„Die Holländerinnen“ am DT Berlin: Unendliche, unaussprechliche Bedeutung

Jan Friedrich inszeniert Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“ texttreu am Deutschen Theater in Berlin. Drei Stunden lang spielen sich die Schauspieler:innen dabei in den Wahn hinein.
Es gibt Gründe, warum es nicht hundert Worte für Angst gibt. Gründe, die mit dem Zusammenbruch von Gesellschaften zusammenhängen, mit Grenzen. Grenzen, die, in der Sprache gezogen, sich auf die Welt übertragen. Der Konjunktiv ist dabei eine Art sprachlicher Türöffner, er verwischt die Unterschiede zwischen dem, was passiert, und dem, was passieren könnte, was passiert sein könnte. Eine Möglichkeitsform, ein Nicht-sicher-Sein.
Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“ ist beinahe durchgängig im Konjunktiv gehalten, er nimmt seinen Anfang am Rednerpult, wo die Erzählerin über eine Reise in den lateinamerikanischen Dschungel und eine tiefgreifende Irritation referiert. Jan Friedrich, der den Roman nun im Deutschen Theater in Berlin auf die Bühne brachte, hat Mut zur Texttreue bewiesen, hat das Erzählte in seiner Möglichkeitsform belassen. Was folgerichtig ist, denn was in diesem Dschungel geschehen ist, das ist nicht unbedingt das, was erzählt wird.
Geschehen ist zunächst folgendes: Eine Gruppe an Menschen, darunter die Erzählerin (Carmen Steinert), reist in den Dschungel, um dem realen Fall zweier vermisster Frauen auf den Grund zu gehen. Eben jene Holländerinnen waren einst nach einer Wanderung verschwunden, gefunden wurde lediglich ein Rucksack samt der Digitalkamera der Frauen, auf der sich 91 Fotos fanden, die scheinbar nichts außer den dunklen Nachthimmel zeigten.
Angeleitet wird die Gruppe von einem deutlich an Werner Herzog angelehnten Theatermacher (einem sich zusehends warmspielenden Moritz Kienemann), der im Dschungel die große „Theatermaschine“ bauen will. Eine große Recherche unternimmt, „eine Recherche, die nur in der Wiederholung, der Nachbildung der Ereignisse geschehen könne, ja, es gehe, wie stets am Theater, darum, die Dinge am eigenen Leib zu erfahren“.
Nachbildung persönlicher Erschütterungen
Zunächst begibt man sich dabei nicht an die Rekonstruktion des Falls, sondern an die Nachbildung persönlicher Erschütterungen, die, wie alles, was hier geschehe, im Kontext der Holländerinnen verstanden werden müsse, so der Theatermacher.
Zur Sprache kommt etwa die so unheimliche wie delphische „Ziegengeschichte“, die eine mitgereiste Schweizerin (Julia Gräfner) erzählt, in der sich die versuchte Kindszeugung eines Bauern mit der nächtlichen, dutzendfachen Niederkunft in seiner Ziegenherde kreuzt. Oder die Begegnung des amerikanischen Kameramanns Tepper (Manuel Harder) mit einem Schweizer Landwirt (Andri Schenardi), dem Tepper eine geradezu erotische Lust an der Unterwerfung seines Mustangpferds zuschreibt; eine Lust, die Tepper erst in die Verzweiflung und dann zu einer Prostituierten treibt, verlangt die beobachtete Zähmung doch nach mimetischer Spiegelung im Bordell.
Es sei das Erzählen an sich, was die Dunkelheit vertreibe, so heißt es an einer Stelle an diesem Abend, doch das ist nicht wahr, im Gegenteil. Erst das Erzählen beschwört diese Dunkelheit, lässt sie so groß werden, das sie Erzähler:innen wie Zuschauer:innen verschluckt, um sie dann eine Ebene tiefer wieder freizugeben.
Großartig übrigens die Übersetzung dieser Schichtung ins Bühnenbild (Louisa Robin), das sich von einem getäfelten Auditorium immer weiter nach hinten ins Mobiliar, in zu kleine und zu große Räume, in den Urwald entblättert und dabei mithilfe der immer neu zur Anwendung kommenden Kameras zerfetzt und gespiegelt wird. Auch die Spannungskurve ist dabei regelrecht invertiert. Am Anfang sprechen die Irritation und das Entsetzen aus den Figuren, am Ende weiß man: „Unaussprechlich“ bedeutet nicht „schrecklich“.
Fokus auf patriarchale Gewalt
Dass es keinen Schrecken ohne Gewalt und im Konkreten zumeist keinen Schrecken ohne patriarchale Gewalt gibt, das wird an diesem Abend auch deutlich. Wobei auf diesen Aspekt an anderer Stelle noch nachdrücklicher hingewiesen wurde, nämlich bei der Uraufführung der „Holländerinnen“ in Magdeburg vor wenigen Wochen, unter Regie von Clara Weyde. In der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt kam man gänzlich ohne Männer auf der Bühne aus. Der Protest, dass es immer die Frauen seien, die in Sagen wie Krimis geopfert würden, fiel so lauter aus, auch der Überlegung, dass es womöglich ein sexueller Übergriff war, der zum Tod der beiden Holländerinnen führte, ging man eindrücklich nach.
Das also ist auch Erzählen: Während in Elmigers Roman unmöglich Wichtiges von Unwichtigem zu trennen ist, Bedeutung erst durch den Bedeutungsverlust aller die Erzählerin umgebenden Zeichen entsteht, muss Bedeutung an diesem Abend naturgemäß über die Darstellung des Erzählten hergestellt werden. Über die Auswahl der auf die Bühne gebrachten Episoden, das Weglassen anderer.
Es ist der schauspielerischen Leistung zu verdanken, dass fast der Eindruck entsteht, es könnten an einem anderen Abend auch ganz andere Erzählungen sein, die ihren Weg aus dem Roman ans Deutsche Theater finden, dass die Bedeutung auch aus dem Spontanen und Zufälligen entsteht. Die Theatermaschine, sie läuft also, sie läuft wie geschmiert, auch nach drei Stunden noch mit voller Kraft.
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