Ärzte-Kritik an Asklepios: Patientensicherheit in Gefahr?
Lange Wartezeiten, fehlende Betten, überlastete Ärzte in deutschen Notaufnahmen: Viele Patienten erleben ein System am Limit. Und zu oft ignorieren Politik und Klinikkonzerne die Hilferufe.
22.09.2026 | 33:27 minAm 8. Dezember des vergangenen Jahres greifen 15 Ärztinnen und Ärzte der Zentralen Notaufnahme der Asklepios Klinik Hamburg-Wandsbek zu einem drastischen Mittel: Sie schicken einen Brandbrief an ihre Geschäftsleitung und den Vorstand von Asklepios, um auf die "unhaltbaren Zustände in unserer Abteilung" aufmerksam zu machen. Auf drei Seiten schildern die Notfallmediziner ihre Not - und die ihrer Patienten.
In den vergangenen Monaten (....) haben sich die Bedingungen in der ZNA in einem Maße verschlechtert, das [sic] sowohl die Patientensicherheit, die Mitarbeitendengesundheit und die Versorgungsqualität ernsthaft gefährdet sind.
Aus dem Brandbrief der Asklepios-Ärzte
Sie schreiben, immer häufiger würden Patienten, die stationär aufgenommen werden müssten, teils bis zu 24 Stunden auf Notfalltragen versorgt, auf dünnen Gummimatratzen, ohne Privatsphäre. "Das ist würdelos, medizinisch unhaltbar und menschlich beschämend."
Zu der gefährdeten Patientensicherheit trage auch der "von kaufmännischer Seite erzeugte Bettendruck" bei. Das dreiseitige Schreiben an die Konzernführung liest sich wie ein Hilferuf.
Jede Minute zählt. Doch viele Notaufnahmen arbeiten längst am Limit. frontal inside blickt hinter die Recherche - zeigt, wie Personalmangel, Kostendruck und Überlastung Patienten gefährden kann.
22.09.2026 | 21:47 minAsklepios: Brandbrief als "konstruktiver Vorschlag"
In Hamburg ist Asklepios mit sieben Kliniken der größte Notfallversorger der Stadt, deutschlandweit der zweitgrößte private Klinikkonzern. Im vergangenen Jahr machte Asklepios rund 152 Millionen Euro Gewinn. Und das in einer Branche, die Kostendruck in Krankenhäusern und Verluste beklagt. Aber geht das wirklich, wie im Brandbrief aus der Notaufnahme formuliert, zulasten der Patientensicherheit?
Gesetzespläne von Gesundheitsministerin Warken sehen vor, dass Patientinnen und Patienten mit dringenden Anliegen künftig gezielter zu passenden Behandlungsangeboten kommen sollen.
22.04.2026 | 1:37 minEin Interview wollte Asklepios dazu nicht geben. Auf schriftliche Anfrage betont der Konzern, die ärztliche Klinikleitung in Wandsbek habe den Brandbrief aus dem vergangenen Dezember "als konstruktiven Vorschlag beurteilt" und Gespräche geführt, um Sofortmaßnahmen einzuleiten. Und Asklepios dementiert:
Vorwürfe, wir würden Gewinne zulasten von Mitarbeiter- und Patientenversorgung machen, sind falsch und sachlich nicht zu belegen.
Mitteilung von Asklepios
Kritik an Vollbelegung der Betten
Über Monate hat ZDF frontal gemeinsam mit dem "Spiegel" unter anderem zum Fall Wandsbek und zum Asklepios-Konzern recherchiert, hunderte interne Dokumente ausgewertet - darunter interne E-Mails, Belegungspläne, Dienstanweisungen und Gefährdungsanzeigen - sowie zahlreiche Gespräche mit Insidern geführt.
- Notaufnahmen: "Nackt im Sturm des Kostendrucks"
Eine Ärztin, die anonym bleiben möchte, berichtet gegenüber ZDF frontal, wie sie die Situation in der Notaufnahme erlebt habe: "Die Vollbelegung aller Betten, das war halt das Ziel. Und das hat uns eigentlich das Genick gebrochen, weil wir dann nicht mehr handlungsfähig waren."
Fachkräftemangel überall. Besonders in Krankenhäusern spitzt sich die Situation derzeit zu. Operationen müssen verschoben werden, Pflegekräfte kommen an ihre Grenzen.
05.02.2023 | 30:00 minNach Frontal-Recherchen wurden intern Tabellen zur Bettenauslastung verschickt, die zeigten, ob einzelne Abteilungen ihre Zahlen erfüllt haben. Waren die nicht im Plan, kursierten E-Mails des Geschäftsführers mit Anweisungen an die Ärzteschaft: "Hallo zusammen, nach einer guten letzten Woche fallen wir in den stationären Aufnahmen leider wieder ab. Bitte entsprechend eingreifen."
Asklepios weist den Vorwurf, einer gezielten "Suche nach Patienten" in der Notaufnahme zurück. Die unmittelbare Präsenz der medizinischen Fachabteilungen dort sei ein übliches Vorgehen.
Ärztinnen und Ärzte der Notaufnahme warnen
Die Dokumente zeigen: Immer wieder warnen die Ärztinnen und Ärzte der Notaufnahme vor fehlenden Betten, vor zu viel Stress, vor der Angst, deshalb Fehler zu machen. In zahlreichen Gefährdungsanzeigen halten sie die unhaltbaren Zustände fest, um sich abzusichern.
Auf Nachfrage erklärt Asklepios, Gefährdungsanzeigen seien "ein wichtiges Instrument der Früherkennung und der fortlaufenden Verbesserung der Prozesse und Abläufe". Man leite aus jeder Anzeige konkrete Maßnahmen ab.
Der Bundestag hat sich im Juli mit besserer Notfallversorgung befasst. Notärzte, Rettungsdienste und Krankenhäuser sollen künftig enger vernetzt werden.
10.07.2026 | 1:28 minIm Frontal-Interview schildert die Ärztin, wie sie die besonders belastenden Tage vor dem Brandbrief empfunden habe: "Irgendwann kamen auch noch die Pflegekräfte und sagten, wir haben keine Tragen mehr. Wir wissen gar nicht, wo wir die Patienten hinlegen können."
Und tatsächlich vergehen die Stunden einfach irre schnell, aber man hat das Gefühl, man schafft gar nichts. Und dann steht man nur da und denkt sich: Oh Gott, hoffentlich stirbt jetzt keiner, weil ich irgendwas übersehen habe.
Anonymisierte Ärztin
Krankenhaus Wandsbek steigert operativen Gewinn
Dass das vergangene Jahr in der Asklepios Klinik Wandsbek jedenfalls ökonomisch äußerst erfolgreich verlief, zeigt ein Weihnachtsgruß des ärztlichen Direktors, der kurz nach dem Brandbrief kursierte. Unter dem Betreff "Frohes Fest an das #teamwandsbek" schreibt er von großen Herausforderungen, aber man habe "performen können! (...) Wir liegen somit kurz vor Ladenschluss bei +8% zum Vorjahr".
Und tatsächlich - das ergibt sich aus internen Zahlen - hat das Krankenhaus Wandsbek im vergangenen Jahr seinen operativen Gewinn (EBITDA) mehr als verdreifacht.
In Dänemark wurde die Hälfte der Kliniken mit Notaufnahme geschlossen, dafür wenige große OP-Zentren geschaffen. Die Zusammenarbeit mit Hausärzten sowie deren Position soll nun gestärkt werden.
24.08.2026 | 1:58 minAsklepios weist Darstellung zurück
Asklepios betont dazu, alle Überschüsse würden im Unternehmen verbleiben und reinvestiert. "Die Ereignisse in der Asklepios Klinik Wandsbek im Jahr 2025 (…) war [sic] auch durch den Führungsstil des damaligen interimistischen Geschäftsführenden Direktors verursacht."
Man weise "die Darstellung eines weiterhin anhaltenden unangemessenen wirtschaftlichen Drucks auf die medizinische Behandlungsentscheidung im AK Wandsbek zurück". Laut Asklepios sei der Führungsstil wohl mitursächlich dafür gewesen, dass die ärztliche Führungsspitze über mehrere Wochen ausfiel. Der ehemalige Geschäftsführende Direktor sei abberufen worden. Dieser nahm auf Frontal-Anfrage dazu keine Stellung.
Update am Morgen
:Notaufnahmen vor dem KollapsWer in Deutschland akut Hilfe braucht, braucht oft vor allem eines: Geduld. Fast jede zweite Notaufnahme ist überlastet.
von Ilka Brecht
Update
Ganz anders klingt das in einer Asklepios-Pressemitteilung vom 30. April 2026. Demnach verlässt der Mann, der zum Führungskreis des Konzerns gehörte , "Asklepios auf eigenen Wunsch" und der Konzernchef bedankt sich "für über drei Jahre der erfolgreichen und konstruktiven Zusammenarbeit".
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