Fachgesellschaften, Versorgungseinrichtungen und weitere Akteure zusammenbringen. Ziel ist die Entwicklung von Eckpunkten für eine nationale Frauengesundheitsstrategie. Dabei sollen geschlechtsspezifische Unterschiede in Forschung, Prävention und Versorgung stärker berücksichtigt werden.
"In Deutschland gibt es bereits viel Wissen, starke Initiativen und Menschen, die Frauengesundheit seit Jahren vorantreiben", sagt Mit-Initiatorin Cornelia Wanke. "Mit der Allianz wollen wir diese Kräfte bündeln. Frauengesundheit ist kein Nischenthema, sondern zentrale Frage einer zukunftsfähigen und gerechten Gesundheitsversorgung."
Die Allianz nennt konkrete Handlungsfelder: Frauengesundheit soll dauerhaft auf der politischen Agenda verankert, geschlechtersensible Forschung gestärkt und bestehende Versorgungslücken über alle Lebensphasen hinweg geschlossen werden. Zudem sollen Gesundheitskompetenz und Selbstwirksamkeit von Frauen gefördert werden.
Deutschland noch am Anfang einer Entwicklung
Aus Sicht von Chefarzt Becker braucht es vor allem mehr Wissen über geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin. Das betreffe nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern zahlreiche weitere Krankheitsbilder und Therapien. "Jedes Organ ist unterschiedlich bei Mann und Frau. Wir müssen Frauen als Frau sehen, so wahrnehmen und entsprechende Diagnostik und Therapien einleiten. Ganz geschlechtsspezifisch individuell", sagt Becker.
Inzwischen entstehen bundesweit neue Forschungsnetzwerke, Lehrangebote und spezialisierte Zentren. Doch viele Fachleute sehen Deutschland im internationalen Vergleich noch am Anfang einer Entwicklung.
Für Simone von Polheim kommt diese Debatte spät. Ihr Herzinfarkt liegt inzwischen hinter ihr, sie treibt Sport, geht gerne mit ihrem Hund spazieren. Doch vergessen hat sie die Erfahrung nicht. "Zum Glück ist es bei mir gut ausgegangen. Ich habe einen Fall im Bekanntenkreis. Da ist eine Frau gestorben. Sie wurde auf Gallensteine behandelt, obwohl es ein Hinterwandinfarkt war." Sie wünscht sich, dass mehr über Frauengesundheit gesprochen wird. Weil die Unterschiede manchmal Leben kosten können.
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