Ein ungewöhnlicher Fall: Mann stirbt beinahe an einer Überdosis Gemüse

Ein ungewöhnlicher FallMann stirbt beinahe an einer Überdosis Gemüse
13.10.2026, 17:07 Uhr

In der festen Überzeugung, besonders gesund zu leben, isst ein 82-Jähriger kiloweise Rote Bete. Nach einem Abendessen wird ihm plötzlich schwindelig und er bricht zusammen. In der Notaufnahme stoßen die Ärzte auf eine seltene Blutveränderung.
Rote Bete steckt voller Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe - und gilt zu Recht als gesundes Gemüse. Ein 82-jähriger Mann aus den USA trieb den Konsum allerdings auf die Spitze: Woche für Woche aß er knapp drei Kilogramm gekochte Rote Bete. Sogar das Kochwasser trank er mit. Was er für besonders gesund hielt, brachte ihn schließlich in einen lebensbedrohlichen Zustand. Den ungewöhnlichen Fall beschreiben seine behandelnden Ärzte nun im "Journal of Emergency Medicine".
Doch was ist passiert? Nach einem Abendessen fühlte sich der Mann plötzlich schwach und benommen und brach schließlich zusammen. Als er in die Notaufnahme der University of California in Los Angeles kam, war sein Blutdruck extrem niedrig, seine Haut auffällig schiefergrau. Auch die Sauerstoffsättigung bereitete den Ärzten Sorgen. Das Messgerät am Finger zeigte nur 88 Prozent Sauerstoffsättigung an - obwohl der Patient bereits große Mengen Sauerstoff über eine Nasenkanüle erhielt.
Antworten fanden die Ärzte im Blut
Zunächst dachten die Mediziner an ein akutes Herzproblem. Für diese Annahme gab es offenbar auch gute Gründe: Der 82-Jährige litt an einer schweren koronaren Herzkrankheit, hatte mehrere Bypässe und Stents und war erst zwei Monate zuvor erneut am Herzen behandelt worden. Doch Untersuchungen lieferten zunächst keinen eindeutigen Hinweis auf einen Herzinfarkt. Stattdessen fiel den Ärzten auf, dass zwar im Blut reichlich Sauerstoff vorhanden war - das Pulsoximeter aber weiterhin viel zu niedrige Werte anzeigte.
Die Erklärung lieferte schließlich eine spezielle Blutuntersuchung. Sie zeigte: Rund 21 Prozent des Hämoglobins lagen beim Patienten in einer veränderten Form vor, dem sogenannten Methämoglobin. Hämoglobin ist der rote Blutfarbstoff in den roten Blutkörperchen und normalerweise dafür zuständig, Sauerstoff von der Lunge zu Organen und Muskeln zu transportieren. Beim Methämoglobin ist das enthaltene Eisen jedoch chemisch so verändert, dass es Sauerstoff nicht mehr richtig binden kann. Normalerweise macht diese Form weniger als ein Prozent des Hämoglobins aus.
Steigt der Anteil deutlich an, sprechen Ärzte von einer sogenannten Methämoglobinämie. Dann kann trotz ausreichend Sauerstoff in der Lunge zu wenig davon im Gewebe ankommen. Typische Folgen sind eine bläulich-graue Haut, Atemnot, Schwindel oder Bewusstlosigkeit. In schweren Fällen wie bei dem eingelieferten Mann kann das lebensbedrohlich werden. Nachdem die Ärzte ihm jedoch ein Standardmedikament gegen die Blutstörung verabreicht hatten, besserte sich sein Zustand rapide.
Große Nitratmengen im Gemüse
Was aber hatte die seltene Blutveränderung ausgelöst? Bei der Suche nach möglichen naheliegenden Ursachen wie Medikamenten oder Chemikalien fanden die Ärzte zunächst nichts Auffälliges. Dann berichtete ihr Patient von seiner ungewöhnlichen Ernährung. In der Überzeugung, seiner Gesundheit etwas Gutes zu tun, hatte er zuletzt bis zu sechs Pfund, also fast drei Kilo, gekochte Rote Bete pro Woche gegessen. Außerdem trank er die beim Kochen übrig gebliebene Flüssigkeit. Rote Bete enthält von Natur aus vergleichsweise viel Nitrat.
Hinzu kam ein Medikament, das der Mann wegen seiner Herzerkrankung einnahm: Isosorbid-Mononitrat. Es erweitert die Blutgefäße und wird gegen Brustschmerzen bei Durchblutungsstörungen des Herzens eingesetzt. Die Ärzte vermuten, dass sich das Nitrat aus dem Medikament und die großen Nitratmengen aus der Roten Bete gegenseitig verstärkten. Dadurch geriet das körpereigene Schutzsystem aus dem Gleichgewicht, das den roten Blutfarbstoff normalerweise funktionsfähig hält. In der Folge konnte das Blut immer weniger Sauerstoff transportieren.
Die Autoren bezeichnen ihren Bericht nach eigener Kenntnis als den ersten beschriebenen Fall eines Erwachsenen, bei dem der Verzehr von Roter Bete eine Methämoglobinämie ausgelöst hatte. Bei Säuglingen sind entsprechende Fälle nach nitratreicher Gemüsenahrung dagegen bereits bekannt.
Keine Angst vor zu viel Roter Bete
Für den 82-Jährigen war die Situation nach Angaben der Ärzte besonders gefährlich, weil sein Herz bereits vorgeschädigt war. Sein Herzmuskel musste mit deutlich weniger verfügbarem Sauerstoff auskommen. Laborwerte deuteten demnach auf eine erhebliche Belastung des Herzens hin. Die Ärzte sprechen von einer begleitenden Myokardischämie - einer Unterversorgung des Herzmuskels mit Sauerstoff. Gerade Menschen mit wenig "kardialer Reserve" könnten eine solche Methämoglobinämie deshalb besonders schlecht verkraften, schreiben sie.
Der Fall ist dennoch kein Grund, Rote Bete vom Speiseplan zu streichen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA kommt in ihrer Risikobewertung zu Nitrat in Gemüse zu dem Schluss, dass die gesundheitlichen Vorteile einer gemüsereichen Ernährung mögliche Risiken durch die enthaltenen Nitrate deutlich überwiegen. Bei üblichen Verzehrmengen besteht für gesunde Erwachsene kein Anlass zur Sorge. Der außergewöhnliche Fall zeigt vielmehr, dass selbst Lebensmittel mit gutem Ruf in extremen Mengen und zusammen mit bestimmten Medikamenten unerwartete Folgen haben können.
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