«Er war 24, ich 19»: Frauen teilen Erfahrungen sexueller Gewalt

- Eine ehemalige Cornell-Studentin wirft sieben Mitgliedern der Verbindung Chi Phi vor, sie 2024 unter Drogen gesetzt und sexuell missbraucht zu haben.
- Mit dem Hashtag #IAmJaneDoe überfluten Tausende Frauen Suchmaschinen, um die Identität der anonymen Klägerin zu schützen.
- Dabei teilen viele Frauen eigene Erfahrungen mit sexueller Gewalt – die Fachstelle Frauenberatung sexuelle Gewalt Zürich warnt aber auch vor Risiken des öffentlichen Teilens.
Ich bin Jane Doe.
Er war 19, ich 17.
Ich habe geschlafen und wurde «davon» geweckt.
Er war mein Freund.
Er heisst … (Name von der Redaktion entfernt).
Ich bin Jane Doe.
Er war 24, ich 19.
Ich habe dabei und danach geweint.
Soll mich nicht so anstellen.
Er hiess … (Name von der Redaktion entfernt).
Frauen teilen gerade Hunderte solcher Nachrichten in den sozialen Medien. Sie beschreiben darin sexuelle Übergriffe, die ihnen widerfahren sein sollen. Überprüft werden können die Fälle nicht. Hintergrund ist ein mutmasslicher Übergriff an einer US-Eliteuniversität. Eine ehemalige Cornell-Studentin wirft sieben Mitgliedern der Verbindung Chi Phi vor, sie 2024 unter Drogen- und Alkoholeinfluss sexuell missbraucht zu haben. Die Frau klagt als Jane Doe gegen die Männer und die Universität. Cornell schloss intern zwei Beschuldigte aus, andere erhielten mildere Sanktionen. Strafrechtlich gab es zunächst keine Anklage. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe.
Für Aufsehen sorgte auch US-Kommentator Michael Tracey. Er rief seine Follower auf X dazu auf, die Identität von Jane Doe herauszufinden, damit man ihre Glaubwürdigkeit beurteilen könne. Zugleich erklärte er, er wäre bereit, ihren Namen und weitere identifizierende Angaben zu veröffentlichen, falls ihm diese zugespielt würden.
Tausende Frauen solidarisierten sich daraufhin mit der anonymen Klägerin. Mit der Aktion #IAmJaneDoe wollen sie die Identität der Klägerin schützen, indem sie Suchmaschinen und KI-Anwendungen mit gleichlautenden Beiträgen überfluten, und teilen gleichzeitig eigene Erfahrungen mit sexueller Gewalt.
Betroffenen Kraft geben
Im deutschsprachigen Raum teilen Nutzerinnen auf X und Threads ebenfalls eigene Erfahrungen. Eine Frau erklärt die Bedeutung des Hashtags so: «#IamJaneDoe zeigt vor allem: Wir sind Jane Doe. Wir haben Geschichten.» Es gehe darum, dass «Betroffene Betroffenen Kraft geben».
Die Bewegung erinnert an #MeToo im Jahr 2017: Auch damals teilten Betroffene unter einem gemeinsamen Hashtag ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt. Andrea Hofmann von der Frauenberatung sexuelle Gewalt Zürich erklärt, für Betroffene könne es sehr wichtig sein zu sehen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein seien.
Wenn viele Frauen öffentlich über sexualisierte Gewalt sprächen, werde das Thema weniger tabuisiert, Betroffene könnten sich gesehen und gehört fühlen. Es entstehe «ein Raum, in dem Erfahrungen geteilt werden können, über die viele vielleicht lange geschwiegen haben». Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass sexuelle Gewalt häufig mit Scham- und Schuldgefühlen verbunden sei. Viele Betroffene fragten sich, ob sie etwas hätten anders machen müssen oder ob ihnen überhaupt geglaubt werde. Diese Dynamik betreffe auch Männer, bei denen das Thema teilweise sogar noch stärker tabuisiert sei.
Öffentliches Teilen von Erfahrungen birgt auch Risiken
Die Geschichten anderer könnten helfen, das Erlebte neu einzuordnen, so Hofmann weiter. Manche Menschen erkannten erst im Rückblick, dass eine Situation, die sie lange heruntergespielt oder als eigenes Fehlverhalten verstanden hätten, eine Grenzverletzung oder sexualisierte Gewalt gewesen sei. «Entscheidend ist, dass Betroffene Solidarität und Glauben erfahren.»
Das Teilen eigener Erfahrungen auf Social Media berge aber auch Risiken: Betroffene könnten öffentlich angezweifelt oder angefeindet werden. «In Kommentarspalten finden sich beispielsweise schnell Aussagen darüber, was eine Frau hätte anders machen sollen oder weshalb sie eine vermeintliche ‹Mitschuld› trage», heisst es von der Fachstelle. Genau solche Reaktionen könnten Scham- und Schuldgefühle verstärken und letztlich das Gegenteil bewirken.
Deshalb dürfe aus einer Solidaritätsbewegung kein zusätzlicher Druck entstehen, die eigene Geschichte ebenfalls öffentlich zu machen. «Zu schweigen oder die eigene Geschichte nur in einem geschützten Rahmen zu teilen, kann aber genauso eine selbstbestimmte Entscheidung sein.»
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
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Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
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