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Friday, October 9, 2026

Lehren aus dem Crash von 1929 – Schulden und FOMO bringen Börsen öfter ins Schlingern – seit 1929

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Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren insbesondere in den USA von Aufbruch geprägt, in der Musik beispielsweise, aber auch beim Konsum. Waren Kredite vor dem Ersten Weltkrieg noch verpönt, so habe sich das 1919 grundlegend geändert, sagt Andrew Ross Sorkin, Finanzkolumnist der «New York Times».

Wir können den Leuten Geld leihen, damit sie Aktien kaufen.

«General Motors wollte mehr Autos verkaufen und begann deshalb, den Leuten Geld zu leihen. Detailhändler begannen, dasselbe für Haushaltsgeräte anzubieten. Und dann sagte Charlie Mitchell, der CEO der National City Bank, die später zur Citigroup wird: ‹Okay, wir können den Leuten Geld leihen, damit sie Aktien kaufen.›»

Älterer Mann in einem Anzug sitzt vor einem Tisch mit einem Mikrofon.
Legende: Mitchell war 1929 der Chef und Präsident der National City Bank, der grössten Bank in den USA. Nach dem Crash war er in den 1930er-Jahren das Ziel von umfangreichen Untersuchungen. (Bild: Charles E. Mitchell vor einem Ausschuss im Dezember 1939) IMAGO/Everett Collection

In seinem kürzlich veröffentlichten Buch zeichnet Andrew Ross Sorkin, Finanzkolumnist der «New York Times», anhand der wichtigsten Akteure von damals nach, wie es zum Schwarzen Donnerstag und danach zum Schwarzen Dienstag gekommen war und was danach geschah.

Menschenmenge vor einem grossen Gebäude mit Säulen und einer Statue.
Legende: Am 24. Oktober 1929 versammelten sich Menschenmengen auf den Stufen des Sub-Treasury-Gebäudes gegenüber der New Yorker Börse. KEYSTONE/THE GRANGER COLLECTION

Nach jahrelangen Kursgewinnen zeigte sich im Herbst 1929, dass viele Unternehmen zu viel produzierten. Die Gewinne blieben aus. Aktienkurse begannen zu sinken. Am 24. Oktober, dem Black Thursday, kam es zu Panikverkäufen an der Wall Street. Der Aktienmarkt brach ein.

Fünf Tage später, am Black Tuesday, kam der endgültige Kollaps. Der Absturz der Börsenkurse im Oktober 1929 war eine Zäsur. Die Regierungen in den USA und andernorts unterschätzten die Folgen zuerst und waren später überfordert. Millionen Menschen verloren Job und Heim. Hunderte Banken meldeten Konkurs an.

Erst kurz vor oder während des Zweiten Weltkriegs fanden viele Länder, unter ihnen auch die Schweiz, aus der Krise. Der Dow-Jones-Index brauchte 25 Jahre, bis er 1954 erstmals nach dem Crash wieder das Niveau von 1929 erreichte.

Der Crash selbst habe zwei simple Gründe gehabt, meint Andrew Ross Sorkin: «Verschuldung, gepaart mit FOMO – fear of missing out –, also der Angst vieler, etwas zu verpassen. Ich denke, jede grössere Krise, die wir je hatten, war das Ergebnis von FOMO und zu viel Leverage im System.» Mit Leverage meint Ross Sorkin die Hebelwirkung, die entsteht, wenn grosse oder kleine Investoren Kredit aufnehmen, um zum Beispiel mehr Aktien zu kaufen. Sie hoffen auf entsprechend mehr Gewinn, gehen aber auch ein erhöhtes Risiko ein.

Schutzplanken wurden auf- und wieder abgebaut

1929 war der Finanzmarkt noch kaum reguliert. Unternehmen, die sich an der Börse kotieren liessen, mussten nur rudimentäre Transparenzvorschriften einhalten. Kredite waren kaum an Bedingungen geknüpft. Es existierten weder Vorschriften zum Eigenkapital von Banken noch zum Insiderhandel.

Die Fed war noch jung und sie befürchtete, vom Kongress wieder abgeschafft zu werden.

Nach dem grossen Crash stellte die US-Regierung strengere Regeln auf: Mit der SEC setzte sie eine Aufsicht ein. In der Schweiz nahm 1934 die eidgenössische Bankenkommission, die Vorgängerin der heutigen Finma, die Arbeit auf.

Damals sei die Rolle der Zentralbank Fed – ähnlich wie heute – heftig diskutiert worden, meint Andrew Ross Sorkin: «1929 wusste die Fed, dass der Markt ausser Kontrolle geraten war. Sie wusste, dass es zu viel Spekulation gab. Aber die Fed war noch jung, und sie befürchtete, vom Kongress wieder abgeschafft zu werden, wenn sie versuchen würde, die Spekulation durch zu starke Zinserhöhungen im Keim zu ersticken.»

Aufstieg, Absturz, Erholung

Die Nachkriegszeit bringt dem zerstörten Deutschland ein Wirtschaftswunder und vielen Industrieländern, auch der Schweiz, mehrere Jahrzehnte mit beträchtlichem Wirtschaftswachstum.

Die Aktienkurse bewegen sich lange Zeit nur in eine Richtung, aufwärts, und das immer schneller. Am 19. Oktober 1987, fast sechzig Jahre nach der Weltwirtschaftskrise, folgt die erste grössere Korrektur: Der Dow Jones stürzt um über 20 Prozent ab an einem einzigen Tag.

Nach einer vergleichsweise kurzen Flaute steigen die Kurse wieder. Auch die sogenannte Dotcom-Krise im Jahr 2000, die Finanzkrise von 2007 und schliesslich die Coronakrise von 2020 liessen die Börsen zum Teil massiv einbrechen.

Die Folgen für die Realwirtschaft aber seien nie mehr so gravierend gewesen wie 1929, bestätigt der liberale Ökonom und frühere Finanzminister des deutschen Bundeslandes Sachsen-Anhalt, Karl-Heinz Paqué: «Man gab sich die Instrumente, sodass sowohl die finanzpolitischen Instanzen, die Staaten als auch die Zentralbanken relativ grosszügige keynesianische Stabilisierungsmassnahmen ergreifen konnten.»

Gefährliche Parallelen zu den Goldenen Zwanzigern

Heute wachse ähnlich wie in den 1920er-Jahren die Zahl der Menschen, die mit geliehenem Geld in Aktien investierten, wieder stark an, stellt Andrew Ross Sorkin fest: «Die Trump-Regierung hat Anlegern den Zugang zu Dingen wie Risikokapital, Private Equity und Privatkrediten erleichtert – zu Instrumenten also, die in der Vergangenheit als viel zu riskant für den durchschnittlichen Anleger galten.»

Sprich: Verschiedene Schutzplanken, die nach der Weltwirtschaftskrise errichtet wurden, sind in letzter Zeit wieder demontiert worden.

Der liberale Ökonom Karl-Heinz Paqué warnt zudem, dass viele Staaten angesichts ihrer hohen Schulden weniger gut als in der Vergangenheit in der Lage sein würden, die Auswirkungen eines Börsencrashs abzufedern.

Andere eher links orientierte Wirtschafts­wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler widersprechen. Sie halten eine hohe Staatsverschuldung für unproblematisch. Solange ein Staat in der eigenen Währung Geld aufnehme, könne er für das Bezahlen der Zinsen ohne Einschränkung selbst Geld drucken, so die Argumentation.

Die Schweiz traf es damals spät, aber hart

Die Schweiz hält der deutsche Ökonom Karl-Heinz Paqué für vergleichsweise gut gerüstet. Das Land bringe heute gute Voraussetzungen mit. Erstens habe sie immer eine sehr niedrige Inflationsrate gehabt. Zweitens sei der Schweizer Franken seit Langem ausserordentlich stabil. «Und drittens hat die Schweiz eine Schuldenbremse, die auch einigermassen eingehalten wird und die eine Glaubwürdigkeit in der Finanzpolitik garantiert.»

In den 1930er-Jahren war das anders. Anfangs spürte die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung den Crash von 1929 kaum. Die Exporteure verloren zwar rasch Bestellungen aus den USA und anderen Ländern. Das Baugewerbe aber florierte dank der hohen Nachfrage nach Wohnungen und kompensierte den Rückgang.

Wenn man die Gesamtbilanz anschaut, dann hat die Schweiz schlechter abgeschnitten als westeuropäische und die skandinavischen Länder und sogar ein bisschen schlechter als die USA.

1932 dann erfasste die Krise auch die Schweiz. Unternehmen strichen massenhaft Stellen. Immer mehr Menschen wurden arbeitslos. Armut machte sich breit.

Bis Mitte der 1930er-Jahre stieg die Arbeitslosenquote auf rund 6.5 Prozent – ein auf den ersten Blick tiefer Wert angesichts der bis zu 25 und mehr Prozent Arbeitslosigkeit, die die USA und auch Deutschland verzeichneten. Dort seien das allerdings relativ kurze Spitzen gewesen, betont der Historiker Bernard Degen von der Universität Basel.

Ab Mitte der 1930er Jahre ging die Arbeitslosigkeit in den USA, aber auch in Deutschland unter anderem wegen der Aufrüstung stark zurück. In der Schweiz blieb sie beharrlich relativ hoch.

«Wenn man die Gesamtbilanz anschaut, dann hat die Schweiz zumindest schlechter abgeschnitten als westeuropäische und die skandinavischen Länder und sogar ein bisschen schlechter als die USA», stellt Bernard Degen fest.

Die Schweiz könnte in ein Dilemma geraten

Die politische Mehrheit setzte auf eine rigorose Sparpolitik. Die Wirtschaft stützende Massnahmen waren verpönt, und die Nationalbank weigerte sich lange, den Franken abzuwerten.

Wenn die Schleusen der Geldpolitik und der Finanzpolitik weltweit geöffnet werden, würden die Schweizer Politik und die Zentralbank sofort in einen ganz schweren Konflikt geraten.

Heute würde die Politik früher und energischer eingreifen. Ganz isolieren könnte sich die Schweiz von einer neuen Weltwirtschaftskrise jedoch nicht, ist der Ökonom Karl-Heinz Paqué überzeugt. Wenn die grossen Zentralbanken die Märkte erneut mit Geld fluten würden, würde der Druck auf den Schweizer Franken wieder deutlich steigen, der Franken würde erstarken. «Dann würden die Schweizer Politik und die Zentralbank sofort in einen ganz schweren Konflikt geraten», glaubt Karl-Heinz Paqué, «entweder müsste sie eine gigantische Aufwertung des Schweizer Frankens in Kauf nehmen oder sie müsste sich dem inflationären Zug des Rests der Welt anschliessen.»

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