Erfolgsverein Como 1907: Mit einem Schuss Freiheit

Der italienische Fußballclub Como Calcio trumpft auch in der ersten Liga auf – dank eines indonesischen Geldgebers und des spanischen Coachs Cesc Fàbregas.
Foto: Alessandro Garofalo/reuters
Como Calcio schaut vor dem 4. Spieltag der Champions League von ziemlich weit oben in der Tabelle herunter. Sechs Punkte errang der Neuling in den ersten drei Begegnungen, fertigte dabei RB Leipzig und Manchester United jeweils mit 4:1 ab und berauschte mit einem Offensivfußball, der es an Schönheit mit dem unmittelbar am Stadion gelegenen Comer See aufnehmen kann. Como ist zu Beginn seiner allerersten Champions-League-Saison damit ähnlich erfolgreich wie die Branchenschwergewichte FC Barcelona und Manchester City.
Katalanischen Fußball-Chic wie die Tabellennachbarn – wo wäre City ohne Ex-Coach Pep Guardiola? – weist Como ebenfalls auf. Trainer Cesc Fàbregas wuchs in der legendären Nachwuchsschmiede La Masia in Barcelona auf. Erwachsen wurde er allerdings in der englischen Premier League beim FC Arsenal unter Arsene Wenger. Seine Trainerphilosophie speist sich aus diesen Polen.
Como wird für seinen One-Touch-Fußball gerühmt. Technisch starke Mittelfeldspieler wie Real-Madrid-Zögling Nico Paz oder der von Dinamo Zagreb geholte Martin Baturina suchen den direkten Weg nach vorn. Mal mit Steilpässen, öfter noch mit wie gemalt wirkenden weiten Diagonalbällen. RB Leipzig kann ein Trauerlied davon singen.
War zum Champions-League-Auftakt der 23-jährige Kroate Baturina mit einem Tor und einem Assist der Matchwinner, so zauberte gegen Manchester United der ein Jahr jüngere Kollege Paz. Mit einem Kunstschuss von der Strafraumgrenze besorgte der Argentinier das 1:0 und legte danach das 2:0 auf. Beim 3:0 zeigte er zunächst seine Balleroberungsqualitäten, startete dann zum Solo durch und vollendete selbst. Fàbregas, Lehrmeister des Hochgeschwindigkeitsfußballs, war gar nicht sauer, dass sein Schützling auf dem Weg von der Mittellinie zum Tor sagenhafte sechs Ballberührungen brauchte.
System und individuelle Freiheit
Paz’ Eigensinn passt vielmehr prächtig zum Credo seines Trainers. „Als Trainer darfst du nicht alles kontrollieren wollen“, gestand Fàbregas seinem Ex-Arsenal-Teamkollegen und jetzigen CBS-Kommentator Thierry Henry. „Man muss dem Talent vertrauen. Zu Beginn meiner Trainerkarriere habe ich geglaubt, jedes Detail managen zu müssen. Im Laufe der Zeit habe ich aber akzeptiert, dass das nicht möglich ist.“ Also legt der frühere Mittelfeldstar Wert auf Struktur und System, erlaubt innerhalb dieses Rahmens aber den Begnadeteren ihre Freiheiten.
Dass Fàbregas überhaupt in Como landete, erst als spielender Weltmeister 2022 in der Serie B, dann als Nachwuchstrainer und seit 2024 als Chefcoach, verdankt sich einem Kuriosum.
Die indonesische Milliardärsfamilie Hartono erwarb im Jahr 2019 den damaligen Viertligaklub eigentlich nur, um im dortigen hübschen Ambiente neue Folgen der TV-Show „Dream Chasers: Garuda Select“ über das Aufeinandertreffen indonesischer Talente mit europäischen Nachwuchskickern zu produzieren. Das Projekt versandete, auch wegen Registrierungsproblemen indonesischer Spieler in Europa, berichtete die vietnamesische Online-Zeitung VnExpress.
Transferausgaben fast wie der FC Bayern
Weil man den Klub nun schon hatte, machte man sich mit dem Fußballgeschäft vertraut. Fürs Fachliche wurde Fàbregas überzeugt und parallel wurden die Geldspeicher geöffnet. Auf 315 Millionen Euro taxiert die Plattform transfermarkt.de Comos Zugänge in den letzten drei Jahren – der FC Bayern hat im gleichen Zeitraum mit 344 Millionen nicht viel mehr ausgegeben.
Etwas Fußballromantik bietet Como trotz der Dukatenscheißerei dennoch. Weil die Tickets für das erste Champions-League-Match schnell vergriffen waren, bot Vereinsboss Mirwan Suwarso seinen eigenen Platz und 71 weitere VIP-Plätze Como-Fans mit Geburtsjahr älter als 1950 an. Die konnten noch von Pokalsensationen wie jenem 1:0 gegen Juventus Turin im Jahr 1986 schwärmen.
Am Mittwoch will Como in Lens seinen Spitzenplatz in der Champions League weiter festigen. Dafür erprobte Fàbregas am Wochenende defensive Stabilität. Seine Wundertechniker ermauerten dank Raumverdichtung ein mageres 1:0 gegen den gewöhnlich recht offensiven Tabellenletzten Venedig. „Nur einen Torschuss zugelassen – ein gutes Spiel“, bilanzierte der Coach. Man merkt: Zu seinen Lehrern gehörte einst auch José Mourinho.
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