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Thursday, August 20, 2026

40'000 historische Schuhe – Bally vor dem Aus: Was wird aus der Firmen-Schatzkammer?

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Am Bahnhof im solothurnischen Schönenwerd steht ein riesiges Outlet-Center. Danach kommt erst einmal nicht so viel: kleine Arbeitersiedlungen, moderne Mehrfamilienhäuser, ein Coop. Gut 5'000 Menschen leben hier – eine typische Agglo-Gemeinde.

Eigentlich ist hier wenig los, aber wenn es um den drohenden Konkurs der Schweizer Schuhfirma Bally geht, dann gibt es hier etwas zu erfahren.

Bewegte Geschichte

Auf einem ehemaligen Bally-Fabrikareal, im Haus 7, hat die Stiftung Ballyana einen Ausstellungsraum errichtet. Hier steht eine Sohlen-Durchnähmaschine von 1870. An den Wänden hängen bunte Bally-Werbeplakate, ein kleiner Ausschnitt des grossen Bally-Archivs.

Gesammelt haben Eigentümer und Belegschaft viel, sagt Philipp Abegg, Stiftungspräsident und selbst ein Bally-Nachfahre: Briefe, Firmenzeitschriften, Fotografien, Filme und natürlich Schuhe. Nur, die fehlen hier in der Ausstellung.

Rund 40'000 Paar erstklassiger Bally-Schuhe lagern gleich nebenan: Damen-Stiefeletten mit dem berühmten Elastikband von 1875 oder Schlangenleder-Pumps aus dem Jahr 1928 liegen sorgsam aufgereiht in Glasschränken, komplett abgeschottet von der Aussenwelt.

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  • Bild 1 von 9. Stiefelette mit Elastikeinsatz (um 1875). Da die Firma Bally schon vor der Schuhproduktion elastische Bänder herstellte, galten solche Modelle mit elastischen Geweben als «raison d’être» des Bally-Schuhs. Bildquelle: Sammlung Bally Schuhfabriken / Nicole Hänni.

    Schwarzer viktorianischer Stiefel mit hohem Absatz auf grauem Hintergrund.
  • Bild 2 von 9. «Pantoffel» aus rotem Samt (1908). Wie für alle Schuhe der Bally- Sammlung existiert auch für dieses Exemplar eine Registerkarte aus der Produktionszeit. Die Karte für diesen roten Samtschuh enthält den Vermerk: «Für alle Länder, speziell England». Bildquelle: Sammlung Bally Schuhfabriken / Nicole Hänni.

  • Bild 3 von 9. Schnürbottine (1920). Bis 1920 war die Bottine der Standard unter den Herrenschuhrn. Das Merkmal: ein halbhoher, den Knöchel deckenden Schaft, Danach setzten sich Modelle mit niederem Schaft («Halbschuhe») durch. Bildquelle: Sammlung Bally Schuhfabriken / Nicole Hänni.

  • Bild 4 von 9. Schlangenleder-Pumps (1928). Mit dem Leder von Schlangen, Echsen, Straussen oder Seehunden konnte eine elegante Wirkung erzielt werden. Die Verwendung solcher Lederarten war in der Zwischenkriegszeit beliebt. Später schränkten Regulierungen des Naturschutzes diese Nutzung ein. Bildquelle: Sammlung Bally Schuhfabriken / Nicole Hänni.

  • Bild 5 von 9. Schnürschuh Derby (1939). Das elegante Herrenmodell wurde angefertigt im Hinblick auf die Landesausstellung 1939. Es besteht aus braunem Kalbsleder mit Ziernähten, eine dreifache Ledersohle mit Metallbeschlägen. Bildquelle: Sammlung Bally Schuhfabriken / Nicole Hänni.

  • Bild 6 von 9. Kriegsschuh aus Ersatzstoffen (1942). Wähernd des Zweiten Weltkriegs wurden die Rohmaterialien, vor allem Leder und Gummi, knapp. Die Armee beanspruchte das Material für sich, sodass der Import fast unmöglich wurde. Bally musste die Schuhfabrikation auf Ersatzmaterialien umstellen. Bildquelle: Sammlung Bally Schuhfabriken / Nicole Hänni.

  • Bild 7 von 9. «Bally Sporty» (1951). Ein Schnürschuh aus braunem Kalbsleder. Dekoriert ist er mit sechs Ziernähten. Wie die meisten Bally-Schuhe hat auch dieses Modell eine hochwertige Rahmennaht. Bildquelle: Sammlung Bally Schuhfabriken / Nicole Hänni.

  • Bild 8 von 9. «Bally Granados» (1955). Schwarzes Kalbsleder mit weisser Einfassung. Sohle und Schaft sind verklebt. Die Methode ersetzte das Vernähen und ermöglichte damit die Herstellung leichterer Schuhe,. Bildquelle: Sammlung Bally Schuhfabriken / Nicole Hänni.

  • Bild 9 von 9. «Bally Madeleine» (1964). Um derart feine und hohe Pumps stabil am Fuss zu halten, brauchte es eine Versteifung zwischen Absatz und Fussballen. 1958 lancierte Bally das patentierte «Ponte-Gelenk» aus Kunststoff, es war leicht und erhöhte den Tragkomfort. Bildquelle: Sammlung Bally Schuhfabriken / Nicole Hänni.

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Mehr darf die engagierte Archivarin der Presse nicht sagen. Die wertvolle Sammlung und das umfangreiche Archiv sind Firmeneigentum. Doch die Zukunft des hochverschuldeten Schuhhauses ist ungewiss.

Bally-Konkurs: Was bisher geschah

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Im Mai schloss Bally fast alle Schweizer Filialen bis auf die Boutique in St. Moritz. Allen verbliebenen Mitarbeitenden der Schuhfabrik im Tessiner Caslano wurde gekündigt.

Möglicherweise plante der aktuelle Bally-Eigentümer, Michael Reinstein von der US-Investmentfirma Regent LP, das Unternehmen gezielt zu zerschlagen: den kostbaren Markennamen retten, während Produktion und Schulden in den Konkurs laufen. Reinstein ist bekannt für dieses Vorgehen. Doch Tessiner Richter blockierten den geplanten Markenverkauf.

Zuletzt kündigte Roberto Martullo, Besitzer der Schuhmarke Künzli, an, die Traditionsmarke vollständig übernehmen und die Produktion in der Schweiz retten zu wollen. Regent lehnte das Angebot jedoch ab.

Bis Mitte Oktober tickt die Uhr, dann endet die Nachlassstundung, eine Vorstufe des Konkurses. In dieser Zeit steht das hochverschuldete Unternehmen unter der Aufsicht des Konkursamts Lugano.

In den 1970er-Jahren geriet Bally in unzählige Identitätskrisen. CEOs wechselten, Bally war mal ein Luxus-Start-up, mal ein Streetwear-Label. Verlass war nur auf die jährlich neuen Schuhkollektionen.

Geht es nach Philipp Abegg, haben wir es beim Bally-Firmenarchiv mit einer der «grössten und schönsten industriehistorischen Sammlungen in Mitteleuropa» zu tun. Seine Stiftung hat eine «Kriegskasse» angelegt, damit, wenn es schnell gehen muss, eine Finanzierung des Archivs bereitgestellt ist.

Ein Rettungsversuch kommt auch vom Kanton Solothurn. Er hat die Sammlung für ein Jahr unter Schutz stellen lassen. In dieser Zeit darf sie weder verschoben noch verkauft werden. Möglich macht dies ein Gesetz, das – im Gegensatz zu anderen Kantonen – auch bewegliche Kulturgüter wie Archive schützt.

Am liebsten würde der Jurist Philipp Abegg mit dem Kanton und der Firma eine neue Stiftung gründen. Bally besässe weiterhin die Marken- und Designrechte, das Archiv und die Schuhsammlung jedoch gingen an die Stiftung über.

Mehr als Schuhe

Es ist ein Versuch, die Verantwortung für das Erbe eines Stücks Schweizer Industriegeschichte, neu zu verteilen. «Wir als Industriemuseum haben es bisher nicht geschafft, in den Rang eines anerkannten Kulturguts zu kommen. Uns fehlt die Unterstützung der Eidgenossenschaft und der Öffentlichkeit», sagt Abegg.

Schutz von Industriedenkmälern in der Schweiz

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Im Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz von 1966 sind Industriedenkmäler nicht explizit erwähnt, gelten aber je nach Auslegung als schützenswertes Kulturgut. Eine Standseilbahn im Wallis von 1919 etwa oder die SBB-Hauptwerkstätten in Zürich stehen unter kantonalem Schutz.

Das öffentliche Interesse für Denkmalschutz ist nicht bei allen Kulturgütern gleich stark vorhanden. Pompöse Schlösser und Kathedralen, hübsche Altstädte und rustikale Bauernhäuser haben es leichter als stillgelegte Kraftwerke und Fabrikareale.

Seit ein paar Jahren gibt es in der Wissenschaft und Denkmalpflege immer mehr Bestrebungen, für den Wert und die Geschichte von Industriebauten zu sensibilisieren.

Im Fall der Bally-Schuhsammlung geht es aber nicht nur um ein Designvermächtnis. Erzählt wird auch vom harten Fabrikalltag – besonders Frauen standen am Fliessband, vom fragwürdigen Kauf einer jüdischen Tochterfirma in Wien im Jahr 1938 und von einer bekämpften Gewerkschaft.

Wie kann dieses Erbe bewahrt werden? Vielleicht bietet der Aufschrei zum drohenden Bally-Ende auch eine Chance, ein Stück Schweizer Industriegeschichte stärker ins Bewusstsein zu rücken. Ganz nach dem einstigen Slogan: «Bally für alli – alli für Bally.»

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