Drogenpolitik in Luzern – Crack verändert Luzern: Wie sich ein Wohnheim anpasst

Crack. Die rauchbare Form von Kokain ist seit einigen Jahren auf dem Vormarsch. In Genf, Zürich und Basel genauso wie in Yverdon, Olten oder Chur.
Ist in Luzern von harten Drogen die Rede, handelt es sich heutzutage in 90 Prozent der Fälle um Crack. «Mindestens», sagt Michele D'Agrosa. Er weiss, wovon er spricht. D'Agrosa ist selbst alkohol- und drogenabhängig. Seit Jahrzehnten.
Er berichtet von einer regelrechten Crack-Schwemme: «Heute zahlt man für ein Gramm Koks 50 Franken. Früher waren es 500.» Dies habe Folgen. Die Rauschwirkung von Crack sei nur kurz, der Beschaffungsdruck hoch. Die Betroffenen seien gereizt, aggressiv, asozial. Dadurch würden auch viele die Wohnung verlieren.
Mikrowelle statt Kochherd
Michele D'Agrosa macht hier keine Ausnahme. Seit vier Jahren lebt der Suchtkranke in einem betreuten Studio, unterstützt von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Ein gefragtes Angebot.
Der Betreiber, der Verein Jobdach, hat daher ein betreutes Wohnheim in der Luzerner Neustadt umgebaut und am Montag neu eröffnet. Denn der Crack-Boom hat auch Auswirkungen auf die erforderliche Infrastruktur.
André Bachmann, Geschäftsleiter des Vereins Jobdach, führt in eines der Zimmer. Allesamt sind sie mit Kühlschrank und Mikrowelle ausgestattet. Einen Herd? Gibt's nur noch in der Gemeinschaftsküche. «Leider zeigt sich, dass die Leute oft nicht mehr fähig sind, selbst zu kochen.»
Wenn man in einem schlechten Zustand ist, ist die Schranktür schnell mal weg.
Hinzu komme: «Die Betroffenen sind extrem unter Stress. Wenn sie einmal einen Moment lang Ruhe haben, ziehen sie sich gern zurück.» Eine Küche, in der sich mehrere Suchtkranke aufhielten, berge auch Konfliktpotenzial.
Was im Zimmer weiter auffällt: Einen eigentlichen Schrank gibt es nicht. Stattdessen ein robustes offenes Regal, fest im Boden verankert. «Wenn man in einem schlechten Zustand ist, ist die Schranktür schnell mal weg.»
Über 100 Leute auf der Warteliste
Wie herausfordernd der Umgang mit Crack-Süchtigen ist, zeigt sich auch an der Decke: Überall im Haus hängen Videokameras. Die Hausregeln werden den Bewohnenden auf Papier verteilt. Keine Gewalt, keine Beschaffungskriminalität, kein Drogenhandel. André Bachmann sagt: «Es geht auch um den Schutz der Mitarbeitenden.»
Insgesamt 19 Zimmer weist das sanierte Wohnheim auf. Die Nachfrage ist weit grösser: «Wir haben momentan über 100 Leute auf der Warteliste.»
Quartier begrüsst Rund-um-die-Uhr-Betreuung
Jobdach ist unter anderem finanziert durch die Katholische Kirche und die Stadt Luzern. Sozial- und Sicherheitsdirektorin Melanie Setz begrüsst die Wiedereröffnung. «Alle Leute, die ein Dach über dem Kopf haben, sind nicht auf der Gasse.»
Die Befürchtung, dass sich im Quartier nun eine offene Drogenszene bilden könnte, teilt sie nicht. Am Standort des Wohnheims habe ja bereits zuvor ein Angebot existiert, das sehr gut funktioniert habe. «Wir sind sehr zuversichtlich, dass dies auch so bleibt.»
Ähnlich tönt es von Markus Schulthess, Präsident des Quartiervereins Hirschmatt-Neustadt. «Ein grosser Vorteil ist, dass die Einrichtung rund um die Uhr betreut ist.» Er wohnt und arbeitet im Quartier und begegnet Drogenabhängigen häufig. «Es ist kein angenehmes Gefühl, aber es gehört zum innenstädtischen Leben.»
Für die Nachbarschaft wie für die Behörden ist klar: Der Crack-Konsum wird nicht verschwinden. Umso wichtiger werden Orte, die Stabilität bieten – für die Betroffenen, aber auch für das Quartier.
Regionaljournal Zentralschweiz, 14.9.2026, 17:30 Uhr ; gotl/fise;wilh
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