Übergriffe im Pfarrhaus – Reformierte Kirche entschuldigt sich – Betroffene fordert mehr

Der mutmassliche Übergriff geschah an einem Vormittag Mitte der 1990er-Jahre in einem Zürcher Pfarrhaus in Winterthur. Sandra M.*, damals eine junge Lokaljournalistin, trifft den angesehenen Pfarrer zum Interview. Nach dem Gespräch eskaliert die Verabschiedung unvermittelt: «Er packte mich an der Schulter, drückte mich gegen die Wand und versuchte, mich zu küssen. Ich hatte einen Schock und merkte, wie er stöhnt», schildert Sandra M. im Gespräch mit SRF.
Als er versucht, ihre Bluse zu öffnen, kann sie sich losreissen und fliehen. Zur Polizei geht sie damals nicht: «Mir war klar: Niemand hätte mir geglaubt. Er war ein allseits beliebter Pfarrer.»
Hass und Vorwürfe nach ersten Medienberichten
Erst rund zehn Jahre später meldet sich Sandra M. bei der Zeitung «Landbote», nachdem auch andere Betroffene Vorwürfe erheben. Doch statt Aufklärung erfährt sie Gegenwind: «Was danach passierte, hat mich richtig traumatisiert. Heute würde man sagen, es gab einen Shitstorm.» In Leserbriefen heisst es, sie bilde sich das nur ein. Die Kirchenleitung wiegelt damals ab und kommt zum Entschluss, es habe an «professioneller Distanz» gefehlt.
Eine interne Untersuchung bricht der Kirchenrat 2007 kurzerhand ab – weil der Seelsorger von sich aus kündigt. Damit ist der Fall für die Landeskirche juristisch erledigt. Der Pfarrer zieht weiter in die Westschweiz, tritt eine Stelle in Genf an und arbeitet bis zu seiner Pensionierung vor rund zehn Jahren weiter.
«Strukturell hat sich nichts geändert»
Nun, rund 30 Jahre nach den ersten Vorfällen, bittet die Zürcher Landeskirche die Opfer öffentlich um Entschuldigung. Sie räumt ein, dass mindestens zehn Frauen Übergriffe erfahren hätten und man die Verantwortung nicht wahrgenommen habe. Zudem berät das Schweizerische Kirchenparlament im November über finanzielle Entschädigungen.
Für Sandra M. ist die Anerkennung des Unrechts zwar ein wichtiger Schritt – aber kein Schlussstrich: «Strukturell hat sich nichts geändert. Was mir fehlt: Was passiert heute, wenn sich wieder ein Pfarrer so verhält?» Sie kritisiert zudem, dass die reformierte Kirche im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche vor allem auf interne Aufarbeitung setzt, statt unabhängige externe Untersuchungen zuzulassen.
Zürcher Kirchenratspräsidentin erschüttert
Die Kirchenratspräsidentin der reformierten Kirche des Kantons Zürich, Esther Straub, hat sich die Schilderungen der Betroffenen ebenfalls angehört und zeigt sich im SRF-Interview erschüttert: «Dass ein Pfarrer gewaltsam auf eine Frau losgeht und sie bedrängt – das schreit zum Himmel.»
Die Einstellung des Verfahrens 2007 sei zwar rechtlich korrekt gewesen, die Kirche habe damals aber schwer versagt, weil sie die Untersuchung nicht transparent gegenüber Betroffenen und Öffentlichkeit abgeschlossen habe. «Dadurch hat man Opfer zu Tätern gemacht. Das war eine Retraumatisierung.»
Heute sei die Landeskirche besser aufgestellt. Mit festen Meldestellen, klaren Schutzkonzepten und einem Informationsaustausch zwischen den Kantonen soll verhindert werden, dass Täter unbemerkt weiterziehen.
*(Name der Betroffenen geändert)
Die Bemühungen der reformierten Kirche Zürich erachte ich als glaubhaft. Sie haben beispielsweise seit mehreren Jahren ein umfassendes Schutzkonzept. Zum Vergleich: Auf nationaler Ebene der Evangelischen Kirche Schweiz hat das Kirchenparlament erst letztes Jahr darüber abgestimmt.
Sowohl national als auch kantonal sehe ich aktuell Menschen in der Verantwortung, die das Thema der körperlichen und spirituellen Integrität ernst nehmen und Bedürfnisse der Betroffenen an erster Stelle setzen.
Während die Römisch-Katholische Kirche schon seit Längerem an der wissenschaftlichen Aufarbeitung dran ist, läuft seit diesem Herbst endlich auch bei den Reformierten eine Studie. Sie kommt spät, aber Ergebnisse sollen nächstes Jahr vorliegen.
Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 23.10.2026, 12:03 Uhr ; hugk;ledn;liea
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