Sommer- oder Winterzeit? Forschende haben einen Favoriten

- Eine neue kanadische Übersichtsarbeit empfiehlt bei Abschaffung der Zeitumstellung die dauerhafte Winterzeit.
- Morgendliches Licht ist laut den Forschenden der University of British Columbia entscheidend für Schlaf, innere Uhr und Stimmung.
- Die beliebte Sommerzeit bringe zwar lange Abende, stehe aber mit weniger Schlaf und schlechterer Produktivität in Verbindung.
Seit Jahren wird über die Abschaffung der Sommerzeit diskutiert. 2018 hat das Europäische Parlament einem Gesetzentwurf der EU-Kommission zur Abschaffung zugestimmt. Doch passiert ist seither nichts. Der Grund für den Stillstand ist die unter den Mitgliedstaaten ungelöste Frage, welche Zeit gelten soll. Und auch die Gesellschaft ist uneinig, welche Zeit die beste ist. Allerdings erhält in Umfragen oft eine dauerhafte Sommerzeit den Vorzug – zu verlockend sind die langen Sommerabende, die sie mit sich bringt.
Gesünder wäre einer Übersichtsarbeit zufolge aber wohl eine permanente Standardzeit, oft Winterzeit genannt. Vor allem das morgendliche Licht sei wichtig, um die innere Uhr, den Schlaf und die Stimmung zu stabilisieren, erläutern die Forschenden im Fachmagazin «Canadian Medical Association Journal». Das Team um Raymond Lam von der University of British Columbia in Vancouver in Kanada hatte zahlreiche wissenschaftliche Studien analysiert.
Eselsbrücken zur Zeitumstellung
Wer sich nicht merken kann, wann die Uhr vor- und wann sie zurückgestellt wird, für den gibt es verschiedene praktische Eselsbrücken. Zum Beispiel die Gartenmöbel-Regel: Im Frühling stellt man die Möbel vor die Tür, im Herbst stellt man sie in den Schuppen zurück. Einfach geht es auch auf Englisch: Im spring (Frühjahr) springt der Zeiger eine Stunde vor, im fall (Herbst) fällt der Zeiger zurück.
Beliebte Sommerzeit mit gewichtigen Nachteilen
«Der Reiz einer dauerhaften Sommerzeit ist leicht nachvollziehbar: Die Menschen schätzen es, wenn es nach Feierabend oder Schulschluss noch länger hell ist», erklärte Mitautor Patrick Baylis von der University of British Columbia in Vancouver. «Diesen Vorteilen am Abend stehen jedoch Erkenntnisse gegenüber, die eine spätere Sonnenzeit mit weniger Schlaf, geringerer Produktivität und schlechteren schulischen Leistungen in Verbindung bringen.»
Die Autoren verweisen darauf, dass grosse Schlaf- und Chronobiologie-Fachgesellschaften für den Fall einer Abschaffung der Zeitumstellung eine dauerhafte Standardzeit empfehlen. Morgenlicht helfe, die innere Uhr mit dem 24-Stunden-Tag zu synchronisieren, während abendliches Licht sie nach hinten verschiebe. Eine permanente Sommerzeit hätte im Winter zudem den Nachteil, dass die Wege zur Schule oder zur Arbeit und auch der Beginn der Haupttagesaktivität generell länger im Dunkeln stattfinden würden, argumentieren die Studienautoren.
Schlechte Erfahrungen mit der Sommerzeit
Für ihre Analyse zogen die Autoren auch Erfahrungen aus anderen Ländern heran. Die USA führten demnach schon einmal – während der Energiekrise 1974 – eine dauerhafte Sommerzeit ein, nahmen dies aber innerhalb eines Jahres wieder zurück. Als Gründe werden Widerstand gegen dunkle Wintermorgen und Sorgen um Kinder auf dem Schulweg vor Sonnenaufgang genannt. Auch Russland sei nach einer 2011 eingeführten dauerhaften Sommerzeit 2014 wieder davon abgekehrt, Chile habe einen entsprechenden Schritt aus dem Jahr 2015 ebenfalls rückgängig gemacht.
«Sollten sich Regierungen für die dauerhafte Sommerzeit entscheiden, müssen sie die Konsequenzen bereits vor dem ersten Winter einplanen – von sichereren Arbeits- und Schulwegen am Morgen und flexiblen Anfangszeiten bis hin zur Überwachung von Schlaf, psychischer Gesundheit und Verletzungsrisiken», so Mitautorin Alexandra Choi von der regionalen Gesundheitsbehörde Vancouver Coastal Health.
Welche dauerhafte Zeit würdest du bevorzugen?
Trump will Sommerzeit fürs Golfen
Ein prominenter Verfechter der dauerhaften Einführung der Sommerzeit ist US-Präsident Donald Trump. Ein von ihm genannter Grund: Golfer sollen länger Sonne zur Verfügung haben. Das Anliegen ist ihm so wichtig, dass er in einem Post auf seiner Truth-Social-Plattform den republikanischen Senator Tom Cotton heftig kritisiert.
Cotton blockiert im US-Senat laut Trump eine Abstimmung zur Abschaffung der Zeitumstellung. Der Präsident ging so weit, dass er im Post die Nummer von Cottons Handy veröffentlichte. Zugleich forderte er die Bürger von Cottons Bundesstaat Arkansas auf, Druck auf den Senator auszuüben.
Die Studie ist im Fachmagazin «Canadian Medical Association Journal» erschienen.
Jean-Claude Gerber (jcg) arbeitet seit 2005 für 20 Minuten. Er ist seit 2013 Leiter des Ressorts Wissen, History und Digital und seit 2020 Blattmacher.
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