– Diese fünf Medikamente waren in der Schweiz schon knapp

Für über 700 Medikamente gibt es aktuell Lieferengpässe in der Schweiz. Das zeigt die Plattform drugshortage.ch, betrieben von Spitalapotheker Enea Martinelli. Mit einer Volksinitiative will er den Bund dazu verpflichten, den seit Jahren andauernden Medikamentenmangel in der Schweiz zu bekämpfen. Die Initiative wurde diese Woche im Nationalrat beraten. Ein breites Bündnis aus der Gesundheitsbranche unterstützt sie.
«Ja zur medizinischen Versorgungssicherheit» – darum geht es
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Knappe Impfstoffe, fehlende Antibiotika, nicht lieferbare Medikamente auf Rezept: Die Versorgungsschwierigkeiten der letzten Jahre standen nach der Pandemie dieser Volksinitiative Pate. Sie will den Bund in den Lead nehmen für die sichere Versorgung mit Heilmitteln und medizinischen Gütern. Unter anderem soll der Bund:
- die Herstellung von Heilmitteln in der Schweiz fördern
- Patientinnen und Patienten den raschen Zugang zu Heilmitteln gewährleisten
- für wichtige Heilmittel oder Ausgangsstoffe genügend Vorräte sichern – gegen Bezahlung der beauftragten Unternehmen
- mit dem Ausland für sichere Lieferketten sorgen
Hinter der Initiative steht eine Gruppe von Ärzten, Tierärztinnen, Konsumenten, Apothekerinnen, Vertretern aus Forschung und Pharma. Die bisherigen Bemühungen des Bundes gingen ihnen zu wenig weit.
Der Bundesrat anerkennt die Stossrichtung der Initiative und macht einen Gegenvorschlag. Damit will er in der Verfassung verankern:
- Bund und Kantone setzen sich für die Versorgungssicherheit ein
- Der Bund überwacht die Versorgung
- Die nötigen Güter kann der Bund selbst beschaffen, herstellen oder herstellen lassen
- Wirtschaftliche Anreize für eine bessere Versorgung sind möglich
Zudem soll sich der Bund auch aussenpolitisch für eine bessere Versorgung einsetzen. Weitere kurz-, mittel- und langfristige Massnahmen sind getroffen oder geplant. Zum Beispiel ein Meldesystem, das Versorgungsengpässe frühzeitig erkennen lässt. Künftig sollen etwa die Zulassung von Medikamenten vereinfacht und der Import erleichtert werden.
Warum es aus Martinellis Sicht Massnahmen gegen Lieferengpässe braucht, zeigen Beispiele von betroffenen Medikamenten.
1. Bei Psychosen: Quetiapin
Quetiapin dämpft die Psyche. Ärztinnen und Ärzte verschreiben Tabletten mit Quetiapin unter anderem an Patientinnen und Patienten mit Psychosen. In niedrigen Dosen auch bei Schlafstörungen. Präparate mit Quetiapin sind in der Schweiz und auch international immer wieder von Lieferengpässen betroffen, wie drugshortage.ch zeigt und weitere Quellen bestätigen.
Über drugshortage.ch
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Spitalapotheker Enea Martinelli sammelt auf drugshortage.ch Daten über Lieferengpässe bei Medikamentenpackungen. Einen Grossteil der Daten bezieht er von einem Schweizer Grosshändler, der Gesundheitseinrichtungen mit Medikamenten beliefert.
Martinelli initiierte drugshortage.ch aus Unmut über den Bund: Dieser sammelt zwar Daten über Versorgungsengpässe und Lieferunterbrüche bei Medikamenten. Allerdings nur für lebenswichtige Arzneimittel. Martinelli führt auf seiner eigenen Plattform sämtliche Medikamente auf.
Zwar können dann andere quetiapin-haltige Medikamente noch verfügbar sein. Doch für Menschen mit einer psychischen Erkrankung kann die Umstellung auf ein anderes Präparat eine zusätzliche Belastung bedeuten. Etwa weil sich der Rhythmus ändert, in dem sie das Medikament einnehmen müssen.
2. Bei Bluthochdruck: Valsartan
Fachpersonen sprechen vom «Valsartan-Skandal»: Im Juli 2018 wurden in blutdrucksenkenden Medikamenten mit dem Wirkstoff Valsartan Verunreinigungen festgestellt. Die Verunreinigungen können bei der Herstellung entstehen. Hier passiert bei einem chinesischen Hersteller. Internationale Behörden haben den Fremdstoff als «wahrscheinlich krebserregend» eingestuft. Das Schweizer Heilmittelinstitut Swissmedic hat diverse Präparate vorsorglich zurückgerufen. Später ging eine EU-Behörde von einem geringen Krebsrisiko aus.
Gründe für Lieferengpässe bei Medikamenten
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Dass ein Medikament teilweise oder gar nicht lieferbar ist, kann viele Gründe haben. Unter anderem:
- Probleme bei der Herstellung des Wirkstoffs: Da gewisse Wirkstoffe nur von wenigen Firmen weltweit hergestellt werden, kann ein Problem bei einem einzelnen Hersteller zu Lieferengpässen auf der ganzen Welt führen.
- Wenn sich der Verkauf eines Medikaments in der Schweiz finanziell nicht lohnt, können Hersteller sich dazu entscheiden, ein Medikament in der Schweiz nicht mehr anzubieten.
- Bei steigender Nachfrage für ein Medikament kann es passieren, dass die Produktion nicht hinterherkommt. Die Produktion zu steigern kann Jahre dauern.
3. Bei Krebs: Cyclophosphamid
Das unter dem Namen Endoxan verkaufte Chemotherapie-Medikament wird unter anderem bei Tumorerkrankungen eingesetzt. Etwa bei Leukämie oder bei Tumoren in der Brust. Cyclophosphamid verhindert, dass sich Tumorzellen teilen und verbreiten. Seit Monaten gibt es Lieferengpässe bei verschiedenen Präparaten. Der Bund führt Cyclophosphamid-Medikamente in der Liste der fehlenden lebenswichtigen Medikamente auf. Grund für den Lieferengpass sind Mängel beim weltweit grössten Hersteller. Dieser sitzt in Indien.
4. Bei Angstzuständen: Lorazepam
Lorazepam ist ein weitverbreitetes Beruhigungsmittel. Es wird etwa bei Angst- und Panikstörungen verschrieben, aber auch gegen akute anhaltende Epilepsieanfälle. Auch Lorazepam war in den vergangenen Jahren immer wieder von Lieferengpässen betroffen. Mit ein Problem: Lorazepam kann abhängig machen, bei hohen Dosen schon nach wenigen Wochen. Nimmt ein Patient oder eine Patientin das Medikament schon länger regelmässig ein und ist dann gezwungen, dieses abzusetzen, drohen Entzugssymptome. Der Wechsel auf ein anderes Medikament kann mit Nebenwirkungen verbunden sein. Es braucht eine Absprache mit einer Ärztin oder einem Arzt.
5. Bei Harnwegsinfekten, Lungenentzündung oder bakteriellem Durchfall: Amoxicillin
Sie sind ein Sorgenkind der modernen Medizin: die Antibiotika. Während Bakterien zunehmend resistent gegen Antibiotika werden, kommt es regelmässig zu Antibiotika-Lieferengpässen. Etwa beim Amoxicillin. Der Wirkstoff wäre eine Allzweckwaffe gegen verschiedenste bakterielle Erkrankungen, bei Erwachsenen und bei Kindern. Doch Daten auf drugshortage.ch zeigen, dass es seit Jahren immer wieder zu Lieferengpässen kommt.
Was hat der Nationalrat besprochen?
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Der Nationalrat empfiehlt dem Volk ein Nein zur Volksinitiative «Ja zur medizinischen Versorgungssicherheit». Ja sagt er hingegen zum direkten Gegenentwurf des Bundesrats.
Fünf der sechs Fraktionen in der Grossen Kammer waren sich einig, dass die Initiative zwar ein echtes Problem anpacke. Der Gegenvorschlag des Bundesrats sei aber besser, weil er zielgerichteter als die Volksinitiative sei. Abgelehnt wurde der Gegenvorschlag des Bundesrats aber von der SVP-Fraktion, welche auch gegen die Volksinitiative eintrat.
Als Nächstes gehen die Initiative und der Gegenentwurf in den Ständerat.
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