Digitales Kokain: Social-Media-Sucht ist kein Erziehungsproblem – sondern ein Geschäftsmodell
Das englische Wort «Brainrot» bedeutet das, wonach es klingt: ein Gehirn, das vor sich hinrottet. Es beschreibt einen Zustand geistiger Erschöpfung durch exzessiven Konsum stupider Online-Inhalte. Oder in Elternsprache: die komplette Verblödung durch zu viel Insta, Youtube oder Tiktok.
Klar, dass der Begriff schon längst selbst zum Internet-Meme mutiert ist und inzwischen für ein eigenes Subgenre steht: Brainrot-Videos. Das sind mit KI erstellte, extrem schnelle und extrem absurde Kurzvideos mit schrillem Inhalt. Sie perfektionieren das, was den Tech-Unternehmen als Kerngeschäft dient. Sie fesseln an den Bildschirm, wie auch eine Beobachter-Strassenumfrage ergab. Egal, wie sinnlos das Gezeigte ist.
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Depressionen, Schlafstörungen, Angst
Das Wort «Brainrot» ist in diesem Kontext deshalb so treffend, weil übermässiger Social-Media-Konsum Aktivität und Struktur des Gehirns tatsächlich messbar beeinflusst. Natürlich verfault das Gehirn nicht, doch Studien belegen Veränderungen – insbesondere im Belohnungs- und im limbischen System, das eine wichtige Rolle bei der Steuerung von Emotionen und Lernprozessen spielt. Unser Gehirn wird quasi darauf trainiert, sich nur noch ganz kurz auf eine Sache zu konzentrieren und sofort nach dem nächsten Kick zu suchen.
Auch Erwachsene sind keineswegs immun gegen diesen Sog von Social Media. Youtube, Tiktok, Insta und Co. sind darauf ausgelegt, die Nutzer nach allen Regeln der Kunst so lange wie möglich zu fesseln und auf der Plattform zu halten. Allerdings können sich Kinder und Jugendliche schlechter gegen die toxische Macht der Algorithmen zur Wehr setzen. Bei jungen Menschen ist der Präfrontalkortex, das Kontrollzentrum des Gehirns, noch nicht ausgereift. Ihr Belohnungssystem reagiert also einerseits extrem sensibel auf Reize, während gleichzeitig die Impulskontrolle noch nicht so weit ist, um dagegen anzusteuern. Jugendliche sind darum besonders anfällig für eine Social-Media-Sucht.
Die Auswirkungen intensiver Social-Media-Nutzung auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sind derzeit Gegenstand der Forschung. In einem Diskussionspapier schreibt die deutsche Wissenschaftsakademie Leopoldina von Entwicklungs- und Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafproblemen, Depressionen, Angstsymptomen, Stress, Nervosität und Essstörungen. Auch suizidale Gedanken und ein selbstverletzendes Verhalten können laut den Wissenschaftlern im Zusammenhang mit einer Social-Media-Sucht stehen.
Verbot löst das zugrunde liegende Problem nicht
Vor diesem Hintergrund klingt eine Altersbeschränkung für Tiktok, Instagram, Youtube und weitere Plattformen nach einer logischen Lösung. Inzwischen diskutieren bereits 40 Länder über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Unter anderem in Australien, Indonesien und Brasilien gibt es bereits strenge Einschränkungen. Doch Verbote sind technisch nicht nur schwierig umzusetzen, sie können auch leicht umgangen werden. Andererseits könnte eine Altersbeschränkung – ähnlich wie Jugendschutzbestimmungen beim Tabakverkauf – eine präventive Signalwirkung entfalten. Das grundlegende Problem der süchtig machenden Algorithmen löst sie jedoch nicht.
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Zudem ist fraglich, ob man Jugendliche wirklich von etwas aussperren soll, das schon längst zu unserem Alltag gehört – und auch viel Positives bietet. Social Media verbinden Menschen über kurze wie lange Distanzen. Sie erleichtern den Kontakt zu Gleichgesinnten, eröffnen Zugang zu Wissen und bieten Raum für Kreativität und Geschäftssinn. Der oft gezogene Vergleich mit der Tabakindustrie hält aus diesem Grund nur bis zu einem gewissen Grad stand. Rauchen ist und bleibt gesundheitsschädigend. Mehr ist da nicht. Punkt. Social-Media-Plattformen hingegen liessen sich so programmieren, dass von ihnen keine oder zumindest eine viel kleinere gesundheitsgefährdende Wirkung ausginge.
Tech-Firmen haben kein Interesse an Lösung
Wie einfach das wäre, zeigen interne Dokumente von Meta, die in den letzten Monaten an die Öffentlichkeit gelangten. Der Konzern, dem unter anderem Instagram, Facebook und Whatsapp gehören, fand beispielsweise heraus, dass sich das Wohlbefinden der Nutzerinnen und Nutzer verbesserte, wenn nur schon die Like-Zähler auf Instagram verborgen blieben. Trotzdem behielt Meta diese Funktion bei. Tests hatten gezeigt, dass die Verweildauer – und damit die Werbeeinnahmen – ohne Like-Anzeige gesunken wäre.
Das ist der entscheidende Punkt. Die Akteure, die das Problem an der Wurzel packen und die Algorithmen entschärfen könnten, haben schlicht kein Interesse daran, dies zu tun. Ein entschleunigtes und gesünderes Nutzungsverhalten steht in direktem Widerspruch zu ihrem Geschäftsmodell. Ihr Gewinn ist an eine maximale Verweildauer auf den Apps gekoppelt.
Von dieser Daueraufmerksamkeit profitieren nicht nur die Tech-Giganten selbst, sondern auch Firmen, die Werbung schalten. Für sie bedeutet eine hohe Bildschirmzeit eine grosse Reichweite und die Möglichkeit, Zielgruppen präzise mit Werbung zu bespielen. Allein in der Schweiz fliessen jährlich über zwei Milliarden Franken in Social-Media-Werbung. Zu den grössten Kunden gehören unter anderem Migros, Coop und Swisscom. Wären die Algorithmen weniger aggressiv, wären die Werbebotschaften dieser Konzerne seltener zu sehen und weniger zielgerichtet platziert – was die Wirkung ihrer Kampagnen und letztlich ihre eigenen Verkäufe schmälern würde.
Die gesellschaftliche und politische Debatte weicht dieser ökonomischen Realität weitgehend aus. Die Forderung nach Altersgrenzen erscheint als Weg des geringsten Widerstands, weil sie die Verantwortung an die Jugendlichen und deren Eltern abgibt. Dass dieser Fingerzeig ins Private durchaus Spuren hinterlässt, zeigt eine aktuelle Studie des Bildungsforschers Stefan Wolter: Mangels staatlicher Vorgaben für die Plattformen nehmen immer mehr Eltern die Kontrolle selbst in die Hand – mit messbarem Erfolg bei den Jüngsten. Nutzten gemäss der Studie in den Jahren 2020 und 2022 noch 40 Prozent der Primarschulkinder zwischen acht und zwölf Jahren regelmässig Kanäle wie Tiktok oder Instagram, sank dieser Wert bis 2024 auf 30 Prozent. In diesem Frühling lag er nur noch bei 20 Prozent.
Dieser Befund belegt zwar, dass familiäre Massnahmen greifen, wenn Eltern ihre Kinder vom Handy fernhalten. Er unterstreicht jedoch zugleich die Schieflage der Debatte. Der Schutz vor einer gesundheitsschädigenden Social-Media-Nutzung wird zur Privatsache erklärt, während die profitorientierten und schädigenden Mechanismen dahinter unangetastet bleiben. Denn «Brainrot» ist nicht primär ein Erziehungsproblem, sondern das Ergebnis eines Milliardengeschäfts, das auf Aufmerksamkeitsausbeutung basiert. Und auf Sucht.
Gefangen im Feed – lese hier alle Artikel über Social-Media-Sucht
Darum ist jetzt die Politik gefordert. Die Diskussion über Verbote, die Forderung nach Medienkompetenz in Schulen oder Kontrolle durch die Eltern zu Hause sind wichtig. Was es aber wirklich braucht, sind strengere Regeln für die Plattformen. Nur so lassen sich die Profitinteressen der Tech-Giganten und Werbekunden bremsen. Und nur so kann man dem Geschäft mit der Aufmerksamkeit Einhalt gebieten.
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