Im Kopf von Jihan Alomar
Wie prägt ein Trauma das Leben – selbst Jahre nach der Flucht? Jihan Alomar wurde als Kind vom sogenannten Islamischen Staat (IS) verschleppt. Mit Leon Windscheid spricht sie über ihre Gefangenschaft und darüber, was sie bis heute begleitet.
Zehn Monate war Jihan Alomar (22) in Gefangenschaft. Mit elf Jahren gelang der Jesidin die Flucht; später kam sie nach Deutschland. Im Camper erzählt sie Leon von ihrer Angst, von vermissten Familienmitgliedern und von Erinnerungen, die im Alltag plötzlich wieder da sind.
IS-Terror im Irak: Das Ende ihrer Kindheit
Gemeinsam fahren Leon und Jihan zu einem Bauernhof. Der symbolische Ort erinnert sie an die Zeit vor dem IS-Terror: Im Irak verbrachte sie viele Stunden auf dem Hof ihrer Eltern. Am 3. August 2014 endete dieses friedliche Leben mit dem Einmarsch des IS.
Ihre Familie versuchte zu fliehen, geriet jedoch in die Hände der IS-Männer. Jihan sah, wie die Menschen in einem anderen Auto erschossen wurden, als sie weiterfahren wollten. In diesem Moment, sagt sie, sei ihre Kindheit zu Ende gewesen.
IS-Gefangenschaft: Menschenhandel und Vergewaltigung
Besonders schmerzlich ist für Jihan die Erinnerung an die Trennung von ihrem Vater. Ihre Hände berührten sich noch zwischen den Gitterstäben. Seine letzten Worte an sie: Alles werde wieder gut. Bis heute fällt es Jihan schwer, seinen Namen auszusprechen. Selbst wenn sie von ihrem neugeborenen Neffen erzählt, der nach ihrem Vater benannt wurde, nennt sie ihn nur „Baby“.
Jihan berichtet auch davon, wie Frauen in Gefangenschaft gekauft, weiterverkauft und misshandelt wurden. Als ein IS-Mann sie, ihre Mutter und ihre Geschwister 2015 kaufte, ergab sich in seinem Haus eine Möglichkeit: Sie konnten Jihans Onkel kontaktieren und schließlich fliehen.
Trauma nach der Flucht: Wenn die Angst zurückkehrt
Über das Programm „Sonderkontingent Baden-Württemberg“ kam Jihan nach Deutschland. Doch auch hier fühlt sie sich nicht immer sicher. Sie lebt mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Wie unvermittelt die Angst zurückkehren kann, beschreibt sie Leon, als ein Hubschrauber über ihnen fliegt: „Ich höre das und ich denke daran, wie gleich eine Bombe runterkommen wird.“
Zu ihren Erfahrungen in Deutschland gehört auch Rassismus. Jihan erinnert sich an eine Busfahrt, bei der sie mit ihrer Oma Kurmandschi sprach und die misstrauischen Blicke anderer Fahrgäste bemerkte. Für sie ist das besonders verletzend: Sie musste vor Terroristen fliehen – und erlebt nun, dass andere in ihr eine Bedrohung sehen.
Jihan hat sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut. Das Erlebte ist dadurch nicht verschwunden. Mit ihrer posttraumatischen Belastungsstörung setzt sie sich als Frauenrechtsaktivistin gezielt für Frauen- und Menschenrechte ein und macht sich mit ihrer Vergangenheit dafür stark, anderen zu helfen.
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