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Wednesday, October 21, 2026

Babyboomer sind stinkreich – warum sind sie dann so geizig?

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Die Babyboomer sind eine der reichsten Generationen der Geschichte, doch statt ihr Vermögen im Ruhestand auszugeben, sparen viele immer mehr. Dahinter stecken vor allem der Wunsch, den Kindern Geld zu vererben, veränderte Gewohnheiten seit der Pandemie und die Angst vor hohen Pflegekosten.

Die Babyboomer sind eine der reichsten Generationen der Geschichte, doch statt ihr Vermögen im Ruhestand auszugeben, sparen viele immer mehr. Dahinter stecken vor allem der Wunsch, den Kindern Geld zu vererben, veränderte Gewohnheiten seit der Pandemie und die Angst vor hohen Pflegekosten.TAMEDIA AG

Babyboomer wurden zwischen 1946 und 1964 geboren und sind die glücklichste Generation der Geschichte. Der Grossteil dieser Gruppe, die in den reichen Ländern 270 Millionen Menschen umfasst, hat keine Kriege erlebt. Einige konnten die Beatles live sehen. Sie wuchsen in einer Zeit starken Wirtschaftswachstums auf. Nicht alle sind reich, doch insgesamt haben sie ein grosses Vermögen angehäuft, dank einer Kombination aus sinkenden Zinsen, rückläufiger Bautätigkeit und hohen Einkommen.

Amerikanische Babyboomer, die 20 Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachen, besitzen 52 Prozent des Nettovermögens im Wert von 76 Billionen Dollar. Nun, da die Generation in den Ruhestand geht, was wird sie mit ihrem Geld tun? Die Frage ist für mehr als nur Anbieter von Kreuzfahrten und Golfschlägern wichtig. Boomer haben tiefe Taschen, daher werden ihre Ausgabenentscheidungen einen enormen Einfluss auf globales Wirtschaftswachstum, Inflation und Zinssätze ausüben.

Und es stellt sich heraus, dass Boomer bemerkenswert geizig sind, nicht nur in Amerika, sondern in der gesamten reichen Welt. Sie geben ihr Vermögen nicht aus, sondern versuchen, es zu bewahren oder sogar zu vermehren. Die grosse Frage für die Wirtschaft in den 2020er- und 2030er-Jahren wird nicht sein, warum Boomer so viel ausgeben, wie viele erwartet hatten. Sie wird sein, warum sie so wenig ausgeben.

Ökonomen rechnen mit ausgabefreudigen Rentnern

Ökonomen haben ein einfaches Modell dafür, wie Menschen mit zunehmendem Alter Geld ausgeben. In der Jugend übersteigen die Ausgaben die Einkünfte, da man sich Geld leiht, um in Bildung zu investieren oder das erste Eigenheim zu kaufen. Im mittleren Alter legen Menschen Geld für den Ruhestand zurück. Und im hohen Alter gibt man mehr aus, als man verdient, und finanziert seinen Lebensstil durch den Verkauf von Vermögenswerten, etwa Häusern, und durch den Abbau von Ersparnissen.

Viele Forschende, die einer solchen «Lebenszyklus-Hypothese» folgen, argumentieren, dass mit dem Ruhestand der Boomer höhere Zinssätze und Inflation folgen werden. Eine wachsende Zahl ausgabefreudiger Boomer wird Waren und Dienstleistungen von einer schrumpfenden Zahl an Arbeitskräften nachfragen, was zu hoher Lohninflation führt. Wenn Boomer vom Vermögensaufbau zum Ausgeben übergehen, wird sich das globale Gleichgewicht zwischen Ersparnissen und Investitionen verschieben und zu höheren Zinsen führen, so Charles Goodhart und Manoj Pradhan, vielleicht die bekanntesten Vertreter dieser Ansicht.

Reich sterben, statt Geld auszugeben

Jüngste Erkenntnisse haben jedoch Zweifel daran geweckt, dass ein Ausgabenrausch bevorsteht. Italien und Japan, die ältesten Länder der Welt, haben seit Jahren niedrige Inflationsraten und Zinsen. Akademiker verweisen auf das «Rätsel des Vermögensabbaus» – eine Beobachtung, wonach ältere Menschen ihren Reichtum langsamer abbauen, als die Lebenszyklus-Hypothese voraussagt.

Eine Studie von 2019 der beiden Ökonomen Yoko Niimi und Charles Horioka stellt fest, dass Menschen in Japan jährlich nur ein bis drei Prozent ihres Nettovermögens ausgeben, was bedeutet, dass viele reich sterben. In Italien fanden Luigi Ventura, ein weiterer Ökonom, und Horioka, dass 40 Prozent der älteren Menschen in Pension weiterhin Vermögen aufbauen. Gehen Sie durch irgendeine italienische Stadt, und die Botschaft ist klar: Ältere Italiener sitzen gerne zusammen und plaudern, und das ist gratis.

Firmen, die auf konsumfreudige Boomer setzen, verlieren an der Börse

Unsere Analyse legt nahe, dass das Rätsel des Vermögensabbaus noch rätselhafter wird, denn Boomer sind geiziger als frühere Generationen. Einige Hinweise kommen von den Finanzmärkten. Vermögensverwalter haben Indizes geschaffen, die die Aktienkurse von Firmen verfolgen, die profitieren, wenn Ältere viel ausgeben.

Ein von MSCI, einem Datenanbieter, erstellter Index umfasst Unternehmen, die Behandlungen für altersbedingte Krankheiten, Freizeit und Tourismus sowie Anti-Aging-Hautpflegeprodukte anbieten. In den letzten fünf Jahren hat der Index den Aktienmarkt untertroffen und auf annualisierter Basis eine um einen Prozentpunkt geringere Rendite pro Jahr erzielt. Anleger wetten darauf, dass Boomer Horter und keine Verschwender sind.

Pensionäre sparen immer mehr

Wir haben Haushaltsdaten aus einer Reihe reicher Länder betrachtet. Wenden wir uns zunächst den USA zu. In der jüngeren Vergangenheit verhielten sich ältere Menschen weitgehend so, wie es ökonomische Modelle erwarteten. Mitte der 1990er-Jahre gaben die 65- bis 74-Jährigen zehn Prozent mehr aus, als sie verdienten, und zehrten damit ihr Vermögen auf. Seit 2015 haben Menschen dieser Gruppe jedoch etwa ein Prozent ihres Einkommens gespart.

Eine Umfrage der Federal Reserve legt nahe, dass die Babyboomer häufiger als frühere Generationen angeben, dass sie sparen. 1995 gaben 46 Prozent der pensionierten Haushalte an, im vergangenen Jahr gespart zu haben. Bis 2022 taten dies 51 Prozent.

In Kanada fiel die Sparquote von Menschen über 65 während der 2000er-Jahre. Doch etwa im Jahr 2015, nachdem Boomer begonnen hatten, in den Ruhestand zu gehen, kam der Rückgang zum Stillstand. In jüngster Zeit ist die Quote gestiegen. In Südkorea stieg die Sparquote der über 65-Jährigen von 2019 bis 2023 von 26 auf 29 Prozent, ein grösserer Anstieg als in anderen Altersgruppen. In Grossbritannien geben Rentner einen immer kleineren Anteil dessen aus, was hereinkommt.

In Australien sparten Menschen über 65 Anfang der 2000er-Jahre fast nichts von ihrem Einkommen. 2022 sparten sie 14 Prozent davon. In Deutschland stieg die Sparquote pensionierter Menschen von 2017 bis 2022 von 17 auf 22 Prozent. Und in Japan ist die Sparquote im Alter in die Höhe geschossen. Rentner machen etwa 40 Prozent der gesamten Konsumausgaben in Japan aus, weniger als vor zehn Jahren, obwohl es mittlerweile viel mehr von ihnen gibt.

Grosse Häuser, leere Zimmer

Nur wenige Babyboomer ziehen in kleinere Häuser und Wohnungen, wodurch ihnen Geld für die schönen Dinge des Lebens zur Verfügung stünde. Boomer, deren Kinder ausgezogen sind, besitzen laut Redfin, einem Immobilienunternehmen, 28 Prozent der amerikanischen Häuser mit drei oder mehr Schlafzimmern.

Jeder Boomer, der etwas auf sich hält, hat ein Gästezimmer. Tatsächlich sind in England etwa 20 Prozent aller Schlafzimmer Gästezimmer. Eine spektakuläre Wohnung mit Blick auf das Kolosseum, die Jep Gambardella gehört, dem 65-jährigen Protagonisten von «La grande bellezza», einem Film über Roms Boomer, bietet Schlafplätze für sieben Personen. Nur Jep lebt dort.

Vielleicht werden Boomer aufhören zu horten. Viele sind gesünder als ihre Vorgänger, was ihnen ermöglicht hat, den Ruhestand aufzuschieben und mehr Vermögen anzuhäufen. Im Kreis der überwiegend reichen OECD-Länder erreichte die Erwerbsquote von Menschen zwischen 55 und 64 kürzlich mit 66 Prozent ein Allzeithoch, gegenüber 58 Prozent im Jahr 2011. Regierungen haben Gesetze gegen Altersdiskriminierung eingeführt und damit ältere Menschen zur Erwerbsarbeit ermutigt.

Sparen für die Kinder

Doch es könnten tiefere Kräfte am Werk sein, die Boomer zögern lassen, das auszugeben, was sie verdient haben, und damit wiederum Zinsen und Inflation nach unten drücken. Drei Faktoren stechen hervor: «Vererbungsmotive», die Covid-19-Pandemie und Sorgen um die Pflege.

Viele Boomer erkennen, wie viel Glück sie hatten, solch enormes Vermögen anzuhäufen. Sie wollen es ihren Kindern weitergeben, von denen viele Schwierigkeiten haben, ein Haus zu kaufen oder Schulgebühren zu bezahlen. Eine Studie von Ventura und Horioka mit Fokus auf Europa zeigt, dass Vererbungsmotive oft weitgehend erklären, warum Rentner ihr Vermögen nicht aufbrauchen.

Es ist schwierig zu messen, ob Boomer stärkere Vererbungsmotive als frühere Generationen haben, obwohl einige Belege in diese Richtung weisen. Der Anteil von Erbschaften von Verstorbenen an die Lebenden am BIP steigt in den reichen Ländern rasch an. Amerikaner erben beispielsweise jedes Jahr etwa 50 Prozent mehr als noch in den 1980er- und 1990er-Jahren. Iren erben etwa doppelt so viel.

Seit Corona: Weniger Ausgaben für Restaurantbesuche

Dann ist da die Pandemie. Ältere Menschen waren durch Covid gravierenden Risiken ausgesetzt. Viele entwickelten zurückgezogene Gewohnheiten, die sie nur schwer wieder loswerden. 2022 gaben amerikanische Boomer real 18 Prozent weniger für Restaurantbesuche aus als 2019. Die Chefs von Darden Restaurants, zu deren Ketten unter anderem das Pasta-Restaurant Olive Garden gehört, stellten kürzlich fest, dass die Nachfrage von Menschen über 65 «weiterhin unter dem Niveau vor Covid» liege.

In Italien, einem weiteren Ort, an dem Pasta serviert wird, sinken die Ausgaben von Rentnern für Restaurants rapide. Wenn man an einer Bar mit Blick auf das Kolosseum einen Negroni trinkt, sieht man Millennials, Angehörige der Generation X und einige Angehörige der Generation Z. Doch wo sind all die Boomer, wenn sie so reich sind? Da sie jetzt weniger Erlebnisse kaufen, häufen viele beinahe aus Versehen Vermögen an.

Angst vor Pflegekosten

Der letzte Faktor ist das «Langlebigkeitsrisiko». Viele Boomer werden 100 Jahre und älter werden, was bedeutet, dass viele ein Drittel ihres Lebens im Ruhestand verbringen werden. Das stellt eine finanzielle Belastung dar, besonders für jene, die irgendwann medizinische Betreuung rund um die Uhr benötigen könnten. Laut einer Studie des Thinktanks «Employee Benefit Research Institute» ist in den USA der Anteil der Rentner, die sehr zuversichtlich sind, im Ruhestand «genug Geld» zu haben, von mehr als 40 Prozent Mitte der 2000er-Jahre auf heute weniger als 30 Prozent gefallen.

Diese Ängste verändern das Verhalten. Eine Studie des «Institute for Fiscal Studies», einer britischen Denkfabrik, zeigt, dass Menschen, die glauben, sie hätten «null» Chance, jemals für Langzeitpflege zahlen zu müssen, ihr Vermögen schneller aufbrauchen. Für die vielen Menschen, die sich jedoch sorgen, irgendwann ihre Mobilität zu verlieren oder an Demenz zu erkranken, scheinen die Risiken hoher Ausgaben heute zu gross.

Eine Studie von 2014 kommt zum Ergebnis, dass 13,5 Prozent des gesamten amerikanischen Vermögens auf Ersparnisse für medizinische Ausgaben im Alter entfallen. Niimi und Horioka kommen mit Blick auf Japan zu einem aussergewöhnlichen Schluss. Viele japanische Rentner sparen nicht nur für die Kosten ihrer eigenen Pflege, sondern auch für jene ihrer Eltern, die noch leben. In einer alternden Welt scheint es dringlicher, sich um die Grundbedürfnisse zu kümmern, als einen Drink vor dem Kolosseum zu geniessen.

The Economist

Von Economist.com, übersetzt von 20 Minuten, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist auf www.economist.com verfügbar.

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