Ende von „Chicken Shop Date“: Zoom auf das frittierte Huhn

Kaum jemand kann Stars so gut aus der Reserve locken wie Amelia Dimoldenberg. Jetzt hört sie mit ihrem Interviewformat auf. Was macht sie so erfolgreich?
Foto: Screenshort: Youtube
Die blonden Haare sitzen perfekt, das Make-up betont ihre blauen Augen. Amelia Dimoldenberg ist ein wenig overdressed für das Date. Sie setzt sich an den kleinen rot-weißen Imbisstisch, vor ihr wirbt ein Aufsteller mit „Crispy Fried Chicken“, sie schaut an der Kamera vorbei, atmet aus. „Ich glaube, wir müssen reden.“
Doch worüber?
Nach 12 Jahren beendet die Comedian eines der beliebtesten Interview-Youtube-Formate Großbritanniens. 3,45 Millionen Menschen folgen ihrem Kanal. „Chicken Shop Date“, die Idee, Prominente in dem britischen Äquivalent zur Dönerbude zu treffen, gilt als Vorreiter für viele aktuellen Youtube- und Tiktok-Formate. Was macht den Charme von „Chicken Shop Date“ aus und warum wird es so erfolgreich kopiert?
„Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich die fantastische Idee, die Liebe meines Lebens in einem Chicken Shop zu finden“, schreibt Dimoldenberg in ihrem Abschiedsbrief auf Instagram. Ihr Format begann als Kolumne in einem Magazin eines Londoner Jugendclubs. Drei Jahre später filmte sie ihr erstes Youtube-Video. Ein Interview mit dem britischen Grime-Rapper Ghetts. Waren es in den ersten Jahren mehrheitlich Rapper aus Großbritannien, weitete sich das Format in den vergangenen Jahren auf Schauspieler*innen, Sportler*innen und Internetpersönlichkeiten aus UK und USA aus.
„Ich war ein sehr realitätsferner Teenie, ich dachte, es bräuchte ein halbes Jahr, bis die großen Stars bei mir sitzen würden“, erzählt sie in einem aktuellen Radio-Interview. Und dieses Selbstbewusstsein spürt man von Sekunde eins an. Dimoldenberg organisierte die ersten Youtube-Videos allein. Vom Konzept bis zur Umsetzung. „Ich arbeitete damals bei einem Dreh für ein Musikvideo mit und fragte den Kameramann, ob er mir helfen könnte, mein Interview nach der Arbeit zu filmen“, kommentiert sie unter ihrem ersten Chicken Shop Date.
Dunkel und wackelig
Die ersten Videos haben genau diesen DIY-Charme. Im Interview mit Ghetts ist Dimoldenbergs Mikro nicht an, ihre Stimme hallt von den Wänden. Es ist dunkel, ein wenig wackelig. Dimoldenberg erfand mit 20 Jahren ein Youtube-Format, das ihr Jahre später zu enormem Erfolg in der Unterhaltungsbranche verhalf und sich bis heute, 12 Jahre später, kaum veränderte. Sie trifft ihre „Dates“ in Chicken Shops, isst Pommes und Nuggets und stellt ihren Gästen, ohne eine Miene zu verziehen, private Fragen.
Ghetts: „Ich liebe Katzen, sie springen so hoch.“
Amelia: „Was würdest du sagen, ist dein Typ?“
*Schnitt*
*Zoom auf das frittierte Huhn*
Das Format ist über die Jahre so erfolgreich geworden, weil keine den Spagat zwischen Professionalität und Flirt so gut schafft wie die Britin. Sie hält peinliche Stille aus, hat immer ein gutes Comeback, ignoriert die verwirrten Blicke ihrer Gäste und schneidet in den unpassendsten Momenten Aufnahmen aus dem Chicken Shop ein, mal baden die Pommes in heißem Öl, mal posiert der Mitarbeiter mit gekreuzten Armen vor seiner Küche. Keine Musik, kein ersichtlicher Zusammenhang.
Dimoldenberg beharrt selbst darauf, dass es kein journalistisches Format ist, sondern „die Möglichkeit, die Liebe meines Lebens in einem Hähnchenladen zu finden“. Am schönsten ist es, zu sehen, wenn ein Date mitspielt, sich auf sie und die akwardness einlässt und Dimoldenberg aus ihrer Rolle lockt. Schauspieler Andrew Garfield zum Beispiel nahm das Date scheinbar ernster als Dimoldenberg selbst. „Wir hatten bei unseren früheren Treffen schon eine Spannung“, sagt er. „So stark, dass du angefangen hast, mich zu meiden“, antwortet Dimoldenberg trocken.
Stars von der privaten Seite
Für die Fans ist es der Moment, den Star von einer vermeintlich privateren Seite zu sehen. Wie sie sich wohl auf Dates verhalten? Schauspieler Paul Mescal kichert wie ein kleiner Junge, wenn Dimoldenberg ihn „traurig und sexy“ nennt. Sängerin Billie Eilish zeigt sich genervt, als sie erfährt, dass Dimoldenberg danach noch auf ein anderes Date gehen will.
Statt die Poster an der Wand und die Bilder im Netz anzuhimmeln, gibt „Chicken Shop Date“ den Fans das Gefühl, ihrem Idol auf Augenhöhe näherzukommen. Wären nicht alle mal gern auf der anderen Seite des Tisches? Tief im Gespräch mit einem Star? Lasziv an einem Nugget knabbernd?
Einen unerwarteten Hype erhielt das Format durch den britisch-US-amerikanischen Journalisten Louis Theroux, der in seinem Interview einen Song aus einer seiner Dokumentationen rappt. („My money don’t jiggle jiggle“). Ein DJ-Duo remixte den Rap, es wurde eines der erfolgreichsten Memes des Jahres auf Tiktok und Instagram.
Tikotok war auch darüber hinaus ausschlaggebend für den Erfolg von „Chicken Shop Date“. Das Format erreichte durch Ausschnitte, die auf Social Media geteilt wurden, ein neues Publikum. Eines der beliebtesten Videos, ein Date mit dem US-Rapper Jack Harlow, war laut Dimoldenberg der Beginn ihres Erfolgs in den USA. Harlow verzauberte sie von Sekunde eins, es war, als würde man einem Jungen auf dem Schulhof dabei zu schauen, wie er das Mädchen, das er insgeheim mochte, ärgerte. Dimoldenberg, ganz in der Rolle, verzog keine Miene.
H: „Kennst du diese kleinen Büchereien an der Straßenseite, wo man ein Buch rausholt und ein anderes reinstellt? Ich habe das nie gemacht, aber laufe gern vorbei.“
D: „Kannst du lesen?“
H: „Was zur Hölle?“
D: „Sorry, ich meinte, liest du gern?“
Die Nachahmer*innen
Es sind diese sehr ungeplanten Einblicke in das Leben der Stars, die die Zuschauer*innen an ungewöhnlichen Interviewformaten lieben. Dimoldenberg war nicht die Erste, die das verstand. Der Entertainer James Corden fuhr mit Stars durch London und sang gemeinsam mit ihnen ihre Songs. „Carpool Karaoke“ gehört zu einem Pflichttermin vieler Promis. Auch in den USA gibt es Interviewformate, die mehr Challenge als Pressetermin sind.
Sean Evans isst mit seinen Gästen Chicken Wings, die in verschieden scharfe Soßen gedippt werden. Sängerin Sabrina Carpenter dachte sogar in ihrem „Chicken Shop Date“ es handle sich um die Soßen-Show „Hot Ones“.
In Deutschland dauerte es vergleichsweise lang, bis die ersten Nachahmer*innen ihre Videos veröffentlichten. Die trockene, ironische Art versuchten sowohl Youtuberin Mirella Precek mit „Café Cringe“ als auch die Comedian Marie Lina Smyrek auf Instagram mit ihren Interviewformaten zu kopieren. Das Format „Take Me Späti“ übernimmt sogar die komplette Idee eines Dates mit Promis. Doch an das Original kommt nichts davon ran. Dimoldenberg bleibt ein Ausnahmetalent, cool und enorm schlagfertig, egal, wer vor ihr sitzt.
Paul McCartney habe während seines „Dates“ zu ihr gesagt, dass sie ihn auch zu seinem Album befragen könne. Auch darauf hatte die Comedian natürlich das beste Comeback: „Sorry, es ist nicht diese Art von Show.“
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