Familien von drei ermordeten Journalisten wenden sich an Öffentlichkeit: «Die Korrupten und Mächtigen kommen nach wie vor mit Mord davon»
Familien von drei ermordeten Journalisten wenden sich an Öffentlichkeit
«Die Korrupten und Mächtigen kommen nach wie vor mit Mord davon»
Sie sind die Familien von drei getöteten Medienschaffenden. Am neunten Todestag eines der Opfer rufen die Angehörigen Behörden und Institutionen Europas auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Morde lückenlos aufzuarbeiten.
Publiziert: vor 19 Minuten
Aktualisiert: vor 4 Minuten
Daphne Caruana Galizia, Jan Kuciak, Giorgos Karaivaz: Sie wurden in den Jahren 2017, 2018 respektive 2021 ermordet. Weil sie als Medienschaffende zu sensiblen Themen im öffentlichen Interesse recherchiert hatten. Jan Kuciak, selbst Ringier-Mitarbeiter in der Slowakei, wurde gar gemeinsam mit seiner Verlobten, der Archäologin Martina Kusnirova, getötet.
Durch diese Morde verloren wir unsere Kinder, unsere Eltern. Und die Öffentlichkeit verlor eine Journalistin und zwei Journalisten, die Korruption und organisiertes Verbrechen aufdeckten. Ihnen wurde das Recht auf Leben verwehrt; und uns unser Recht auf verlässliche Information.
In Europa, der sichersten Region für Medienschaffende weltweit, sollten die Täter hinter diesen drei Morden zur Rechenschaft gezogen werden. Aber das geschah bislang nicht. Die Rückschläge sind noch immer zu zahlreich. Die Korrupten und Mächtigen kommen nach wie vor mit Mord davon.
Angeklagter Geschäftsmann freigesprochen
Das jüngste Versagen im Kampf für Gerechtigkeit ist der Freispruch des maltesischen Geschäftsmannes Yorgen Fenech am 2. September. Er war im Zusammenhang mit dem Mord an Daphne Caruana Galizia wegen Verdachts auf Korruption gegen einen ehemaligen Minister, einen Beamten sowie gegen einen hochrangigen Polizeibeamten angeklagt worden. Entgegen seinen eigenen Aussagen sowie denjenigen weiterer Zeugen, die während des zweimonatigen Mordprozesses vorgebracht wurden, wurde Fenech vom maltesischen Strafgericht für nicht schuldig befunden – trotz Anklage wegen Beihilfe zum Mord und krimineller Vereinigung im Zusammenhang mit ebendiesem.
Fast neun Jahre, nachdem Daphnes Sohn das tödliche Attentat auf seine Mutter in unmittelbarer Nähe ihres Zuhauses in Bidnija miterleben musste, konnten die maltesischen Behörden die Person, die mutmasslich für den Auftrag und die Finanzierung des Mordes verantwortlich war, nicht verurteilen.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Slowakei: Über acht Jahre nach der brutalen Ermordung des Ringier-Journalisten Jan Kuciak und dessen Verlobter Martina Kusnirova in ihrer Wohngemeinde Velka Maca ist der mutmassliche Drahtzieher der Tat, Marian Kocner, aktuell zum dritten Mal vor Gericht. Er war zuvor bereits zweimal freigesprochen worden.
Am helllichten Tag auf dem Heimweg ermordet
Sowohl in Malta als auch in der Slowakei wurden bislang nur die Mittelsmänner und Auftragskiller verurteilt. In Griechenland, im Falle des 2021 ermordeten Journalisten Giorgos Karaivaz, liegt noch gar kein Schuldspruch vor. Zwei Männer wurden hingegen 2024 freigesprochen, wovon einer 2025 selbst getötet wurde.
Giorgos Karaivaz wurde 2021 am helllichten Tag in Athen auf seinem Heimweg ermordet. Die Straflosigkeit bei seiner Ermordung sowie bei derjenigen von Daphne Caruana Galizia und Jan Kuciak lassen unsere persönlichen und kollektiven Wunden nicht verheilen. Die fehlende Gerechtigkeit führt dazu, dass weitere Medienschaffende weiteren Verbrechen ausgeliefert sind. Die unausgesprochenen Wahrheiten über diese Verbrechen traumatisieren unsere Gesellschaften. Dies wiederum schürt weitere Lügen und schafft noch mehr Ungerechtigkeit.
Sollten sich die Drahtzieher hinter diesen Morden der Strafverfolgung entziehen können, ist dies eine Schande für die betroffenen Staaten. Und es ist eine Schande für Europa insgesamt.
Wir haben es bereits vielfach ausgesprochen und müssen dies auch weiterhin tun: Aufgeschobene Gerechtigkeit ist verweigerte Gerechtigkeit. Aber die Gesellschaft in Malta mobilisiert sich. Das Europäische Parlament sowie der Europarat haben erneut Schritte eingeleitet, um die Rechenschaftspflicht in Malta durchzusetzen.
«Schutzmassnahmen müssen ergriffen werden»
Wir fordern die zuständigen Behörden auf, im Rahmen ihrer Kompetenzen alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass in Malta, in der Slowakei sowie in Griechenland uneingeschränkte Rechenschaftspflicht gewährleistet wird. Die Staaten, die die Drahtzieher dieser Morde nicht vor Gericht ziehen können, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Behörden, die es versäumen, die europäischen Standards zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten durchzusetzen, müssen mit Konsequenzen rechnen.
Den Medienschaffenden und ihren Angehörigen muss Gerechtigkeit widerfahren. Es müssen Schutzmassnahmen ergriffen werden, um Verbrechen gegen und insbesondere weitere Ermordungen von Journalistinnen und Journalisten zu verhindern.
Daphne, Jan, Giorgos sowie weitere Medienschaffende in Europa wurden ermordet, weil sie über Korruption berichtet hatten und weil sie den Mut hatten, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen. Unsere Demokratien sind ihnen und ihren Familien Gerechtigkeit schuldig. Andernfalls gibt es keine Rechtsstaatlichkeit. Und ohne Rechtsstaatlichkeit sind auch unsere Demokratien zum Niedergang verdammt, wodurch wiederum das mörderische Vorgehen derer, die unsere Angehörigen getötet haben, ungestraft weitergehen kann.
Dieser Text ist aus einer Initiative von Reporter ohne Grenzen entstanden und wird weltweit in diversen Medien publiziert.
Es sind die Worte und Gedanken folgender Personen:
- Matthew, Andrew und Paul Caruana Galizia, Söhne von Daphne Caruana Galizia
- Jana Kuciakova und Jozef Kuciak, Eltern von Jan Kuciak
- Zlata Kusnirova, Mutter von Martina Kusnirova
- Statha Alexandropoulou Karaivaz, Witwe von Giorgos Karaivaz
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