Anna Netrebko: Umstrittener Auftritt in Bonn
"Hallo, liebe Freunde! Hier Anna Netrebko! Ich erwarte euch in Bonn bei zwei Aufführungen – "Nabucco" im November und "La Bohème im Januar!".
Mit dieser Nachricht,veröffentlicht auf Instagram Ende September 2026, überraschte die Sängerin nicht nur ihre 738 000 Follower weltweit, sondern auch die Bevölkerung der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn und besonders deren Musikliebhaber.
Denn das gab es noch nie: "La Netrebko" kommt an den Rhein, in ein Opernhaus, das nicht zu den führenden der 83 deutschen Opernhäuser gehört. Und sie singt nicht etwa ein bis zwei Arien an einem honorarstarken Gala-Abend, sondern wird in zwei ihrer abendfüllenden Paraderollen zu erleben sein: als Mimi in "La Bohème" und als Abigaille in "Nabucco". Begleitet wird sie vom Städtischen Beethovenorchester Bonn mit Unterstützung der Ensemblemitglieder einschließlich des Kinderchores.
Theater Bonn: Erfolg auf der ganzen Linie
Für Bernhard Helmich, Intendant der Bonner Bühnen, ist Netrebkos Zusage ein Coup, und zwar künstlerisch wie finanziell: "Sie gehört nicht nur zu den bekanntesten Opernsängerinnen der Welt, sie ist die bekannteste Opernsängerin der Welt schlechthin", bringt er es im DW-Gespräch auf den Punkt.

"Eine große Freude gibt es aber auch bei unserem kaufmännischen Direktor", versichert der Intendant, auch wenn Netrebkos Honorar durchaus ihrem Niveau entspricht (und damit laut Quellen der DW je nach Auftritt das Zehn- bis Zwanzigfache des Durchschnittshonorars eines Opernsolisten beträgt). Netrebkos Zusage sei exzellenten Kontakten der Stabstelle der Oper zu verdanken, so Helmich, man habe lange daran gearbeitet, eine Lücke im Terminkalender des Stars zu finden.
Mit der schlechten finanziellen Lage der Kulturstätten der Stadt Bonn und der drohenden Gefahr einer Schließung des Opernhauses habe das Unterfangen nichts zu tun, so der Intendant. Einige Gesprächspartner, die nicht namentlich genannt werden möchten, sagten gegenüber der DW, dass Netrebkos Erscheinen am Rhein auch eine gewisse Schutzmaßnahme des Theaters und vielleicht auch eine Solidaritätsbekundung für die berühmte Sängerin sei. Schließlich hat Anna in einem Interview gesagt, ihr Zuhause sei überall da, wo (noch) ein Opernhaus stehe – also auch in Bonn.
Bonner Opernliebhaber: Jubel und kritische Stimmen
Der Jubel ist groß. Schon vor dem Start des Vorverkaufs am 5. Oktober waren die Schlangen an den Kassen lang, die Tickets nach wenigen Stunden vergriffen, der Server für den Online-Verkauf zusammengebrochen – und das trotz Preisen, die man in Mailand oder Salzburg gewohnt ist, jedoch nicht in Bonn.
"Ich will unbedingt die Netrebko hören, sie ist fantastisch!", schwärmen einige Damen in der Ticket-Schlange gegenüber der DW.

"Ich bin gespannt, was sie mit der Rolle der Mimi noch machen kann", sagt ein junger Opern-Fan. "Es ist eine Anerkennung für Bonn, für diese kleine Oper", freut sich ein älterer Herr. "Man muss nicht alles verfluchen, was aus Russland kommt!"
Genau zu diesem Thema gibt es - so das Bonner Theater nach eigenen Angaben - aber auch kritische Zuschriften, unter anderem von Organisationen, die ukrainische Flüchtlinge in der Stadt unterstützen. Bonn unterhält seit dem 9. Februar 2023 eine Solidaritätspartnerschaft mit der ukrainischen Stadt Cherson. Auch aus dem Lager der Lokalpolitik sind kritische Töne zu vernehmen: ob es angemessen sei, so viel Geld für einen Star auszugeben, während sich die Krisensituation in der städtischen Kultur allgemein verschärfe.
Ein Symbol der "russischen Gleichgültigkeit"?
Eine Nähe zum Regime in Russland, die man Anna Netrebko in Verbindung mit dem Ukraine-Krieg unterstellt hatte, wurde von der Sopranistin 2022 revidiert. Die aus dem Süden Russlands stammende Sängerin, die einen ukrainischen Nachnamen trägt, hatte sich vom Angriffskrieg distanziert. "Ich verurteile den Krieg gegen die Ukraine ausdrücklich und meine Gedanken sind bei den Opfern dieses Krieges und ihren Familien", ließ die Sängerin über ihre Anwälte mitteilen. "Meine Position ist klar. Ich bin weder Mitglied einer politischen Partei noch bin ich mit irgendeinem Führer Russlands verbunden." Für die Mehrheit der Opern- und Konzerthäuser weltweit war diese Erklärung ausreichend, und so ist Netrebkos Kalender längst wieder mit Namen führender Kulturinstitutionen wie der Mailänder Skala oder der Wiener Staatsoper gefüllt.

Dass Netrebko 2012 Wladimir Putin in seiner Wahlkampagne als "Vertrauensperson" unterstützte, Staatsorden aus seiner Hand entgegennahm oder vor fünf Jahren, wenige Monate vor Kriegsausbruch, ihren 50. Geburtstag im Kreml feierte, war noch vor dem Angriff auf die Ukraine. 2014 annektierte Russland völkerrechtswidrig die Halbinsel Krim. Im Februar 2022 griff die russische Armee weite Teile der Ukraine an. Der Angriffskrieg durch Russland dauert bis heute an.
Ein großes Talent mit weltweitem Ruf wie dem von Anna Netrebko bedeutet in den Augen vieler Menschen, insbesondere der Ukrainer, geradezu eine Verpflichtung zu mehr Engagement. So wäre etwa die Spende mindestens eines Teils des Bonner Honorars zugunsten der Flüchtlinge oder kriegsversehrter Kinder aus der Ukraineein klares und überfälliges Zeichen. Um die Flüchtlinge und kriegsversehrten Kinder kümmert sich unter anderem die Bonner Begegnungsstätte Freundschaft e. V.. Die Initiative fordert eine "öffentliche Auseinandersetzung“ mit der Entscheidung, die Sopranistin auftreten zu lassen.
Axel Brüggemann: "Zweimal Minus bringt nicht Plus"
Axel Brüggemann, einer der renommiertesten Musikjournalisten Deutschlands, betrachtet den Fall differenzierter: "Ich persönlich würde sie zwar nicht hören", sagt Brüggemann der DW, "aber sie ist für mich ganz anders glaubhaft als zum Beispiel ein Teodor Currentzis, der immer noch in Russland auftritt und auch mit seinen Orchestern und seinem Festival Geld vom russischen Staat kassiert."
Anna Netrebko habe große soziale und politische Fehler gemacht, indem sie eine Spende an das Theater im Donbass geleistet habe, sagt Brüggemann. Das war im Zuge der Annexion der Halbinsel Krim. Sie habe sich auch immer wieder mit Wladimir Putin gezeigt oder sei zur Eröffnung der Olympischen Spiele im Februar 2014 in Sotschi aufgetreten, analysiert Axel Brüggemann im DW-Gespräch.

"Aber ich kann bei Anna Netrebko schon erkennen, dass sie aus diesen Fehlern eine Konsequenz gezogen hat." Netrebko ist seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges 2022 nicht mehr in Russland aufgetreten, hat nicht einmal das Land besucht. "Nur, wer nicht aus Fehlern lernt und wer sie nicht korrigiert, ist wirklich untragbar." Anna Netrebko habe ihre Lehren daraus gezogen, so Brüggemann.
Braucht es einen Star in der Bonner Oper?
Einen Skandal sieht der Experte an anderer Stelle: Brüggemann stört es, dass "ein deutsches Stadttheater, das dafür da ist, spannendes Theater vor Ort zu machen, junge Sängerinnen und Sänger zu fördern und ein Repertoire und einen Spielplan aufzubauen, offensichtlich auf einen Star setzt." Es sei wesentlich einfacher, eine Lücke im Terminkalender einer Anna Netrebko zu finden, als eine qualitätsvolle, spannende Premiere mit eigenem Ensemble zu bestücken und damit Publikum - auch junge Menschen - zu begeistern.

Und ob Netrebko tatsächlich die Nummer eins unter den Opernsängern der Welt sei, ist für Brüggemann auch nicht in Stein gemeißelt, gerade mit Blick auf die jüngere Sängergeneration: "Der verflossene Glanz einer Anna Netrebko soll jetzt den verflossenen Glanz der ehemaligen Bundeshauptstadt aufwerten. Aber zweimal Minus bringt nicht Plus." Zumindest nicht auf der Opernbühne.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.