Grippesaison könnte dieses Jahr «unglaublich früh» beginnen

- Die Grippesaison könnte dieses Jahr deutlich früher starten als üblich.
- Positive Grippetests häufen sich Wochen vor dem Saisonstart an der US-Westküste und im Vereinigten Königreich.
- Die Mutation G155E bei H1N1 wird von Antikörpern Jugendlicher und junger Erwachsener schlechter erkannt.
Die Grippesaison beginnt auf der Nordhalbkugel gewöhnlich zwischen Ende November und Mitte Dezember. Dieses Jahr könnte sie aber besonders früh beginnen. Das legen Zahlen aus mehreren Ländern nahe, in denen bereits Wochen vor dem gewohnten Saisonstart auffällig viele Grippetests positiv ausfallen. So etwa an der US-Westküste und im Vereinigten Königreich, wie das Fachjournal «Nature» berichtet. In Japan gab es im August und Anfang September einen Ausbruch, der sogar zu Schulschliessungen führte.
«Es wäre eine unglaublich frühe Saison» für die Vereinigten Staaten, sollten die an der Westküste beobachteten Fallzahlen weiterhin im derzeitigen Tempo steigen, sagt Scott Hensley, Virologe an der University of Pennsylvania in Philadelphia. Die US-Gesundheitsbehörde CDC schreibt in ihrem aktuellen Bulletin: «Die Grippeaktivität zu Beginn der Saison ist derzeit höher als üblicherweise zu dieser Jahreszeit zu beobachten». Die CDC betont aber, sie bleibe noch im Rahmen der erwarteten saisonalen Schwankungen.
In der Schweiz liegt die Anzahl gemeldeter Influenza-Fälle derzeit etwa auf Vorjahresniveau. Allerdings wurden im Spätsommer mehr laborbestätigte Influenza-Fälle beobachtet als im gleichen Zeitraum der Vorjahre. Auf Anfrage erklärt das Bundesamt für Gesundheit BAG, dass der genaue Start der Grippewelle in der Schweiz nicht vorausgesagt werden könne. Typischerweise erwarte man ihn Ende Dezember beziehungsweise im Januar.
Neue Mutation entdeckt
Während ein früher Saisonbeginn nicht zwangsläufig eine besonders schwere Grippewelle bedeutet, wie Epidemiologe James Hay von der Universität Oxford festhält, könnte eine Mutation des Grippevirus dafür sorgen.
In den US-Proben dominierte bisher der Influenza-A-Subtyp H1N1 (siehe Box), während im letzten Jahr wie auch in der Schweiz der Subtyp H3N2 vorherrschend war. Nun deuten Daten dieser frühen US-Proben auf eine neu auftretende Mutation des H1N1-Virus hin, die bei Fachleuten Besorgnis auslöst.
Verschiedene Influenza-Viren
Die saisonale Grippe wird durch Influenza-A- und Influenza-B-Viren übertragen, wie das BAG schreibt. Bei den Typ-A-Viren gibt es diverse Subtypen, bei den B-Viren aktuell eine zirkulierende Stammlinie: Victoria. Da sich die Erreger im Lauf der Zeit genetisch verändern und die Immunität der Bevölkerung durch Impfungen und Infektionen schwankt, dominieren von Saison zu Saison andere Virusstämme.
Die G155E genannte Mutation könnte dazu führen, dass das Immunsystem die Viren schlechter erkennt. Darauf deuten im September am Fred Hutchinson Cancer Center in Seattle durchgeführte Analysen von 260 Blutproben von Grippekranken aus den USA und Australien hin. Forschende um den Virologen Jesse Bloom gingen in der noch nicht unabhängig wissenschaftlich begutachteten Studie (siehe Box) der Frage nach, wie gut die in den Blutproben enthaltenen Antikörper 148 verschiedene Influenza-A-Viren neutralisieren können, die Mitte 2026 im Umlauf waren.
Preprint? So läuft es in der Wissenschaft
Um neue Erkenntnisse unters Volk zu bringen, publizieren Forschende ihre Studien in Fachzeitschriften (Journals). Dafür arbeiten sie zunächst ein Manuskript aus, das sie der Fachzeitschrift vorlegen. Nimmt diese den Entwurf an, findet die Begutachtung, das sogenannte Peer-Review, statt. Das heisst: In der Regel anonyme und unabhängige Fachkollegen begutachten die Arbeit, kritisieren und machen Anmerkungen. Dies dient der Qualitätssicherung. Dann wird die Arbeit an die Autoren zurückgesandt, welche sie überarbeiten. Dieses Vorgehen kann sich einige Male wiederholen. Abschliessend wird die Arbeit im Journal publiziert. Bevor dieser Prozess abgeschlossen ist, werden Studien in sogenannten Preprints veröffentlicht.
Besonders Antikörper von Jugendlichen und jungen Erwachsenen erwiesen sich als wenig wirksam gegen G155E. Das könnte daran liegen, dass diese Altersgruppe bisher seltener mit ähnlichen Grippeviren in Kontakt gekommen ist. Die Analyse sowie die ersten Daten aus Greningers Labor deuten darauf hin, dass es zu einer relativ schweren H1N1-Saison kommen könnte, mit Stämmen, die die Immunabwehr einiger Menschen umgehen, so Bloom.
Wer soll sich jetzt impfen lassen?
Da sich die Schutzwirkung erst zehn bis 14 Tage nach der Grippeimpfung aufbaut, empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Impfung ab Mitte Oktober bis zum Beginn der Grippewelle. Die Empfehlung richtet sich an alle Personen ab 65 Jahren, Schwangere, Frauen, die in den letzten vier Wochen entbunden haben, Personen mit chronischen Erkrankungen und frühgeborene Kinder im Alter von sechs Monaten bis zwei Jahren. Zu den relevanten Vorerkrankungen zählen Herz- und Lungenerkrankungen, darunter Asthma, bestimmte Stoffwechselstörungen und Diabetes.
Zusätzlich wird sie für folgende Risikogruppen empfohlen: Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen und Einrichtungen für Personen mit chronischen Erkrankungen sowie Personen mit regelmässigem Kontakt zu Hausgeflügel oder Wildvögeln. Für alle Personen ab 75 Jahren und für Personen ab 65 Jahren mit zusätzlichem Risikofaktor steht ein Hochdosis-Impfstoff zur Verfügung.
Lässt du dich gegen Grippe impfen?
Bei einem Teil der Grippeimpfstoffe kommt es dieses Jahr in der Schweiz wie in ganz Europa zu Lieferverzögerungen. Trotzdem ist laut BAG gewährleistet, dass alle Personen, die sich impfen lassen wollen, dies vor dem Beginn der Grippewelle tun können.
Im November finden zwei Impfwochen statt. Die Bevölkerung kann sich vom 2. bis 7. November sowie vom 23. bis 28. November in Arztpraxen und Apotheken beraten und impfen lassen, wie das BAG am Dienstag mitteilte.
Detaillierte Impfempfehlungen finden sich auf impfen-schweiz.ch
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Jean-Claude Gerber (jcg) arbeitet seit 2005 für 20 Minuten. Er ist seit 2013 Leiter des Ressorts Wissen, History und Digital und seit 2020 Blattmacher.
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