«Zu perfekt tönt bünzlig»: Wie deutsch dürfen Schweizer sprechen?

- Für Schweizer Ohren gilt: Ein bisschen Akzent muss sein, zu perfektes Hochdeutsch wirkt nicht sympathischer.
- Das zeigt eine Studie des Linguisten Adrian Leemann von der Universität Bern mit 98 Teilnehmenden.
- «10 vor 10»-Moderatorin Eliane Leiser sagt: Lieber unperfekt, dafür authentisch sprechen.
«Wir könnten schon auch deutsches Hochdeutsch sprechen, aber man will gar nicht zu perfekt klingen.» So wie der jungen Zürcherin Eva (17) geht es wohl vielen Schweizerinnen und Schweizern, wenn es um die Frage nach dem richtigen Hochdeutsch geht.
Wissenschaftlich untersucht hat dieses Phänomen nun der Linguist Adrian Leemann von der Universität Bern. Für seine Studie las ein Zürcher Schauspieler denselben Text in drei Varianten vor: deutlich schweizerisch, nahe an der deutschen Norm und einmal etwas dazwischen. 98 Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer bewerteten Kompetenz, Sympathie und Attraktivität des Sprechers.
Das Resultat: Die Mittelvariante kam auf allen drei Skalen am besten an. Besonders schlecht schnitt das sehr deutsche Hochdeutsch ab. Es wirkte weder kompetenter noch erhielt es eine Bestnote für Sympathie. Für Schweizer Ohren gilt offenbar: Ein bisschen Akzent muss sein.
«Perfektes Deutsch fühlt sich irgendwie künstlich an»
Auch Louisa (18) kennt den Zwiespalt gut. Ihre Mutter stammt aus Deutschland, mit ihr spricht sie zu Hause deutsch gefärbtes Hochdeutsch. «In der Schule würde ich das aber nie machen, dort sprechen alle Schweizer Hochdeutsch», sagt sie. Ihre Freundin Eva pflichtet ihr bei: «Das ist sonst irgendwie bünzlig.»
Marc (32) hat ebenfalls Mühe mit zu perfektem Deutsch: «Wenn ich mit Deutschen spreche, versuche ich schon, nicht zu schweizerisch zu klingen. Aber das perfekte Deutsch fühlt sich für mich selbst irgendwie künstlich an.» Zudem könne sich auch bei perfektem Hochdeutsch rasch ein Schweizer Wort einschleichen.
Lara (27) kommt aus Deutschland und lebt noch nicht lange in der Schweiz. «Manche Deutsche glauben, das Schweizer Hochdeutsch sei Schweizerdeutsch», sagt sie und lacht. Ihr falle auf, dass Schweizer schnell auf Hochdeutsch wechselten – und dann meist akzentfrei. Der Frage nach dem «richtigen» Hochdeutsch begegnet sie gelassen: «Ich finde den Schweizer Akzent weder besonders niedlich noch komisch, es ist einfach ein Dialekt von vielen.»
Sprechtrainings für Moderatorinnen und Moderatoren
Die Frage nach dem «richtigen» Hochdeutsch ist besonders relevant für Moderatorinnen und Moderatoren im Schweizer Radio und Fernsehen. SRF teilt auf Anfrage mit, dass seine Radio- und Fernsehjournalistinnen und -journalisten je nach Aufgabe und Bedürfnissen Sprechtrainings erhalten. Gefordert sei aber kein perfektes Bühnendeutsch: Die Aussprache dürfe eine leichte schweizerische Färbung haben, etwa ein gerolltes «r».
Ziel sei ein gut verständliches, möglichst neutrales Hochdeutsch, bei dem die Sprache nicht vom Inhalt ablenke. Welche Sprachform zum Einsatz kommt, ist je nach Sendung geregelt: Bei Interviewgästen könne auch Mundart Platz haben, wenn sich Personen so spontaner und differenzierter ausdrücken können.
Wie findest du es, wenn Schweizerinnen und Schweizer im Hochdeutsch leicht akzentuiert sprechen?
«Aussprache einer der häufigsten Gründe für Rückmeldungen»
Wie man diese Balance findet, weiss Eliane Leiser aus eigener Erfahrung. «Lieber unperfekt, dafür authentisch sprechen»: Dieser Grundsatz galt für die heutige «10 vor 10»-Moderatorin schon, als sie vor zwölf Jahren bei Radio SRF anfing. In Sprechtrainings ging es um «Sprechmelodie, um Betonungen und auch um die Aussprache». Bei ihr sei vor allem das Zürcher «A» ein Thema gewesen: «Ich habe das ‹A› weit hinten im Hals gesprochen, was weniger klar klingt als das hochdeutsche ‹A› vorne im Mundraum.»
Die helvetische Färbung ihres Hochdeutsch komme heute ganz von selbst. Zwar habe sie ein Jahr in Hamburg gelebt und könnte eine reinere deutsche Aussprache imitieren. «Doch sobald ich in meiner journalistischen Rolle Hochdeutsch spreche, sprudeln die Sätze helvetisch angefärbt aus mir heraus.» Sie rolle das «R» häufiger und betone das «S» etwas stärker, «ohne dass ich mir das extra vornehme».
«Neben Kommentaren zur Bekleidung und zur Frisur ist die Aussprache einer der häufigsten Gründe für Rückmeldungen», sagt Leiser. «Die Zuschauerinnen und Zuschauer freuen sich, wenn wir verständlich sprechen, und ärgern sich, wenn wir nuscheln.»
Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
